Kopfschmerzen, Migräne, Tinnitus Sitzt das Unheil im Kiefer?
Das Kiefergelenk wird für viele Probleme verantwortlich gemacht. Wahrscheinlich zu Unrecht.
Das Kiefergelenk wird für viele Probleme verantwortlich gemacht. Wahrscheinlich zu Unrecht.
Stuttgart - Es ist erstaunlich, was dieses kleine Gelenk alles anrichten soll: Kopfschmerzen, Migräne, Tinnitus, Nacken-Schulter-Rücken-Schmerzen, Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden. „Zählen Sie auch zu den Menschen, die häufig unter diesen Symptomen leiden?“, fragt zum Beispiel eine Privatklinik auf ihrer Webseite und möchte gegen entsprechende Bezahlung weiterhelfen. Ähnliche Warnungen liest man auch in Internetforen und Frauenzeitschriften. „Ich find es echt gemein, so ein kleines Gelenk für so große Probleme verantwortlich zu machen“, sagt Rainer Schmelzeisen augenzwinkernd, der Ärztliche Direktor der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Uniklinik Freiburg.
Als hätte das Gelenk nicht schon so genug Schwierigkeiten: Rund zehn Prozent der Europäer geben an, Beschwerden im Bereich des Kiefergelenks zu haben. Kein Wunder: Die beiden Knochenverbindungen sind nicht nur die am häufigsten bewegten Gelenke des Körpers, sie müssen zudem mit Kräften klarkommen, die ausreichen würden, einen Erwachsenen in die Höhe zu stemmen. Mit bis zu 700 Newton zerren die Muskeln an ihnen. Auch in Sachen Beweglichkeit wird ihnen Überdurchschnittliches abverlangt: auf- und zuklappen, Verschiebung nach vorne und gleichzeitig zur Seite, all das lässt sich nur mit einer sehr komplexen Struktur unter einen Hut bringen.
Im Ruhezustand ruht sich deshalb das Köpfchen des Unterkieferknochens in einer Gelenkpfanne des Schläfenbeins aus. Um kauen zu können, wird es auf einer Art Pufferkissen, dem Diskus, aus dieser Kuhle Richtung Kinn gezogen. Bei jedem zweiten Menschen ist der Diskus aber dauerhaft nach vorne gerutscht, so dass das Köpfchen bei Gebrauch erst über seinen Hinterrand gezerrt werden muss. Das erzeugt ein Knacken, das aber völlig harmlos ist. Bei manchen Menschen ist der Diskus sogar so weit aus der Position gerutscht, dass selbst das nicht gelingt. Das kann zwar manchmal zu Schmerzen und unsymmetrischen Kaubewegungen führen, muss aber nur selten behandelt werden, weil der Körper den Diskus durch eine Art Ersatzpuffer ersetzt.
In Jens Türps Sprechstunde im Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel kommen allerdings oft Menschen mit umfassenderen Schwierigkeiten: Sie berichten von einem stechenden Schmerz in Ohrennähe – das typische Symptom, mit dem das Gelenk Probleme anzeigt. Oder klagen zusätzlich über Beschwerden im Gesichts- und Schläfenbereich. Ähnlich wie bei Rückenleiden tragen auch bei Kieferproblemen die überlasteten Muskeln maßgeblich zu den Problemen bei. Oft sind sie Hauptschmerzquelle, so Türp, Leiter der Abteilung Myoarthropathien und Orofazialer Schmerz. In der Regel stecke eine Überlastung des Kiefers dahinter: durch akute Gewalt wie einen Sturz aufs Kinn zum Beispiel oder durch chronische Überforderung, wenn das Gelenk nachts nicht zur Ruhe kommt.
Beim Bruxismus knirschen oder pressen die Kiefer mit bis zu dreimal höheren Kräften als im Wachzustand. Die Zähne werden dadurch regelrecht abgeschmirgelt. Die Therapie: Eine Michigan-Schiene aus Plexiglas kann nachts die Kräfte umverteilen und vor Abrieb schützen. Entspannungstechniken und Krankengymnastik können zusätzlich helfen.
Früher war man weniger zurückhaltend und pflanzte bei Kieferproblemen künstliche Puffer oder Ersatzgelenke ein, erinnert sich Rainer Schmelzeisen. Oder spülte und flickte das Gelenk per Schlüsselloch-OP. Inzwischen rät der Chirurg zu mehr Zurückhaltung. Auch wegen der schlechten Erfahrungen: Die künstlichen Zwischengelenkscheiben wurden zerrieben, die Kunstgelenke verloren oft ihren Halt. Wenig geholfen hat den Betroffenen auch das Zurechtschleifen der Zähne. Nicht ganz zueinander passende Zahnreihen galten einst als Hauptursache von Kiefergelenkbeschwerden – fälschlicherweise. Menschen ohne Kieferschmerzen haben genauso schiefe Gebisse, selbst fehlende Zähne werden vom Gelenk gut weggesteckt – solange nur die großen Backenzähne betroffen sind. Überflüssig, sagt Jens Türp, sei in diesen Fällen deshalb auch die teure Gebisskorrektur per Klammer oder ähnliche Eingriffe beim Kieferorthopäden.
Dass Patienten all das über sich ergehen ließen, hat auch mit dem Mythos vom Ganzkörperleiden zu tun. Über eine Zahnfehlstellung und muskuläre Dysbalancen strahle das Kiefergelenk bis in Nacken und Rücken aus, wird auch heute noch behauptet, und führe dort zu schmerzhaften Haltungsschäden. Umgekehrt sollen sich unterschiedliche Beinlängen negativ aufs Kiefergelenk auswirken. Als Ambrosina Michelotti von der Universität Neapel und ihre Kollegen vor ein paar Jahren der Sache auf den Grund gingen, suchten sie in den wissenschaftlichen Studien vergeblich nach entsprechenden Belegen. „Diese angeblichen Zusammenhänge sind längst widerlegt und werden wider besseres Wissen weiter propagiert“, kritisiert Jens Türp. Auch um an den entsprechenden Behandlungen zu verdienen.
Inzwischen geht man davon aus, dass Kiefer- und Rückenschmerzen indirekt zusammenhängen. Der Schmerz an der einen Stelle bahnt dem anderen im Gehirn den Weg und macht den Körper so sensibler für Muskel- und Skelettprobleme. Das soll erklären, warum beide Leiden häufig zusammen auftreten. Genetische und psychologische Faktoren könnten zusätzlich eine Rolle spielen. Zu Spannungskopfschmerzen können die Kiefermuskeln beitragen, weil sie auch an der Schläfe entspringen. Dass Ohrgeräusche ebenfalls überdurchschnittlich häufig mit Kieferschmerzen einhergehen, stellt die Wissenschaft dagegen noch vor ein Rätsel. Weil sich bisher kein Mechanismus fand, der das erklären könnte. Ein weiterer Grund, um mit Therapien eher sparsam zu sein: Bei bis zu 40 Prozent der Patienten verschwindet der Schmerz im Kiefer irgendwann von ganz alleine.