Stuttgart - Sie waren rebellisch und auf Provokation gebürstet. Georg Baselitz wurde vor Gericht zitiert, weil er Männer mit offenem Hosenladen und großem, nacktem Gemächt malte. Anselm Kiefer sorgte für Ärger, weil er sich auf seinen Bildern immer wieder beim Hitlergruß zeigte. In den sechziger Jahren formierte sich nicht nur auf den deutschen Straßen der Protest gegen die Vätergeneration, sondern auch in der bildenden Kunst. Baselitz, Kiefer, aber auch Gerhard Richter und Sigmar Polke arbeiteten sich auf ganz unterschiedliche Weise an der düsteren Vergangenheit Deutschlands ab.
Malerei made in Germany
Bei allem Unbehagen ihrer Heimat gegenüber machten die vier Maler damit nicht nur international Karriere, sondern werden heute gern gehandelt als die Vertreter der deutschen Kunst schlechthin. Deshalb hatte Gerhard Schröder als Bundeskanzler ein Gemälde von Georg Baselitz hinter seinem Schreibtisch hängen. Deshalb schickt das Institut für Auslandsbeziehungen seit Jahren Werke der vier Maler in Tourneeausstellungen ins Ausland – Malerei made in Germany. Und deshalb kommt der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an diesem Donnerstag auch höchstpersönlich nach Stuttgart, um in der Staatsgalerie die neue Ausstellung zu eröffnen, die die vier „bedeutendsten Künstler der Nachkriegszeit“ feiern will.
„Die jungen Jahre der Alten Meister“ nennt sich die Schau, deren Titel schon verrät, dass die Revolutionäre von einst längst im Olymp der Kunst angekommen sind. Sie sind „big names“ und wurden mit Preisen dekoriert – Anselm Kiefer wurde 2008 als erstem bildendem Künstler sogar der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Vor allem lassen die Werke dieser vier deutschen Maler die Kassen aufs Schönste klingeln. Gerhard Richter ist seit Langem einer der teuersten lebenden Künstler der Welt, sein „Abstraktes Bild“ von 1987 wurde im vergangenen Jahr bei Sotheby’s für 28 Millionen Euro verkauft.
Baden-Baden macht Stuttgart Konkurrenz
Verständlich, dass die Schau schon im Vorfeld auf großes Medienecho gestoßen ist. Sie wird sicher auch beim Publikum interessiert aufgenommen werden – selbst wenn das Museum Frieder Burda in Baden-Baden der Staatsgalerie die Schau stehlen will. Vor wenigen Tagen hat das Privatmuseum eine Gruppenausstellung eröffnet, in der partout Baselitz, Richter, Polke und Kiefer im Zentrum stehen. Aber so tickt der Betrieb eben: Museen konkurrieren miteinander – und berühmte Namen sind immer noch die beste Währung im beschwerlichen Ausstellungsgeschäft.
Allerdings hat allzu viel Heldenverehrung einen unangenehmen Beigeschmack, zumal das Ausstellungskonzept durchaus kritikwürdig ist. Deshalb haben einige Kunsthistoriker und Museumskollegen schon Zweifel geäußert, ob das Bild, das der 78-jährige Kurator Götz Adriani in Stuttgart von der deutschen Kunst der sechziger Jahre vermittelt, tatsächlich der Realität entspricht. Denn deutsche Kunst wird hier selbstverständlich mit westdeutscher Kunst gleichgesetzt. Malerei gilt als die zentrale Kunstgattung, was sich so nicht halten lässt. Und wie so oft werden die Künstlerinnen der Zeit ignoriert. „Die Kaste des heteronormativen, weißen Mannes ist nicht mehr das Maß aller Dinge“, empörte sich denn auch die Bremer Museumsdirektorin Janneke de Vries in einem geharnischten Zeitungskommentar.
Kuratoren haben eine große Macht und Verantwortung
Ob das Konzept plausibel ist, das muss die Ausstellung zeigen. Dass der Kurator Götz Adriani in Interviews aber immer wieder mit diesen Vorwürfen konfrontiert wird, zeigt, dass im Kunstbetrieb offensichtlich ein Umdenken stattfindet und die Zeiten der Heldenverehrung und der Stilisierung männlicher Genies dem Ende zugehen könnten. Letztlich werden auch die Ausstellungsmacher selbst das widerständige, kritische Denken üben müssen, das sie bei der Kunst doch so schätzen.