Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters Jörg Widmann dirigiert alle schwindelig
Jörg Widmann und das Stuttgarter Kammerorchester widmen sich im Mozart-Saal der „Großen Kunst der Fuge“.
Jörg Widmann und das Stuttgarter Kammerorchester widmen sich im Mozart-Saal der „Großen Kunst der Fuge“.
Konzerte mit Jörg Widmann haben immer einen besonderen Unterhaltungswert, weil von Anfang an eine fiebrige Musizier-Energie in der Luft liegt, die sofort auf alle Beteiligten überspringt. Großer Vorteil fürs Stuttgarter Kammerorchester (SKO) also, den berühmten Komponisten und Klarinettisten als künstlerischen Partner mit im Boot zu haben. Im Kulturgemeinschaftsabokonzert im prall gefüllten Mozartsaal leitete Widmann das SKO jetzt durch ein buntes Programm, das dramaturgisch aber einen roten Faden aufleuchten ließ: Werke erklangen, in denen auch das hehre Fugenprinzip und andere kontrapunktische Techniken zur Anwendung kommen.
Zum Einstieg gab’s Mozarts Adagio und Fuge c-Moll KV 546: Der expressiven, von tödlichen Stillen durchfurchten langsamen Einleitung steht eine Fuge gegenüber, deren vier Stimmen sich immer wieder krass dissonant aneinander reiben. Für Widmann ein erstes gefundenes Fressen, seinen exaltierten Orchesterleitungsstil zur Schau zu stellen. Sein Dirigat dient weniger der Präzision als vielmehr seinen Vorstellungen von Tempo und Lautstärkenverhältnissen, die er durch legere Wurfbewegungen, lärmende Hüpfer, nicht immer vorhersehbare Armschwünge und Fingerzeige einfordert.
Im „Allegro molto“-Finale der achten Jugendsinfonie D-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy, in dem Widmann das SKO gefühlt ins Prestissimo trieb, musizierte dieses also munter drauf los, was meistens gut ging, denn Yu Zhuang am Konzertmeisterpult hatte die Dinge im Griff. Zhuang konnte sich in Widmanns „Aria für Streicher“ gemeinsam mit dem Bratschisten Manuel Hofer dann auch als Solist in Szene setzen: mit expressiven Gesängen bis hin zum Flageolettpfeifen und vom SKO umfangen in ein wisperndes Schattenreich.
Auch Widmann verzichtete natürlich nicht auf einen solistischen Auftritt und ließ sein Instrument in Carl Maria von Webers Klarinettenquintett op. 34 (in einer Fassung für Streichorchester) singen, necken, flüstern – wie immer mit ausnehmend schönem Ton. Zum Publikumsburner wurde aber Widmanns techno-inspiriertes Jugendwerk „180 Beats per Minute“, in dem nun in Streichsextett-Besetzung und in rhythmisierter Höchstgeschwindigkeit durch die Minuten gejagt wurde. Permanent wechselt in diesem Stück der Puls, und minimalistisch ist der Tonvorrat, den ein einziger Akkord liefert. Ein tolles Stück und großer Jubel im Mozartsaal!