Kommt jetzt die Gastro-Pleitewelle? Wie zwei Wirte der Coronakrise trotzen

Die Stühle auf den Tischen, das Restaurant Krone Alt-Hoheneck ist zu – und trotzdem: Die Wirte beklagen sich nicht. Foto: factum/Andreas Weise

Zu Beginn der Pandemie fürchtete die Krone in Ludwigsburg um die Existenz – aber jetzt stehen Kunden Schlange vor dem Restaurant. „Wir haben eine gute Lobby“, sagen die Chefs. Das sehen nicht alle so – vielen in der Branche geht es schlecht.

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Ludwigsburg - Unter Gastwirten, Restaurant- und Barbetreibern gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Bei einem schlecht gelaunten Wirt ist niemand gerne zu Gast. Zu denjenigen, die viel klagen, gehören Pascal (40) und Markus Fetzer (42) gewiss nicht. Die Coronakrise und selbst der zweite Lockdown haben daran nichts geändert. Wer derzeit einfach nur ein bisschen mit den beiden übers Geschäft und die Situation in der Krone Alt-Hoheneck in Ludwigsburg plaudern will, der muss sich gedulden. Denn die beiden Geschäftspartner sind emsig und haben viel zu tun.

 

Natürlich hatten auch Markus und Pascal Fetzer im vergangenen Frühjahr Bammel – dass ihr Traditionsrestaurant in Ludwigsburg der Krise zum Opfer fallen könnte, schlossen sie nicht aus. „Wir haben schon kurz gedacht, dass es das gewesen sein könnte“, sagt Markus Fetzer. Lange haben sich die Wirte mit den Sorgen allerdings nicht aufgehalten. „Wir mussten zum Beispiel erstmal herausfinden, was überhaupt Kurzarbeit ist“, sagt Markus Fetzer und grinst. An Fragen wie dieser sind sie als Unternehmer gewachsen.

Manche Gastronomen entdecken neue Geschäftsfelder

Und relativ schnell haben sie sich wieder ihrer eigentlich Aufgabe gewidmet: Leuten gutes Essen zu kredenzen. Ideen hatten sie genug in der Schublade – die Pandemie zwang sie quasi dazu, sie endlich zu realisieren. Denn der Festbetrieb im Keller des altehrwürdigen Gebäudes am Neckar steht seit nun fast einem Jahr still, der Biergarten ist geschlossen.

„Schon vor Corona kamen immer mal wieder Leute, die wollten ein paar Maultaschen mitnehmen“, sagt Pascal Fetzer. Deshalb schweißen die Mitarbeiter die Herrgottsbescheißerle nun in größeren Mengen in Folie, so viel Brot wie derzeit wurde in der Krone vermutlich noch nie gebacken, und Soße gibt es nicht mehr nur zum Braten, sondern auch in der Flasche zum Mitnehmen.

 

Neben einem Abholservice haben die Fetzers und ihr Team einen kleinen „Dorfladen“ gegründet. „Wir waren echt erstaunt, wie viel geht“, sagt Pascal Fetzer – inzwischen wundern sich er und sein Schwager nicht mehr, dass die Leute vor dem Lokal Schlange stehen.

Eine provokante These: Ist die Branche nicht kreativ genug?

Als Gastronomen gehören sie ihrer Meinung nach zu einer Branche, der es noch einigermaßen gut geht. „Wir haben genug Hilfen bekommen“, sagt der 40-Jährige. Es gebe andere wie Friseure, Künstler oder die Veranstaltungsbranche – zu der die Fetzers mit ihrem Veranstaltungskeller ja irgendwie auch ein bisschen gehören –, denen es bedeutend schlechter gehe. „Wir durften ja eigentlich das ganze letzte Jahr irgendwas machen“, sagt Markus Fetzer. Viele Wirte haben die Zeit sinnvoll genutzt, sind kreativ geworden.

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Beispiele gibt es genug. Auf der anderen Seite klagen aber reihenweise Gastronomen über zu geringe Umsätze und fehlende Perspektiven. Die Gastrobranche sei da in gewisser Weise Spiegel der Gesellschaft, findet Markus Fetzer: Die einen merken nichts von der Krise und haben so viel zu tun wie nie zuvor, die anderen hätten gerne überhaupt etwas zu tun.

„Wir wissen natürlich, dass jeder Betrieb seine ganz eigenen, individuellen Probleme hat“, sagt Markus Fetzer – verstehen kann er das allerdings nur bedingt, denn Branchenvertreter hätten viel für die Mitglieder erreicht. „Es hat sich gezeigt, dass wir eine gute Lobby haben.“

Dehoga: Die Lage ist für viele Gastronomen bitterernst

Daniel Ohl, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Baden-Württemberg, freut sich über jeden Gastronomen, der das so sieht und bislang gut durch die Krise kommt. „Allerdings sollte man die Lage auf keinen Fall verharmlosen“, sagt Ohl. Das kann er auch mit Zahlen belegen. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage unter Dehoga-Mitgliedern gaben fast zwei Drittel an, dass ihr Betrieb gefährdet sei, mehr als ein Viertel beschäftigt sich sogar damit, ganz aufzugeben. Normalerweise setzt die Branche im Land 12,5 Milliarden Euro im Jahr um, 2020 fehlten 5,2 Milliarden Euro. Wie die Situation im Kreis Ludwigsburg aussieht, kann Ohl nicht sagen, da es keine Zahlen für die Kreisebene gibt.

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Viele Wirte, die Geld vom Bund oder Land beantragt hatten, haben dies mittlerweile zumindest anteilig bekommen. Wie stark der Staat jedem einzelnen unter die Arme greifen musste, hänge beispielsweise auch davon ab, ob jemand sein Lokal gepachtet habe oder Eigentümer der Räume sei, so Ohl. Klar ist auch: Auf dem Land ist es deutlich schwieriger, einen Lieferservice zu etablieren. „Man darf nicht sagen: Es verschwinden jetzt eben die, die es davor schon schlecht gemacht haben“, so Ohl.

Markus und Pascal Fetzer glauben hingegen, dass die, die schon vor Corona auf Qualität gesetzt haben, eher unbeschadet durch die Krise kommen werden. „Die Leute haben in der Coronazeit viel mehr daheim gekocht – und wissen jetzt vielleicht auch, wie viel Arbeit es macht, einen guten Rostbraten zu machen“, begründet Pascal Fetzer die Hoffnung, dass „gute Gastro“ dadurch in ein helleres Licht gerückt wird. Er geht davon aus, dass einige Kunden nun eher bereit sind, etwas mehr Geld im Restaurant auszugeben.

Wann dürfen Restaurants wieder öffnen?

Da die ersten Dienstleister wie Friseure wieder öffnen dürfen und auch der Handel nach mehr Normalität ruft, dürfte dieser Wunsch auch in der Gastrobranche wachsen. In Markus Fetzer brennt das Verlangen, bald wieder zu öffnen, nicht unbedingt. Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr machten die beiden Ludwigsburger keine guten Erfahrungen. „Die sechs Wochen nach der Wiedereröffnung waren die schlimmsten in unserer kompletten Firmengeschichte“, sagt Markus Fetzer. Der Grund: die ganzen Regeln, die es zu beachten galt. Aufwand und Ertrag seien dadurch in einem krassen Missverhältnis gestanden. „Deshalb würden wir am liebsten erst dann wieder aufmachen, wenn die Anforderungen so minimal wie möglich sind“, sagt Fetzer.

Die Angst von Wirten, dass sie keine Hilfen mehr bekommen könnten, wenn sie bald öffnen, kann Daniel Ohl zerstreuen. In Baden-Württemberg gebe es mit der „Stabilisierungshilfe Corona für das Hotel- und Gaststättengewerbe“ auch Zuschüsse, die sich direkt an den Verlusten orientieren. „Aber unser bestes Hilfsprogramm sind die Kunden“, sagt Ohl.

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