Konzert Stuttgarter Kammerorchester Quicklebendiges Musizieren
Beim Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters hinterlässt der Flötenstar Emmanuel Pahud einen überwältigenden Eindruck.
Beim Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters hinterlässt der Flötenstar Emmanuel Pahud einen überwältigenden Eindruck.
Rund 35 000 Jahre. Ungefähr so alt ist die Flöte, die man 2008 in der Nähe von Ulm bei Ausgrabungen gefunden hat, ihr Tonumfang betrug immerhin zwei Oktaven, gefertigt wurde sie aus der Speiche eines Gänsegeiers. Mit diesem primitiven Instrument hat die golden schimmernde Flöte von Emmanuel Pahud rein äußerlich nicht mehr viel gemeinsam. Und doch: Ein Teil der Faszination, die man beim Auftritt des Flötenstars im Rahmen des Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters erleben konnte, verdankt sich wohl auch der Archaik der Flöte, deren Töne letztlich Atem sind – modulierte Luft, die derzeit wohl keiner derart virtuos in Musik zu verwandeln vermag wie Pahud.
Der überwältigende Eindruck, den der als Solist in Mozarts Flötenkonzert Nr. 1 G-Dur KV 313 hinterließ, verdankt sich dabei nicht nur dem Umstand, dass er auf der Flöte alles kann. Sicher: Ein größeres dynamisches Spektrum als Pahud, dessen Ton sich quasi mühelos über das Orchester zu erheben vermag, ist ebenso schwer vorstellbar wie eine geschliffenere Ausführung all der technischen Vertracktheiten.
Aber vor allem findet Pahud, der sich viel mit historischer Aufführungspraxis beschäftigt hat, zusammen mit Thomas Zehetmair am Pult des SKO einen stilistisch adäquaten Zugang zu Mozarts Musik. Jedes Motiv, jede Phrase wird hier, dem Prinzip der Klangrede entsprechend, individuell ausgeformt. In ständiger Kommunikation von Solist und Orchester entsteht so ein quicklebendiges Musizieren, das meilenweit entfernt ist von jenem pauschalen Schönspielen, mit dem moderne Orchester Mozarts Musik gelegentlich banalisieren.
Das Publikum im erfreulich gut gefüllten Beethovensaal ist jedenfalls ziemlich aus dem Häuschen – und lässt Pahud dann doch ziehen, im Wissen darum, dass es nach der Pause noch eine Quasi-Zugabe geben würde. „Odelette“ heißt die Trouvaille aus Camille Saint-Saëns’ Spätwerk, eine klingende Reminiszenz an die vergangene Spätromantik, die Pahud und das blendend disponierte Orchester spielen, wie es sich gehört: in Farben schwelgend, schillernd atmosphärisch.
Formal strenger, mitunter – ein Fugato! – sogar fast klassizistisch kommt dagegen Saint-Saëns’ Sinfonie Nr. 2 daher, mit der das Orchester sein französisch inspiriertes Programm – zu Beginn gab es ein schwungvolles Entree mit Albert Roussels Sinfonietta – genauso beendet, wie es begonnen hatte: hellwach im Zusammenspiel, leichtfüßig und präzise artikulierend. Compliment!