Kriminalstatistik Stuttgart 2018 Falsche Polizisten verdreifachen Beute

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Bei neun erfolgreichen Telefonaten ergaunern Betrüger mehr als 500 000 Euro. Die Polizei Stuttgart kooperiert für die Ermittlungen mit andern Dienststellen – nicht nur in Deutschland.

Das Jahr 2018 brachte eine enorme Steigerung bei den Taten der falschen Polizisten. Foto: dpa (Symbolfoto) 11 Bilder
Das Jahr 2018 brachte eine enorme Steigerung bei den Taten der falschen Polizisten. Foto: dpa (Symbolfoto)

Stuttgart - Manchmal versteht auch Rüdiger Winter die Welt nicht mehr, obwohl ihm als Chef der Stuttgarter Kriminalpolizei kaum etwas Menschliches fremd ist. „Da stehen wir bei einem Opfer vor der Tür, ­Kriminalbeamte in Zivil und Uniformierte, und werden mit Gegenständen beworfen“, berichtet er vom Einsatz bei einem Senior, der von Betrügern angerufen worden war. Er war noch am Telefon und telefonierte mit Gaunern, die behaupteten, sie seien von der Polizei. „Und das machen die so hartnäckig, dass er uns dann wegjagen wollte: Wir seien nicht die richtige Polizei, mit der telefoniere er gerade“, berichtet Winter bei der Präsentation der Kriminalstatistik für das vergangene Jahr.

Er greift dieses Deliktfeld heraus, weil ein starker Anstieg verzeichnet wurde: Mit der Behauptung, von der Polizei zu sein, haben Betrüger im vergangenen Jahr bei 872 Stuttgartern angerufen. Landesweit starteten sie 7253 Versuche. Die Anrufer behaupten, das Vermögen des Opfers sei in Gefahr, und überreden überwiegend ältere Menschen dazu, einem Boten Geld zu übergeben.

Die Polizei habe viel unternommen, um dieses Phänomens Herr zu werden. Zuerst habe man Kontakt zu den Münchner Kollegen aufgenommen, die ihrerseits wieder mit der türkischen Polizei kooperierten. Denn die meisten Betrüger, die mit der Masche „falscher Polizeibeamter“ arbeiten, würden über Callcenter in der Türkei tätig werden. 19 solcher Zentren seien durch die Zusammenarbeit identifiziert und geschlossen worden. Inzwischen arbeitet die Polizei deutschlandweit zusammen gegen die falschen Beamten: Bei einer Fachtagung im vergangenen Winter habe man sich in Stuttgart ausgetauscht und Gemeinsamkeiten bei Fällen untersucht. „Das Schleswig-Holsteiner Landeskriminalamt hat zum Beispiel einen Spezialisten, der Stimmen vergleichen kann“, sagt Winter. Mit dessen Wissen ließen sich Zusammenhänge zwischen einzelnen Taten erkennen.

Von den 872 in Stuttgart bekannt gewordenen Fällen waren nur neun erfolgreich. Dennoch wurde fast dreimal so viel Beute gemacht wie im Jahr davor. Die Täter nahmen den vorwiegend älteren Opfern 546 095 Euro ab. „Sie suchen nicht gezielt nach wohlhabenden Opfern, sondern telefonieren das Telefonbuch rauf und runter“, erläutert Rüdiger Winter.

Die Polizei hat das Thema beim Dezernat für organisierte Kriminalität angesiedelt, betont der Polizeipräsident Franz Lutz: „Da gehört es hin, denn es geht um internationale Strukturen.“ Eine Gruppierung konnte im Herbst 2018 ausgemacht werden. Im Raum Ludwigsburg saß eine Gruppe, die die ­Logistik hinter den betrügerischen Anrufen organisierte. Mindestens eine Tat in Stuttgart und vier weitere Fälle aus dem Südwesten konnten so aufgeklärt werden. Zwei Täter kamen Anfang Oktober in Haft. Die Spur führte zu einem Callcenter in der türkischen Stadt Izmir. Ein Drahtzieher, dem die Polizei ebenfalls auf die Spur kam, wurde im ­Dezember in Zürich verhaftet. Die Schweiz lieferte den mit internationalem Haftbefehl gesuchten Deutschen im Januar aus.

Außer den Ermittlungen des Dezernats für organisierte Kriminalität setzt die Polizei auch auf Prävention. „Bei jedem großen Fest haben wir einen Infostand“, sagt Ulrich Sauter, der Leiter des Referats Prävention. Auch arbeite man mit Pflegeeinrichtungen zusammen, seit Neuestem auch mit Schulen, damit die Kinder ihre Großeltern aufklären. Es herrscht weiterhin Alarm: Allein im März wurden in Stuttgart schon rund 300 Anrufe von Betrügern gemeldet.

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