KommentarKommentar zu Heiner Geißler Meister Yoda kehrt zurück

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Der Schlichter Heiner Geißler bereitet Gegner und Befürworter auf einen Tag nach seinem Gusto vor, meint StZ-Redakteur Holger Gayer.

Der Ärger über den von Heiner Geißler wortgewaltig verhängten Baustopp ist groß Foto: dpa
Der Ärger über den von Heiner Geißler wortgewaltig verhängten Baustopp ist groß Foto: dpa

Stuttgart - Da ist er also wieder, der Schlichter, den die Stuttgart-21-Gegner im Frühherbst des vergangenen Jahres verehrt haben, als sei er Meister Yoda persönlich, der mal eben aus dem "Star Wars"-Universum herabgestiegen ist, um auf der Erde den bizarren Konflikt um einen Bahnhof zu beenden. Schon damals begann Heiner Geißler seine Mission in der Landeshauptstadt mit einem babylonischen Sprachgewirr. Von der Bahn und der Mappus-geführten Landesregierung forderte er einen Baustopp, sonst sei das von ihm erfundene Politikexperiment namens Faktencheck von vornherein zum Scheitern verurteilt. Vor allem die Projektgegner sahen darob schon die Götterdämmerung heraufziehen; zumindest ein Denkmal in der Zeltstadt im Schlossgarten schien dem eigenwilligen CDU-Kopf sicher zu sein. Wenige Wochen später folgte die Ernüchterung: Geißler sprach am Ende der Schlichtung, dass der Tiefbahnhof gebaut werden solle - als "Stuttgart21 plus". Danach war er vielen Projektgegnern kein Meister Yoda mehr, sondern nur noch ein alter Mann, der wohl nicht mehr wisse, was er tue.

Wie ähneln sich doch die Szenarien. Auch jetzt kommt Geißler plötzlich und vollkommen unvermittelt mit einer Ansage ums Eck, die die Gegner und die Befürworter in seltener Eintracht fassungslos bestaunen, ehe sie - je nach Haltung zu dem Projekt - in Jubel oder in Ärger ausbrechen. Tatsächlich schafft es der Schlichter in ein und demselben Interview einerseits zu sagen, dass die Bahn den Stresstest bestanden habe, andererseits bescheinigt er dem Staatskonzern aber dringenden Verbesserungsbedarf. Die Betriebsqualität dürfe nicht nur "wirtschaftlich optimal" sein, sondern müsse die Premiumkriterien erfüllen - also Verspätungen abbauen. Damit gesellt er sich in diesem Punkt an die Seite des versiertesten Kritikers von Stuttgart 21, Boris Palmer, und verschafft dem Tübinger Oberbürgermeister unmittelbar vor der Präsentation des Stresstests eine unverhoffte Streicheleinheit.

Stuttgart 21 plus?

Doch falls Geißler sich weiterhin treu bleibt, darf dieses Manöver durchaus als kühl kalkulierte Taktik verstanden werden. Der Schlichter weiß, dass die Verträge zu Stuttgart 21 absolut bindend sind und ein Ausstieg nicht nur irrsinnig teuer wäre, sondern auch keine Verbesserung im Bahnknoten Stuttgart brächte. Gleichzeitig will er die Schwächen des geplanten Tiefbahnhofs aufzeigen und reparieren lassen. Deswegen heißt das Ergebnis vermutlich auch nach der Präsentation des Stresstests Stuttgart 21 plus. Es wird die Unterschrift eines Mannes tragen, der sich damit einen Platz in der jüngeren Politikgeschichte der Bundesrepublik sichern will - und wohl auch wird: als Erfinder einer neuen Art von Faktenanalyse, die künftig allen Großprojekten vorangestellt werden könnte.

Nur eine Frage blendet Heiner Geißler aus - die nach den Kosten seines aufgerüsteten Bahnhofs. Das sei nicht Thema der Schlichtung, knurrt der Weise aus der Pfalz und delegiert die Verantwortung zurück an die Politik. Was er seinen Berufskollegen zutraut, sagt Geißler nur indirekt: Sie sollen das Volk entscheiden lassen.