Korntal-Münchinger Schüler im EU-Parlament In Straßburg die Wurzeln gelegt

Gymnasiasten aus Korntal und Mirande waren in Straßburg. In einem Gebäude des Europäischen Parlaments schritten sie nicht nur über den roten Teppich. Foto: Stadt Korntal-Münchingen

Gymnasiasten aus Korntal-Münchingen sind aus Frankreich zurück. Der Vizepräsident Rainer Wieland lud sie ins EU-Parlament ein. Was bleibt von der Zeit mit den Jugendlichen aus der Partnerstadt Mirande?

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Die Reise von elf Jugendlichen vom Korntaler Gymnasium und fünf aus der französischen Partnerstadt Mirande nach Straßburg war ein voller Erfolg – und schreit nach Wiederholung. Das jedenfalls finden die 15- und 16-jährigen Gymnasiasten nach ihrem zweitägigen Aufenthalt im Elsass, der sie ins Europaparlament führte. Sie und die Schüler vom Lycée Agricole, einer Landwirtschaftsschule, diskutierten mit dem Vizepräsidenten Rainer Wieland (CDU) über Europa. Das Motto des ganzen Austauschs: „Was geht in Europa?“

 

Was der Europapolitiker antwortete? „Er spielte den Ball zurück und sagte: Nichts ohne euch“, erzählt die Schülerin Andreja Popovic. Für sie habe das wie ein Appell geklungen, sagt Reyhan Berksöz: Die Jugendlichen sollen sich politisch engagieren, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. „Wir sind die Zukunft“, sagt die Schülerin, die es „cool“ findet, dass sie am 9. Juni wählen darf. Man habe auch an dieser Antwort gemerkt, dass Rainer Wieland ein Politiker ist, sagt Josia Bullinger und grinst. „Er redet, wie Politiker eben reden.“

Viele Premieren in Straßburg

Für die Teenager war es der erste Besuch im EU-Parlament. Wegen Corona war es für sie auch das erste Treffen zwischen Jugendlichen aus Korntal-Münchingen und Mirande – eine Premiere. „Das Kennenlernen der Franzosen trägt zum Frieden in Europa bei“, meint Lina Guha Thakurta.

Besonders an der Reise war außerdem, dass Claus-Peter König, der Chef der Ludwigsburger Produktionsfirma König Media Produktion, dabei war. Er filmte fast die gesamte Zeit. Und habe die Gruppe häufig gebremst, wenn er eine schöne Kulisse sah. „Ich bin beeindruckt, wie gut vorbereitet die Jugendlichen waren und mit ihren politischen Fragen losschossen“, sagt er. Rainer Wieland sei ebenso überrascht gewesen.

Marathonabstimmung im EU-Parlament

Der Produzent war es auch, der die Schüler Aussagen zu Europa abgeben ließ. „Es war toll, dass wir eine Plattform bekommen haben, um unsere Meinung zu äußern“, sagt Reyhan. Sie wünsche sich, dass die Länder vereint handeln. Der Film ist nächstes Jahr zu sehen, wenn in Korntal-Münchingen das 60-Jahr-Jubiläum der Städtepartnerschaft gefeiert wird. Die Baden-Württemberg-Stiftung unterstützt im Programm „Nouveaux horizons“ das Videoprojekt mit 4115 Euro.

Für Reyhan war der Besuch im Parlament das beeindruckendste Erlebnis ihrer Reise. Vor der Diskussion verfolgten die jungen Leute eine Marathonabstimmung und Reden der Abgeordneten unter anderem über Desinformation und Hetze in den sozialen Medien und wie das die Europawahlen beeinflussen kann. „Das war Politik hautnah und spannend, weil es die Jugend betrifft“, sagt Reyhan. Josefine Jahn erinnert sich gern an die Essen mit den Franzosen. Bei lockerer Stimmung, die sie schon bei der ersten Begegnung feststellten, hätten sie sich über kulturelle Unterschiede ausgetauscht.

Aber es habe kurz gedauert, bis sie miteinander warm wurden: Zunächst habe unangenehme Stille geherrscht, berichtet Lina. Unbeholfen habe man sich die Hand gegeben. Küsschen links und rechts, wie sie die Franzosen verteilen, gab es erst später. Da war das Eis längst gebrochen. „Durch die großen Differenzen entstand auch Neugier“, sagt Josefine. Die Korntaler besuchen ein allgemeinbildendes Gymnasium, die Schüler der Partnerschule ein spezialisiertes, inklusive Internat. „Die haben Respekt vor unserer Schulbildung“, sagt Reyhan – die den Schulalltag der Franzosen schwieriger findet. Und erstaunt war über deren Essen: Selbsthergestellte Entenbrust und Pastete packten sie aus. Die Korntal-Münchinger brachten Brezeln mit.

Neugier dank Unterschiede

Auch über Europapolitik hätten sie gesprochen, wenngleich nur am Rande. „Die Korntal-Münchinger interessieren sich eher für europaweite Themen, die französischen Jugendlichen mehr für regionale“, hat der Filmproduzent König beobachtet. Zum Beispiel Lebensmittel: Die Mirander hätten kritisiert, dass die Korntal-Münchinger im Winter Tomaten und Gurken essen. „Die Franzosen haben ein anderes Bewusstsein“, sagt Claus-Peter König.

„Ein Städtepartner-Austausch unter Jugendlichen muss sein“

Die Sprache war wohl die größte Hürde. Die Mirander reden nur Französisch. „Sie waren sehr geduldig und haben uns oft geholfen“, sagt Josefine. Sie habe viele neue Wörter für den Alltagsgebrauch gelernt. Mit drei Franzosen sind die Gymnasiasten nach wie vor in Kontakt. Dank der sozialen Medien sei das ja unkompliziert. Der Lehrer Dennis Keifer sagt, dass die Franzosen Interesse daran hätten, nach Deutschland zu kommen.

Eva Tilgner, bei der Stadt Korntal-Münchingen verantwortlich für Städtepartnerschaften, beweisen die zwei Tage in Straßburg, „dass ein Austausch an einem ‚Drittort’ funktioniert“. Sie hätten gemeinsam die Stadt erobert und die Wurzeln gelegt. „Mal sehen, wie es weitergeht“, sagt Eva Tilgner – die freilich hofft, dass es weitergeht. „Ein Städtepartner-Austausch unter Jugendlichen muss sein.“ Zumal die Erwachsenen mit gutem Beispiel vorangehen. Fehlende Sprachkenntnisse oder Zeit sind Hürden, die einen Austausch zwischen den Jugendlichen bislang verhindert haben.

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