Künstliche Intelligenz in Esslingen Die Matrix ankert am Pliensauturm

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Wird die Künstliche Intelligenz die Welt zum Guten oder zum Bösen verändern? Was unterscheidet sie von den Fähigkeiten der biologischen Intelligenz? Mit solchen Fragen beschäftigt sich eine Ausstellung im Motorschiff Wissenschaft, die gerade in Esslingen zu sehen ist.

Den Bauch voll künstlicher Intelligenz hat das Motorschiff Wissenschaft,das Station in Esslingen macht. Foto: Ines Rudel
Den Bauch voll künstlicher Intelligenz hat das Motorschiff Wissenschaft,das Station in Esslingen macht. Foto: Ines Rudel

Esslingen - Mist, schon wieder ein Fußgänger ins Auto gelaufen. Bevor ich die Bremse erwische, ist das virtuelle Fahrzeug auf der virtuellen Straße in der virtuellen Stadt ohne Namen längst wieder angefahren. Die Künstliche Intelligenz hat den Fußgänger rechtzeitig gesehen und rechtzeitig reagiert, viel schneller als das ein Mensch tun könnte. Das Forschungsprojekt der Universität Osnabrück das fest im stählernen Bauch des Motorschiffs Wissenschaft eingebaut ist, misst aber nicht die Reaktion des Fahrers, sondern seine Augenbewegungen und trägt damit zur Entwicklung des autonomen Fahrens bei.

Zwar gilt die menschliche Intelligenz als die Krone der Schöpfung, aber sie bekommt langsam Konkurrenz: Um den Menschen die damit verbundenen Fragen zu demonstrieren, fährt der zum Ausstellungsschiff umgebaute Binnenfrachter MS Wissenschaft, den Neckar und den Rhein entlang. Gerade ankert er in Esslingen beim Färbertörlesweg. Letzte Station war Mannheim, die nächste ist Frankfurt am Main. An Stuttgart fährt die Künstliche Intelligenz vorbei, wegen Stuttgart 21 habe man keinen Anlegeplatz bekommen, sagen die Ausstellungsmacher.

Neuronale Netze können Daten auswerten

Das Autocockpit mit dem virtuellen Parcours ist praktisch der einzige Knotenpunkt, in dem man in die Matrix, in die virtuelle Welt andocken kann. Die Ausstellung bietet mehr, denn sie will, dass die Besucher den Begriff „Künstliche Intelligenz (KI)“ verstehen, und zwar von ihren Anfängen an. Während ein normales Computer-Programm sozusagen fest verdrahtet ist, können neuronale Netze Daten selbstständig auswerten und vergleichen.

Was man KI nennt, ist mit der menschlichen Intelligenz nicht zu vergleichen, dazu ist der Begriff auch zu weit gefasst. Vielleicht ist sie ähnlich den biologischen Fähigkeiten einer Amöbe oder einer Bakterie, allerdings kann die KI im Gegensatz zu einer Amöbe, riesige Datenmengen auswerten.

Dabei geht es in der Ausstellung nicht allein um Technik. Deswegen hat auch der Sozialpädagoge Felix Färber, 25, aus Münster auf dem Schiff angeheuert. Er lotst die Menschen durch die Ausstellung, und hilft ihnen bei den interaktiven Versuchsstationen. Ethische Fragen sind für den Umgang mit der Künstliche Intelligenz genauso wichtig wie technische Fragen. Darf man die Entscheidung über Leben und Tod, die ein Arzt, oder ein Autofahrer im schlimmsten Fall treffen muss, einer Maschine überlassen? Und was soll die Maschine im Dilemma tun? Bei einem Ausweichmanöver den Tod eines Beifahrers verschulden oder einen Fußgänger überfahren? Das sind Entscheidungen, die möglicherweise eine Künstliche Intelligenz bald selbstständig treffen muss.

Die ethischen Fragen sind den Menschen extrem wichtig

Dass die ethischen Fragen den Menschen extrem wichtig sind, zeigt eine Pinnwand, auf der Karten hängen mit kurzen Kommentaren der Besucher zur Künstlichen Intelligenz: „Menschen zu helfen“ steht da, und „unmenschlich.“ Auf einem weiteren Zettel steht „Koch- und Aufräumroboter“ ein anderer Besucher geißelt die „Blauäugigkeit der Menschen“. Man merkt, wie das Thema die Menschenpolarisiert, Vertrauen und tiefstes Misstrauen stehen ganz nahe beinander.

Aber noch ist die menschliche Intelligenz die Krone der Schöpfung – wird zumindest behauptet. Das Menü an einem großen Bildschirm fordert mich auf zu schätzen, in welcher Ecke der Welt der Straßenzug aufgenommen wurde, der gerade gezeigt wird. Ich tippe eine Weltkarte an und habe mich um 300 Kilometer verschätzt, die künstliche Intelligenz bloß um drei Kilometer. 1 zu 0 für die KI.

Aber wenigstens der Schachcomputer aus den frühen 80er Jahren müsste doch zu besiegen sein. Ein flimmernder Bildschirm starrt mich an. Also vorwärts mit dem Königsbauern! In die Matrix des Spiels übersetzt, heißt das: „e2 - e4“. Das Spiel startet, der Bildschirm flimmert, der Rechner stürzt ab. Immerhin ist dieser Beweis erbracht: Die menschliche Intelligenz, die den Rechner gebaut hat, bleibt die Krone der Schöpfung.