Kornwestheimer in Bessarabien Als Russland noch Freiheit versprach

Waldemar Hubert mit seiner Schwester Anastasia am Meuleshof Foto: Frank Ruppert

Die Kornwestheimer Familie Messerle zog vor 200 Jahren nach Bessarabien. In Russland erlebten sie Kriege, Verfolgung und Zwangsumsiedlung. Der Nachkomme Waldemar Hubert begibt sich auf Spurensuche. Warum verließen die Messerles Kornwestheim?

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

Wo liegen meine Wurzeln? Wie haben meine Vorfahren gelebt? Fragen, die sich wohl viele schon gestellt haben. Waldemar Hubert haben seine Nachforschungen in eigener Sache nach Kornwestheim geführt. Seine Vorfahren haben die Stadt um 1830 verlassen und sind nach Bessarabien gezogen. „Ich bin bei meinen Urgroßeltern aufgewachsen. Die haben mir immer von der Zeit früher erzählt. Deshalb kenne ich die ganze Familiengeschichte“, sagt Hubert.

 

Der 32-jährige Altenpfleger spricht überlegt. Ihm ist sowohl seine Herkunft aus Kasachstan als auch seine neue Heimat Franken deutlich anzuhören. Er ist zum ersten Mal in Kornwestheim. „Wenn meine Vorfahren gewusst hätten, was auf die Auswanderung folgt, wären sie vielleicht hier geblieben“, sagt Hubert nachdenklich.

Erste Station Lichtental

Hubert ist in Kasachstan geboren, der vorerst letzten Auslandsstation seiner Familie. Angefangen hat alles aber in Kornwestheim. Er entstammt der Familie Messerle, die auf den 1764 in Kornwestheim geborenen Gottfried Jacob Messerle zurückgeht, wie Historikern Birgit Arnold in ihrem Aufsatz „Von Bessarabien in den Kaukasus – Die Familie Messerle aus Kornwestheim und ihr Zug nach Osten“ festhielt. Mit seiner Frau Christina Katharina Trippel hatte er acht Kinder. Vier davon, drei Söhne und eine Tochter, verließen zwischen 1830 und 1850 ihre Heimat und wanderten nach Bessarabien aus, in die damals noch jungen Kolonien Gnadental und Lichtental.

Huberts Vorfahren siedelten in Lichtental, das heute in der südwestlichen Ukraine liegt, etwa zwei Autostunden entfernt von Odessa. „Warum sie gegangen sind, weiß ich nicht“, sagt er. Die Gründe für Auswanderung damals waren grundsätzlich vielfältig. Nachdem die Russen die Osmanen im 6. Türkenkrieg 1812 besiegt hatten, gehörte der Landstrich Bessarabien zum Zarenreich. Um ihn wieder zu bevölkern, versprach der Zar 1813 neuen Siedlern aus dem Ausland Religionsfreiheit, ein Stück Land, Steuerfreiheit für zehn Jahre und die Befreiung vom Militärdienst. In ihrer Heimat mussten die Auswanderer mit Landmangel, Dürrezeiten und den Folgen der napoleonischen Kriege, der hohe Ausgaben und viele Tote zeitigte, zurechtkommen. Zudem waren viele Pietisten mit der Entwicklung der Kirche unzufrieden.

Weiterzug in den Nordkaukasus

Was letztlich bei Waldemar Huberts Vorfahren den Ausschlag für die Auswanderung gegeben hat, ist nicht überliefert. Aber noch seine Urgroßeltern seien sehr religiös gewesen. Hubert hat sogar noch ein Gebetbuch, das die Reise aus Kornwestheim im 19. Jahrhundert und zurück im Jahr 2024 mitgemacht hat. „Meine Urgroßeltern haben mehrmals die Woche gebetet“, sagt Hubert.

Seine Vorfahren machten sich also um 1830 auf die beschwerliche Reise nach Bessarabien. Über die Donau seien sie in die neue Heimat gekommen. Aus religiösen Gründen – Huberts Vorfahren hatten sich den Templern angeschlossen – zog es die Messerles in den Nord-Kaukasus, wo sie die Kolonie Orbeljanowka 1868 gründeten. Diese Gegend wurde länger zur Heimat der Messerles. „Sie lebten dort wie in einer Blase. Es gab praktisch nur deutsche Siedler in der Gegend. Man bewahrte seine Traditionen, das Essen und die Sprache“, sagt Waldemar Hubert. Er betont das so, weil die deutsche Herkunft der Familie auch nach Generationen immer anhing – selten zu deren Vorteil.

In Viehwaggons gepfercht

Während des Ersten Weltkriegs wurden die Deutschen im Zarenreich immer misstrauischer beäugt und schlechter behandelt. Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem folgenden Bürgerkrieg, aus dem die Kommunisten als Sieger hervorgingen, wurden auch die Ländereien der Deutschstämmigen kollektiviert, und viele arbeiteten in den Kolchosen auf ihrem ehemals eigenen Land. Als Josef Stalin an die Macht kam – und spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg – verschlechterten sich die Bedingungen für die Nachfahren der Kornwestheimer Auswanderer erneut.

„Am 20. Oktober 1941“, erinnert sich Hubert an die Erzählungen seiner Urgroßeltern, die damals 14 Jahre alt waren, wurden alle Deutschen im Dorf seiner Vorfahren zusammengetrieben und in Viehwaggons gesteckt. „Ihnen wurde nur gesagt, sie sollen Proviant für drei Tage mitnehmen. Mehr nicht“, sagt Hubert. Die Messerles wurden umgesiedelt nach Kasachstan. Im Winter und mitten in der Steppe seien die Menschen damals angekommen und hätten wieder neu anfangen müssen. Die deutsche Sprache und auch ihr Glaube waren verboten. „Sie haben sich heimlich im Keller zum Beten getroffen“, sagt Hubert. Immer wieder wurden Deutschstämmige aus der Gemeinschaft ins Straflager gesteckt, weil sie bei Verstößen gegen Verbote erwischt wurden oder weil sie für Spione Deutschlands gehalten wurden. Sie richteten sich ein, aber Heimat wurde Kasachstan nie für sie. Es war ihnen auch nach dem Krieg verboten, ihre ehemalige Heimat im Nordkaukasus zu besuchen.

So wuchs der Wunsch nach einer Rückkehr in die deutsche Heimat. Huberts Familie siedelte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1993 nach Deutschland über. „Ich fühle mich als Deutscher“, sagt Waldemar Hubert, der in Kasachstan die ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Die ganze Familie wohne mittlerweile in der Umgebung von Ansbach. Die Spurensuche in Kornwestheim ist ein Tagesausflug. Der allerdings eine kleine Enttäuschung beinhaltet – das Haus, in dem seine Familie vor fast 200 Jahren lebte, existiert nicht mehr, es brannte 1944 nieder.

Interessiert schauen sich Waldemar Hubert und seine Schwester Anastasia, die ihren Bruder begleitet, im alten Flecken um. Der Meuleshof hat auch eine Bedeutung für Hubert. In seiner Familie gebe es auch eine Verbindung zu den Meules, sagt er. Der 32-Jährige will die Erzählungen und seine eigene Recherche mit eigenen Eindrücken abrunden. So war er auch schon in Kasachstan und hat sich das Grab seines Ururgroßvaters angeschaut. Kornwestheim verlässt er nach dem Spaziergang durch den Ort wieder in Richtung seiner Heimat in Franken.

Auf der Suche nach einer Heimat

Bessarabien
 Der Name Bessarabien ist nach dem walachischen Fürstengeschlecht Basarab benannt. Es handelt sich um eine Steppenlandschaft am Schwarzen Meer: 1376 gehörte sie zum Fürstentum Moldau, 1503 wurde sie türkisch und 1812 ging Bessarabien an Russland.

Nordkaukasus
Die im Nordkaukasus gelegene Kolonie Orbeljanowka wurde von den schwäbischen Auswanderern aus Lichtental gegründet. Sie hatten sich der pietistischen Templergesellschaft angeschlossen. Ein Teil von ihnen zog später weiter nach Palästina.

Kasachstan
Zwangsumgesiedelt wurden Deutsche in Russland in den 1940er-Jahren nach Sibirien oder Kasachstan. 1989 ließen sich rund 960 000 Menschen in Kasachstan als Deutsche eintragen. Heute leben dort noch 175 000 Deutsche.

Kornwestheim
 Wie der Heimatforscher Reinhold Kienzler herausfand, verließen in der Zeit zwischen 1830 und 1839 insgesamt 113 Kornwestheimer ihre Heimat. 89 davon gingen nach Bessarabien.

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