Kommentar zur Gesundheitspolitik Der Kampf um die regionalen Kliniken geht weiter
Die Unruhe um Lauterbachs Reform bei den Kommunalpolitikern von Böblingen bis Leonberg lässt alte Ängste wieder hochkommen.
Die Unruhe um Lauterbachs Reform bei den Kommunalpolitikern von Böblingen bis Leonberg lässt alte Ängste wieder hochkommen.
Angesichts des Sanierung-Stopps im Leonberger Krankenhaus könnte man meinen, die bösen Geister von einst kehren zurück. Vor zehn Jahren stand die Zukunft der Klinik auf der Kippe. Ein Gutachten hatte dem Klinikverbund Südwest den Bau einer Großklinik empfohlen. Damit sollten die benachbarten Krankenhäuser in Böblingen und Sindelfingen ersetzt und die Angebote in Leonberg und Herrenberg reduziert werden.
Das Teamplan-Gutachten erlangte in und um Leonberg einen Status, der eher mit berüchtigt denn mit berühmt passend umschrieben ist. Machten sich doch die Verantwortlichen, allen voran der damalige Oberbürgermeister Bernhard Schuler, größte Sorgen um die Zukunft des Krankenhauses.
Dass Leonberg Abteilungen an eine künftige Zentralklinik abgeben muss, war von vornherein klar. Durch einen unerwarteten Abgang gewann die Debatte an Brisanz. Im Januar 2014 kündigte Wolfgang Heinz, Chef der Gastroenterologie. Ein Jahr zuvor war der langjährige Leiter der Unfallchirurgie, Peter Münst, in den Ruhestand gegangen.
Dass die zentralen Chefarztstellen wiederbesetzt werden, war nicht von vorn herein klar. Roland Bernhard, der Landrat aus Böblingen, der stets für die neue Großklinik geworben hatte, stand in und um Leonberg heftig in der Kritik. Die legte sich erst, als mit dem Unfallchirurgen Michael Sarkar und der Darm-Spezialistin Barbara John zwei anerkannte Fachkräfte für die wichtigen Abteilungen gewonnen wurden. Auch als 2017 der Chefarzt der Bauchchirurgie, Karl Josef Paul, sich ins Rentnerleben verabschiedete, gelang dem Klinikverbund Südwest eine hochkarätige Nachbesetzung: Wolfgang Steurer, renommierter Bauchspezialist aus Tirol, konnte für Leonberg gewonnen werden. Ihn reizt der direktere Patientenkontakt in einer kleineren Klinik.
Als ein Jahr später der lange vakante Chefposten in der Gynäkologie mit Monica Diac besetzt wurde, sahen selbst harte Kritiker eine vernünftige Perspektive fürs Leonberger Krankenhaus. Zumal der Aufsichtsrat eine umfangreiche Sanierung mit einem Gesamtvolumen von 87 Millionen Euro genehmigt hatte. „Niemand gibt so viel Geld für etwas aus, das er kurze Zeit später schließen will“, hatte der Landrat damals gesagt.
Und tatsächlich ist viel geschehen am ruhig gelegenen Krankenhaus am Rande der Stadt. Eine Zentrale Notaufnahme wurde nach modernsten Gesichtspunkten gebaut, die Intensivstation modernisiert, die gläserne Cafeteria erweitert. Das macht in der Tat niemand, der keine langfristigen Pläne hegt.
Deshalb ist weder dem Klinikverbund, noch den Beschlussgremien oder dem Landrat ein Vorwurf zu machen, dass sie die nächste Sanierungsstufe, die Radiologie, zunächst auf Eis gelegt haben. Angesichts der großen Unsicherheit ob der Reformpläne des Bundesgesundheitsministers wäre eine Sechs-Millionen-Investition im hoch verschuldeten Klinikverbund kaum darstellbar.
Was aber nicht bedeuten kann, das alles Geld nur noch in die Großklinik am Böblinger Flugfeld fließen darf, deren Anfangskosten von 330 Millionen Euro sich mittlerweile verdoppelt haben. Karl Lauterbachs Ziel, weg von den Fallpauschalen, ist völlig richtig. Dies aber mit einer Herabstufung aller kleinen Krankenhäuser zu Ambulanzen umsetzen zu wollen, ist völlig falsch. Denn dass kleinere Kliniken wertvolle Arbeit leisten und die wohnortnahe Versorgung ein hohes Gut darstellt, ist spätestens seit Corona unstrittig. Nun sind die Politiker auf kommunaler und Landesebene am Zug. Der Kampf um die regionalen Häuser geht weiter.