Kommentar zum Pistorius-Urteil Mangel an Beweisen

Oscar Pistorius kann einstweilen aufatmen. In unserer Bildergalerie rollen wir seinen Fall nochmal auf. Foto: POOL EPA 22 Bilder
Oscar Pistorius kann einstweilen aufatmen. In unserer Bildergalerie rollen wir seinen Fall nochmal auf. Foto: POOL EPA

Dass der wegen Mordes angeklagte Oscar Pistorius lediglich wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde, hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Angesichts der Beweislage wäre nichts anderes in Frage gekommen, meint Johannes Dieterich.

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Pretoria - Dass die südafrikanische Richterin Thokozile Masipa den wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp angeklagten Ausnahmesportler Oscar Pistorius lediglich der fahrlässigen Tötung und nicht des Mordes für schuldig befand, hat im Internet heftige Reaktionen ausgelöst. Tausende von Nutzern sozialer Netzwerke hatten offensichtlich erwartet, dass der beinamputierte 27-Jährige mindestens fürs nächste Vierteljahrhundert hinter Gittern schmachten muss. Er war für sie von vornherein des Mordes schuldig.   Doch zum Glück gibt es in Südafrika zumindest noch die Reste eines funktionierenden Rechtssystems. Die besonnene Thokozile Masipa fällte das einzige Urteil, das auf der Grundlage der Beweislage zu rechtfertigen war. Zugleich stellt ihr Richterspruch eine schwere Niederlage der Staatsanwaltschaft dar.

Der wegen seiner Unerbittlichkeit zum Helden erhobene Staatsanwalt Gerrie Nel vermochte trotz seiner Bissigkeit schlicht nicht genügend unumstößliche Indizien zu präsentieren, um eine Verurteilung des Angeklagten wegen vorsätzlichen Mordes zu erzwingen. In dubio pro reo – dieser Grundsatz gilt universal. Warum sind sich trotzdem so viele Hobby-Scharfrichter sicher, dass der Angeklagte seine Geliebte absichtlich umgebracht hat?

Die Antwort auf diese Frage ist im psychologischen, nicht im juristischen Bereich zu suchen. Oscar Pistorius wurde einst genauso emphatisch zum supermenschlichen Vorbild in den olympischen Götterhimmel erhoben wie er nun in den Schmutz gezogen wird: Offensichtlich ist es genauso süß, ein Idol auf ein Podest zu stellen, wie es anschließend wieder vom Sockel zu stoßen. Für den wirklichen Oscar Pistorius – den Jungen ohne Beine, der seinen Verlust auf Teufel komm raus zu überwinden suchte – hat sich noch kaum jemand interessiert. Das ist die eigentliche Tragik seines Falls.




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