Auf Gorleben ist kein Verlass. Die Suche nach einem Endlager für Atommüll muss neu beginnen, kommentiert Christoph Link.

Stuttgart - In der Eurokrise wird dem Bürger bewusst, wie rasch die Gewissheit über die Stabilität von politischen und wirtschaftlichen Systemen plötzlich dahin sein kann. Das atomare Zeitalter - es neigt sich in Deutschland dem Ende zu - hat mehr als zehntausend Tonnen von hochradioaktivem Müll hinterlassen, bei dem es nur eine Gewissheit gibt: er wird noch Hunderttausende von Jahren strahlen. Dieser Atomschrott wird heute in dicken Stahlbehältern aufbewahrt. Sie heißen Castoren, sind geschützt vor Flugzeugabstürzen und gelten als sicher für die nächsten Jahrzehnte. Ihre Zwischenlagerung - zum Teil an den Atommeilern, zum Teil in Gorleben - ist genehmigt bis 2040. Aber was kommt danach? Nach wie vielen Jahrhunderten fängt ein Castor an zu korrodieren? Wie sieht es mit dem staatlichen Umfeld aus, in dem unsere Ururenkel eines fernen Tages aufwachsen? Wird es eine Demokratie sein oder eine Diktatur oder gar Anarchie, in der mit dem radioaktiven Gefahrgut fahrlässig umgegangen wird? Keiner kann das heute wissen.

Es gehört zur politischen Verantwortung in einem demokratischen Staat, die Frage nach der Endlagerung des radioaktiven Mülls hier und heute zu lösen und sie nicht späteren Generationen aufzubürden. Es ist ein lästiges und unbequemes Thema, mit dem wohl kein Politiker beim Volke wird glänzen können. Umso höher ist es Bundesumweltminister Röttgen (CDU) und Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) anzurechnen, dass sie sich in der Sache engagieren und gemeinsam mit Vertretern der Bundesländer die Suche nach einem neuen nationalen Konsens gestartet haben. Anders als der niedersächsische Ministerpräsident McAllister (CDU)- der von einem Infragestellen des Standorts Gorleben nur profitieren kann - wird Kretschmann bei den hiesigen Wählern mit einer Endlagerdebatte sicher nicht punkten können. Er war es gewesen, der im April mit dem Angebot, man könne auch im Südwesten suchen, den Stein ins Rollen brachte.

Einheitliche Kriterien sind nötig

In der Tat braucht man einen neuen Start: Es muss ein transparentes Verfahren gefunden werden, nach dem die Endlagersuche bundesweit ausgeschrieben wird. Es müssen von der Wissenschaft einheitliche Kriterien erstellt werden, anhand derer die geologische Eignung eines Standorts zu bewerten ist. Ende der 70er Jahre war es eine politische Entscheidung gewesen, die zur Fixierung auf die Erkundung von Gorleben im strukturschwachen Zonenrandgebiet geführt hatte. Heute räumen selbst die Fachbehörden ein, dass der Beschluss für das Wendland nicht auf einem nachvollziehbaren Verfahren gründete. Kriterien änderte man im Nachhinein - was den Zorn der Anwohner ins Unermessliche steigerte.

Man muss nicht der Ansicht von Umweltaktivisten sein, dass Gorleben ein "verbrannter Standort" sei, seine Eignung kann sich eines Tages noch herausstellen. Aber es liegt nahe, dass man die Untersuchung des Salzstocks aussetzt und Gorleben eine Atempause gönnt, bis die Rahmenbedingungen für eine bundesweite Suche festgelegt sind. Denn wie kann man Erkundungsbohrungen fortführen, wenn man die Kriterien dafür erst noch definieren will? Nicht nur im Wendland werden die Bürger am Sinn eines solchen Unterfangens zweifeln.

Nach der überwältigenden Mehrheit im Bundestag für den Atomausstieg sollte nun der zweite politische Konsens beim Endlager folgen. Der Moment ist günstig. Früher war die Endlagerdebatte emotional belastet gewesen mit dem Ja oder Nein zur Atomkraft. Aber gerade Kernkraftgegner sehen die Notwendigkeit für eine sichere Entsorgung des strahlenden Mülls. Die rot-grünen Versuche zur Lösung der Endlagerfrage - der grüne Umweltminister Trittin versuchte es ebenso wie der Sozialdemokrat Gabriel - versandeten in der allgemeinen Atomdebatte. Dem schwarz-grünen Gespann von Röttgen und Kretschmann ist hoffentlich mehr Glück beschieden.