Krise auf dem Lkw-Markt Daimler steht vor Kündigungen in Brasilien

Dunkle Wolken über Daimlers Lkw-Produktion in Brasilien. Foto: Daimler
Dunkle Wolken über Daimlers Lkw-Produktion in Brasilien. Foto: Daimler

Auf dem brasilianischen Lkw-Markt ist kein Ende der Talfahrt in Sicht. Deshalb stehen bei Daimler nach mehreren Abfindungsrunden nun erstmals Entlassungen bevor.

Korrespondent : Wolfgang Kunath (kth)
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Rio de Janeiro - Im brasilianischen Nutzfahrzeug-Werk von Mercedes-Benz in São Bernardo do Campo stehen offenbar Massenentlassungen bevor. Von den knapp 10 000 Mitarbeitern des Werks seien 1870 überflüssig, teilte das Unternehmen der Belegschaft mit, präzisierte jedoch nicht, wie viele davon entlassen werden sollen. Infolge der seit drei Jahren anhaltenden Krise ist der Absatz von Lastwagen und Bussen dramatisch eingebrochen. Mercedes-Benz ist der Marktführer in diesem Segment. Das Unternehmen hatte im Mai für die Beschäftigten in São Bernardo do Campo ein Abfindungsprogramm vorgelegt. Aber von den 2500 Arbeitsplätzen, die wegen der geschrumpften Produktion überzählig waren, sind dadurch nur 630 weggefallen. Angesichts der allgemeinen Wirtschaftskrise mochten nicht mehr Beschäftigte darauf eingehen, sodass nun die restlichen 1870 Arbeitsplätze auf dem Prüfstand stehen.

Zu Entlassungen dürfte es erst im September kommen, weil ein Kurzarbeitsprogramm, das im vergangenen September für die Dauer von neun Monaten abgeschlossen worden war, Kündigungsschutz bis zum 31. August gewährt. Danach wurde die Arbeitszeit um 20 Prozent, die Bezahlung um zehn Prozent reduziert, die anderen zehn Prozent schoss ein staatlicher Ausgleichsfonds zur Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit zu. Das Werk arbeitet nur vier Tage die Woche.

Keine Belebung des Marktes in Sicht

In einer Erklärung erinnert das Unternehmen an seine schwierige Lage „angesichts einer der schlimmsten wirtschaftlichen Krise des Landes“ und unterstreicht, dass nach „sukzessiven Verringerungen der Produktion“ mehr als 2500 Mitarbeiter überzählig seien. Außerdem gebe es keinerlei Anzeichen für die Wiederbelebung des Marktes im kommenden Jahr, wodurch die Lage nochmals schlechter werden könnte, heißt es in der Erklärung, die Philipp Schiemer, der Brasilien-Chef des Unternehmens, unterzeichnet hat. Es sei nicht möglich, einen so hohen Überschuss an Arbeitskraft mit einem „extrem reduzierten Produktionsvolumen“ zu vereinbaren, schreibt Schiemer weiter. Deshalb bleibe „leider“ nur die „Anpassung des Personaltableaus“ als Ausweg.

„Wir sind mit der Werksleitung in Kontakt getreten, um alternative Maßnahmen vorzuschlagen, aber das Unternehmen hat sich unnachgiebig gezeigt“, teilt Aroaldo Oliveira mit, der Vizepräsident der Metallarbeiter-Gewerkschaft in der Region. Die Gewerkschaft sei sich bewusst, wie die Marktlage ist, aber es gebe andere Mittel, durch die schweren Zeiten zu kommen. Oliveira nannte die Erneuerung einer Kurzarbeitsregelung, die Kürzung der Arbeit bei Verringerung der Löhne und anderes. Schiemer hatte sich dazu allerdings schon im Frühjahr, als die Firma den 60. Jahrestag ihres Bestehens in Brasilien feierte, ablehnend geäußert. Die Kurzarbeitsregelung habe ihren „Nutzen verloren“, sagte er damals.

Rund 3000 Stellen sind bereits gestrichen worden

Daimler-Truck-Chef Wolfgang Bernhard hatte bereits im Februar angekündigt, dass der Jahresauftakt auf dem brasilianischen Lkw-Markt schlechter als erwartet ausgefallen und kein Ende der Talfahrt in Sicht sei. Man strebe sozialverträgliche Lösungen an, Kündigungen könnten jedoch nicht ausgeschlossen werden, so Daimler-Vorstand Bernhard damals. Kurz zuvor hatte dagegen der Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht erklärt, dass die Arbeitnehmervertreter Kündigungen ablehnten. In den vergangenen Jahren sind bereits rund 3000 Stellen in Brasilien über Abfindungsprogramme gestrichen worden. Ein Daimler-Sprecher in Stuttgart wies nun nochmals darauf hin, dass man in den vergangenen drei Jahren immer wieder Gespräche mit der Gewerkschaft geführt und attraktive Abfindungen angeboten habe. Heute sei man jedoch an einem Punkt angelangt, an dem alle Möglichkeiten, die Zahl der Arbeitsplätze über solche Angebote zu verringern, erschöpft seien. Daimler schreibe im Truck-Geschäft in Brasilien rote Zahlen und müsse auf den Einbruch des Marktes reagieren.

Tatsächlich macht die brasilianische Automobilindustrie die schlimmste Krise seit langem durch. Die Nutzfahrzeugproduktion wird dieses Jahr wohl 54 000 Stück nicht überschreiten – das wären etwa ein Drittel der Lastwagen und Busse, die noch 2013 hergestellt wurden, kurz bevor der Absturz der Konjunktur begann. Die 54 000 Einheiten stellen eine Schrumpfung der Produktion um 23,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr dar, in dem freilich schon 48 Prozent weniger Nutzfahrzeuge hergestellt wurden als 2014. In Werk Juiz de Fora, wo Mercedes Benz ebenfalls Nutzfahrzeuge montiert, stehen offenbar keine Entlassungen an. Das Werk war in den Neunzigern für die A-Klasse gebaut worden, die auch in den goldenen Jahren der Hochkonjunktur alles andere als ein Erfolg in Brasilien war. Seit kurzem baut Mercedes in Iracemápolis im Bundesstaat São Paulo wieder Pkw.

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