Kommunalwahl im Fokus Was interessiert die Jugendlichen?

Giuseppe Gefasuli, ehrenamtlicher Jugendmitarbeiter im Jugendhaus Hallschlag: Die Jugendlichen interessieren sich nicht für Politik. Foto: Privat 2 Bilder
Giuseppe Gefasuli, ehrenamtlicher Jugendmitarbeiter im Jugendhaus Hallschlag: "Die Jugendlichen interessieren sich nicht für Politik." Foto: Privat

Bei der Kommunalwahl am 25. Mai haben erstmals 16- und 17-Jährige gewählt. Ein ehrenamtlicher Jugendhausmitarbeiter und ein Lehrer erzählen, welchen Eindruck sie im Vorfeld der Wahl vom Interesse der Jugendlichen an der Kommunalpolitik hatten.

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Stuttgart - Im April 2013 beschloss der Landtag in Baden-Württemberg die Herabsetzung des Mindestwahlalters bei kommunalen Wahlen. Bei der Kommunalwahl am 25. Mai durften erstmals 16- und 17-Jährige wählen. Ein ehrenamtlicher Jugendhausmitarbeiter und ein Lehrer erzählen, welchen Eindruck sie im Vorfeld der Wahl vom Interesse der Jugendlichen an der Kommunalpolitik hatten.

Erste Party, erster Freund – und erstes Kreuzchen auf dem Wahlschein?

Giuseppe Gefasuli – für seine Freunde „Peppe“ – ist 23 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er in Stuttgart verbracht, seit sieben Jahren ist er ehrenamtlich im Jugendhaus Hallschlag tätig: Er macht mit den Jugendlichen Musik, bietet Workshops an und unterhält sich mit ihnen. Er hat fast täglich mit denen zu tun, die nun etwas durften, was ihnen bis dahin in Baden-Württemberg nicht zugesprochen war: Wählen ab 16. „Ich glaube, dass 16- und 17-Jährige zu jung sind, um wählen zu gehen“, sagt Giuseppe Gefasuli. „Sie sind nicht vollständig informiert, das politische Interesse fehlt. Jugendliche sind gerade in der 'Kennenlernphase', was sie alles machen können: Party, erster Freund oder erste Freundin.“ Natürlich gebe es Ausnahmen. Kennengelernt hat Giuseppe Gefasuli aber noch keine. Und das, obwohl er fast jeden Tag im Jugendhaus arbeitet. Dort sprechen die Jugendlichen untereinander kaum über Politik. „Die bekommen Politik erst mit, wenn sie in der Schule gefragt werden“, sagt er.

Wenn Jugendliche wählen, dann eher im Gruppenzwang: „Wenn sie hören, dass alle ihre Freunde die CDU oder die SPD wählen, dann machen sie das auch, weil sie dabei sein wollen. Die Mehrzahl gewinnt in dem Alter.“ Giuseppe selbst hat dieses Alter hinter sich gelassen, doch: „Ich wurde nie politisch erzogen, ich habe mich nie dafür interessiert. Wenn ich wählen gehen würde, wüsste ich nicht, was ich mache. Was der Unterschied zwischen der CDU und der SPD ist, kann ich nicht sagen.“ Aus ihm spricht auch die Enttäuschung: darüber, dass Politiker, die für Gesetze eintreten, selbst Gesetze brechen. „Dann werde ich ein bisschen stinkig“, sagt er. Auch unter seinen Freunden waren nur wenige Wähler: „Außer ein oder zwei Freunden ist keiner zur Wahl gegangen.“ Dabei findet er die Wahl eigentlich wichtig: „Jede Stimme zählt. Man sollte das Richtige wählen – wenn man sich damit auskennt.“

Das Interesse der Schüler wecken

Szenenwechsel: Ludwig Digomann (58) aus Stuttgart unterrichtet seit dreißig Jahren an der Freien Waldorfschule am Kräherwald Politik, Geschichte und Sport. Mit seinen Klassen, in denen auch 16- und 17-jährige Schüler sind, hat der Lehrer intensiv über die Kommunalwahl geredet – auch wenn die Jugendlichen nicht mehr so politikbegeistert sind wie früher. „Das Interesse schläft und muss erst geweckt werden“, sagt er. Über Projekte wie Zisch, politische Umfragen in der Stadt und Diskussionen im Klassenzimmer versucht Digomann die Jugendlichen an das Thema Politik heranzuführen. Was wissen Stuttgarter über die Berliner Mauer? Wie stehen sie zur gleichgeschlechtlichen Ehe? Und ist ein Suizid-Verbot sinnvoll? Fragen, über die sich Jugendliche selbst erst einmal Gedanken machen müssen. „Politik ist kompliziert, egal ob Jugendlicher oder Erwachsener“, gibt Digomann zu, „Schwarz und Weiß gibt es nicht.“ Hinzu kommt, dass sich Politiker oft sehr komplex ausdrücken, sich widersprechen und über die Köpfe der Jugendlichen hinwegreden. „Wie soll das ein Jugendlicher verstehen?“, fragt Digomann und ergänzt: „Außerdem sind Politiker heute immer weniger Vorbilder.“

Er bezweifelt, dass das Politikinteresse bei allen Schülern anhält und dass Jugendliche in der Wahl eine Chance sehen, selbst mitzubestimmen. „Die Wahl ist nur alle fünf Jahre ein Kreuzchen. Es kann gut sein, dass das Interesse wieder einschläft.“ Dennoch hat er seinen Schülern deutlich gemacht, was passiert, wenn sie nicht wählen gehen: „Wer nicht wählen geht, wählt damit automatisch die größte Partei.“ Die meisten seiner Schüler waren am Sonntag wählen. „Am Anfang war ich sehr skeptisch, ob die Wahl mit 16 eine gute Idee ist. Aber ich lebe aus der Erfahrung: Nachdem ich mit meinen Schülern das Thema Kommunalwahl im Unterricht behandelt habe, finde ich die Herabsetzung des Alters sinnvoll. Verantwortung kann man nur lernen, wenn man sie übernimmt – deshalb ist Wählen ab 16 ein richtiger Schritt.“

 




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