Kolumne „Mensch, Mutter“ Stuttgart ist kinderfreundlich ... nicht?

Von Lisa Welzhofer 

Ob Kreißsäle, Kinderärzte oder Betreuungsplätze - wer in Stuttgart Kinder bekommt, taucht in eine Art Mangelwirtschaft ein, meint unsere Kolumnistin. Trotzdem vergibt sie das Siegel „kinderfreundlich“.

Beim jährlichen Kinderfest auf dem Flughafen gibt es jede Menge Spaß für Kinder Foto: Lichtgut/Volker Hoschek
Beim jährlichen Kinderfest auf dem Flughafen gibt es jede Menge Spaß für Kinder Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Stuttgart - „Stuttgart ist so was von kinderunfreundlich“, sagte kürzlich eine Freundin und führte auch gleich eine Reihe von Belegen an: Keine Radwege, dafür gebührenpflichtige Kindergärten, gestiegene Schülerticketpreise und spielzeugfreie Restaurants mit ausschließlich frittierten Kindergerichten. Außerdem sei sie gerade auf der Suche nach einem erschwinglichen und freien Schwimmkursplatz für ihre Tochter, was sich als unmöglich herausstelle.

Es stimmt schon: Wer in Stuttgart, dieser reichen Stadt, Kinder bekommt, taucht in eine Art Mangelwirtschaft ein. Alles, was mit dem Nachwuchs zu tun hat, scheint knapp zu sein: Von den Kreißsälen bis zur Nachsorgehebamme, von Rückbildungskursen über Kinderärzte bis zum Krippenplatz. Vom Schwimm-Turn-Musikkurs über Grundschulhortplätze bis zur erschwinglichen, kindertauglichen Wohnung.

Wenn man es so betrachtet, könnte man es fast ein bisschen zynisch finden, dass sich Stuttgart für das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“ bewirbt, das Unicef und Deutsches Kinderhilfswerk vergeben. Trotzdem habe ich Stuttgart bislang als kinderfreundlich empfunden, allerdings spreche ich lieber von familienfreundlich, weil Kinder- und Elternfreundlichkeit für mich zusammen gehören.

Jugendamt bietet Kurse an – kostenlos

Kürzlich saß ich zum Beispiel in einer Veranstaltung des Elternseminars des Jugendamts Stuttgart. Das Elternseminar ist ein großes Angebot an Gratis-Vorträgen und Kursen, die Müttern und Vätern beim Elternsein helfen – und das schon seit 55 Jahren. An dem Tag zum Beispiel sprach die Erziehungsberaterin Sabine König über moderne Elternschaft, hörte sich an, welche Erziehungsprobleme die anwesenden Mütter (und den einen Vater) plagten und hatte für jeden sehr patente Tipps - etwas, für das man normalerweise Geld bezahlen müsste. Ich ging an diesem Tag schlauer und beruhigter nach Hause.

Wer sich ein bisschen umsieht, findet jede Menge Angebote für Eltern und Kinder in Stuttgart auch von privaten und kirchlichen Trägern, vor allem in den Stadtteilzentren wie etwa dem Müze im Süden, dem Ekiz im Westen oder St. Josef im Osten, aber auch im Haus der Familie oder im Kinderklinikum Olgäle.

Es gibt Gratis-Krabbelgruppen und -Elterntreffs, kostenlosen Sport für Mütter, Väter und Kinder im Park. Dazu kommen die Vereine und Kultureinrichtungen, die jede Menge Angebote für den Nachwuchs machen. Vor allem im Sommer weiß ich eigentlich gar nicht, zu welchem Sraßenfest mit Kinderprogramm ich zuerst gehen soll. Letzes Jahr beispielsweise gerieten wir staunend in das kostenlose Sommerfest des Spielhauses im Schlossgarten, wo zwei Tage lang eine ganze Zirkuswelt aufgebaut war.

Kinderbetreuung ausbaufähig

Natürlich gebe ich meiner Freundin auch in einigen Punkten recht: Beim Ausbau der Kinderbetreuung ist vom Baby- bis ins Schulalter noch viel zu tun. Und während mir die fehlenden Radwege wenig ausmachen (wer will eigentlich in Suttgart freiwillig Rad fahren!?), würde ich mich schon auch freuen, wenn auf der Kinderkarte örtlicher Lokale mal was anderes als Pommes und Chickennuggets stünden (und damit meine ich nicht Spätzle mit Soße).

Als die Stadt übrigens vor drei Jahren 600 Kinder zwischen sechs und 13 Jahren gefragt hat, wie sie Stuttgart kinderfreundlicher machen würden, hatten die ganz andere Themen auf ihrer Prioritätenliste: An erster Stelle kamen Sicherheit und Sauberkeit - es waren definitiv Schwabenkinder -, gefolgt von Umwelt, Sport und Spielplätzen. Die Kinder wünschten sich unter anderem mehr Polizeipräsenz, Selbstverteidigungskurse in den Schulen, längere Grünphasen für Fußgänger an Ampeln und weniger Autos. An all diesen – und noch viel mehr Punkten – will die Stadt nun arbeiten, um das kinderfreundliche Siegel von Unicef und Kinderhilfswerk zu bekommen.

Meines hat sie schon mal.




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