Kommentar zum Fildertunnel Der Tunnelblick ist überholt

Spätestens der Anstich des Fildertunnels am Donnerstag zeigt: Der Bau von Stuttgart  21 geht voran. Nun gilt es, die Belastungen durch die Baustellen zu minimieren. Dabei sind alle gefordert, meint StZ-Redakteur Christian Milankovic.

Die ersten Meter des Fildertunnels sind bereits geschafft. Foto: Kai Müller
Die ersten Meter des Fildertunnels sind bereits geschafft. Foto: Kai Müller

Stuttgart - Fritz Kuhn hat die vorletzte Chance beim Schopf gepackt. Wenn am Donnerstag die Tunnelbohrmaschine im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof in Betrieb geht, beginnen offiziell die Arbeiten am dritten von insgesamt vier Tunnel in der Landeshauptstadt für Stuttgart 21. Der grüne Projektkritiker an der Rathausspitze hat bei vergleichbaren Veranstaltungen in der Stadt bisher durch Abwesenheit geglänzt. Aus Termingründen, wie die offizielle Sprachregelung lautet.

Kuhn ist nicht umgefallen

Für die Tunneltaufe am Fasanenhof fand sich nun aber ein Plätzchen in Kuhns Kalender. Die Zusage des Stadtoberhaupts könnte man als Petitesse abtun. Die Bahn baut – ob mit oberbürgermeisterlichem Segen oder nicht. Doch Kuhns Erscheinen ist mehr als die Teilnahme an einer Folkloreveranstaltung mit Taufspritzern aus Sektgläsern und wohlklingenden Worten. Es ist vor allem ein Zeichen dafür, dass sich auch bei Projektskeptikern eine Balance zwischen kritischer und konstruktiver Begleitung des Vorhabens einstellt. Dessen Umsetzung gewinnt unbestreitbar an Tempo. Kuhn nun, wie einige Gegner es tun, zu unterstellen, nach der angelsächsischen Devise „if you can’t beat them, join them“ mit wehenden Fahnen die Seiten zu wechseln, geht an der Sache vorbei. Aus Kuhn wird zwar kein glühender Befürworter mehr, aber der Grüne hat einen pragmatischen Blick für die Realitäten. Wenn sich der aus seiner Sicht ungeliebte Bahnhofsumbau schon nicht verhindern lässt, so soll er wenigstens mit den geringstmöglichen Beeinträchtigungen für die Stadtbevölkerung über die Bühne gehen.

Bahn muss Transparenz an den Tag legen

Für die von Kuhn geführte Stadtverwaltung ist das ein Balanceakt. Es darf erst gar nicht der Eindruck entstehen, die Behörden könnten der Bahn als Bauherrin einen Blankoscheck ausstellen. Darauf wird die Minderheit der S-21-Gegner im Gemeinderat achten – und mehr noch die durch die heftige Auseinandersetzung über das Projekt sensibilisierte Stuttgarter Stadtgesellschaft. Genauso berechtigt ist allerdings der Hinweis der Projektgesellschaft, dass Ämter und Behörden ihr Fachwissen auch beim Beseitigen von Problemen einbringen können – und es nicht beim bloßen Hinweis auf die Schwierigkeiten belassen müssen. Und im Gegensatz zur lang geübten Praxis kann sich auch die Bahn an dieser Stelle konstruktiv verhalten: indem sie schnell und transparent auf Probleme hinweist, die sich im Bauablauf ergeben. Vermutete oder tatsächliche Mauschelei ist kein Instrument der Vertrauensbildung. Wer in der Rhetorik vergangener Auseinandersetzungen verharrt, erweist dem ohnehin schon kritisch beäugten Projekt einen Bärendienst.

Noch wichtiger als Kuhns Kommen zum Tunnelanstich ist aber die Ankündigung des Stadtoberhaupts, in einen Dialog über die Gestaltung des Rosensteinviertels einzutreten. Bis vor Kurzem hielt er das nicht für nötig. Zu weit in der Zukunft liege ein eventueller Baubeginn in diesem für Stuttgart vollkommen neuen Viertel.

Diskussion übers Rosensteinviertel notwendig

Nicht zuletzt wegen Kuhns abwartender bis ablehnender Haltung waren die städtebaulichen Möglichkeiten, die sich aus der Neuordnung des gesamten Bahnhofsumfelds ergeben, zuletzt aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Jetzt, da sich im Stadtgebiet immer mehr Baustellen auftun, fällt es auch leichter, Menschen davon zu überzeugen, sich über ein Stadtquartier der Zukunft Gedanken zu machen, das auf den ausgedehnten Gleisflächen entsteht.

Die Schlachten um das Ob des Bahnhofsumbaus sind geschlagen. Nun kann es nur noch darum gehen, den maximalen Nutzen für die Stadt aus dem Vorhaben zu ziehen. Verbale Scharfmachereien auf beiden Seiten müssen dann aber der Vergangenheit angehören. Dasselbe gilt auch für den verengten Tunnelblick von fanatischen Befürwortern oder Gegnern, der längst nicht mehr taugt.