Kritik an der Landesregierung Philologenverband legt Konzept für ein neues G9 vor

Noch ist das achtjährige Gymnasium die Regel in Baden-Württemberg. Offen ist noch, wann dieses durch ein neues neunjähriges Gymnasium ersetzt wird. Foto: dpa/Armin Weigel

Der Philologenverband wirft dem Land vor, die Planungen für ein neues neunjähriges Gymnasium zu verschleppen. Nun hat die Vertretung der Gymnasiallehrer ein eigenes Konzept für ein neues G9 vorgelegt. Eine Umstellung mit einem „Corona-Aufholjahr“ wäre danach schon zum September 2024 möglich.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Vor der Anhörung zum Gesetzentwurf des Landes für ein neues neunjähriges Gymnasium hat der Philologenverband heftige Kritik am bisherigen Vorgehen der Regierung geübt. Landesvorsitzender Ralf Scholl spricht von „verschleppten Planungen zu G9“. Da es vom Kultusministerium bis heute keinen Umsetzungsvorschlag gebe, hat der Verband der Gymnasiallehrer nun selbst ein Konzept vorgelegt. Dabei sei der Lehrerbedarf „deutlich geringer als von der Landesregierung angegeben“.

 

Das sehr umfangreiche Konzept (Titel: InNOVAtions-G9) sieht zum einen eine „Stärkung der Kernfächer“ Deutsch, Mathematik und Englisch als erster Fremdsprache vor. So sind darin für diese Fächer in den ersten beiden gymnasialen Klassenstufen fünf und sechs statt bisher vier dann fünf Wochenstunden vorgesehen. Dies solle „das Ankommen im Gymnasium verbessern“ und eine gute Grundlage für alles Weitere schaffen, sagt Ralf Scholl.

Für die wöchentliche Pflichtstundenzahl sieht der Philologenverband einen Stufenplan vor. In den ersten beiden Klassen sollen 30 Pflichtstunden unterrichtet werden, in den Klassen sieben bis neun jeweils 32, in der zehnten und elften Klasse dann 34. Damit würden die Klassenstufen acht bis zehn etwas entlastet, im jetzigen G8 werden in diesen Stufen 35 und 36 Pflichtwochenstunden unterrichtet. Vor allem in der Mittelstufe des heutigen G8 seien „zu viele Wochenstunden hinderlich, um nachhaltiges Lernen zu realisieren“, erklärt der Landesvorsitzende des Philologenverbandes.

Damit solle auch der Nachmittagsunterricht etwas reduziert werden. Studien hätten gezeigt: „Nachmittagsunterricht ist sehr uneffektiv“, sagt Ralf Scholl. Dennoch plädiert der Verband nicht für eine Rückkehr zum „Halbtagsgymnasium“. Weniger Unterricht am Nachmittag bedeute in dieser Zeit mehr Raum etwa für Arbeitsgemeinschaften, Musik oder Sport, der in Kooperation mit Musikschulen oder Sportvereinen genutzt werden könne.

Der Philologenverband vertritt auch die Ansicht, dass es bei einem innovativen G9-Konzept um weit mehr gehe als um die Anpassung der Stundentafel auf neun Jahre. Stattdessen müsse „sich Bildung neu ausrichten an technischen Möglichkeiten der KI und Digitalisierung sowie an veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen“. Deshalb sollte nach dem Plan des Lehrerverbands das Fach Informatik in der Grund- und Mittelstufe der Gymnasien durchgängig mit einer Stunde pro Woche vertreten sein. Darin sollen die Inhalte der bisherigen Medienbildung aufgenommen werden.

In den Naturwissenschaft spricht sich der Gymnasiallehrerverband für eine Auflösung des „Konglomerats BNT“ aus. „Fächerverbünde bringen nichts“, ist Ralf Scholl überzeugt. Der „fachliche Unterricht“ mache die Qualität des Gymnasiums aus. Die Stärkung der Naturwissenschaften will man mit einer Stundentafel erreichen, die etwa einen früheren Einstieg in Biologie schon in der Grundstufe und durch zwei Stunden Physik und Chemie auch in der elften Klasse vorsieht.

Ebenso will der Verband die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer stärken. So sieht der Vorschlag eine leicht erhöhte Stundenzahl für Gemeinschaftskunde vor, in diese soll dann aber das Themenfeld Wirtschaft aufgenommen werden. Aufgewertet soll nach dem Willen des Philologenverbands zudem die Geografie. „In Erdkunde macht man auch Themen wie Stadtgeografie und Klimawandel“, betont Ralf Scholl. In diesem Zusammenhang sind auch die vier Klassenlehrerstunden zu sozialem Lernen und Methodenlehre zu sehen, die der Verband vorschlägt.

Nach der Zahl der Pflichtstunden würde die Umsetzung des Konzepts bedeuten, dass G9 neu so viele Lehrerstunden in der gesamten Unter- und Mittelstufe benötigen würde wie das frühere neunjährige Gymnasium (220). Der Mehrbedarf betrage im Vergleich mit dem heutigen G8 insgesamt 16,3 Lehrerstunden in dem genannten Zeitraum. Dafür stellt der Philologenverband für ein neues G8, das man parallel zu G9 weiter „für besonders leistungsstarke und motivierte“ Schüler anbieten möchte, einen „Minderbedarf von 7,7 Lehrerstunden“ in Aussicht.

Eine Reduzierung Stundentafel als Kompensation für die zusätzlich vorgesehenen Stunden könnte nach den Vorstellungen des Philologenverbands durch die Streichung von „Poolstunden im Differenzierungsunterricht“ erreicht werden. Diese werden eingesetzt etwa für Förderunterricht in Mathe und Deutsch in den ersten beiden Gymnasialklassen. Zum einen werde dieses Angebot nach der Erfahrung von Ralf Scholl nur von wenigen Schülern genutzt. „Und der Effekt ist gering“, ist seine Überzeugung. Zudem sei diese „Nachhilfe der Schule“ sehr teuer.

Scholl glaubt, dass der Förderunterricht mit einer veränderten Stundentafel und einer modifizierten Grundschulempfehlung auch nicht mehr nötig sein werde. Für Letzteres sieht der Philologenverband drei Komponenten vor, von denen für einen Wechsel ans Gymnasium zwei positiv gegeben sein müssen: die Empfehlung der Grundschule, der Elternwille und „ein zentraler Test, der echte gymnasiale Anforderungen stellt“.

Das alles wäre nach der Schätzung des Philologenverbands für Mehrkosten von knapp 100 Millionen Euro pro Jahr zu haben. Die 300 Millionen Euro, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) für ein neues G9 genannte hatte, hält Ralf Scholl jedenfalls für deutlich zu hoch gegriffen.

Dass der Landesvorsitzende auf die Kultusverwaltung des Landes nicht gut zu sprechen ist, hat auch damit zutun, dass Ministerin Theresa Schopper (Grüne) unlängst erklärt hat, sie könne sich die Rückkehr zu G9 zum Beginn des übernächsten Schuljahres, also zum Schuljahr 2025/26, vorstellen. Die Idee eines „Corona-Aufholjahrs“, also die Wahlmöglichkeit eines Übergangs auf G9 als gestrecktes G8 für alle Schüler bis zur zehnten Klasse, die Bestandteil des G9-Volksantrags sei, „scheint vollkommen ignoriert zu werden“. Ralf Scholl aber ist überzeugt: „Eine sofortige Umstellung auf G9 mit gestreckten G8-Bildungsplänen im Sinne eines Corona-Aufholjahres wäre zum September 2024 ohne Weiteres noch möglich, wie viele Schulleitungen an Gymnasien bestätigen“.

Der Philologenverband Baden-Württemberg

Zahlen
Der Philologenverband Baden-Württemberg hat mehr als 9000 organisierte Mitglieder. Man vertrete aber die Interessen aller insgesamt etwa 26 500 Lehrkräfte an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes. An diesen werden laut Verband knapp 300 000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet.

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