Kundgebung in Kirchheim Aufruf gegen Judenhass und zu ziviler Verantwortung

Zeichen gegen Rechtsaußen: Bürger setzen sich für die Demokratie ein. Foto: Werner Kuhnle

Wolfgang Meincke aus Kirchheim (Kreis Ludwigsburg) organisiert eine Kundgebung gegen Antisemitismus vor dem Rathaus – es kommen mehr Menschen als erwartet.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Montagabend, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Langsam füllt sich der Platz vor dem Kirchheimer Rathaus. Wolfgang Meincke ist angespannt. Der Privatmann und Familienvater aus der nördlichsten Kommune im Kreis Ludwigsburg hat auf eigene Kappe eine Kundgebung gegen Antisemitismus organisiert – und 50 Teilnehmer angemeldet. Als der Bürgermeister Uwe Seibold erklärt, dass mittlerweile sicherlich doppelt so viele Leute da seien, huscht ein Lächeln über das Gesicht von Wolfgang Meincke, der von sich sagt, er sei ein christlicher Mensch.

 

Der 43-jährige Informatiker erzählt am Rande der Veranstaltung, dass ihm nach dem Überfall palästinensischer Terroristen auf Israel am 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden antisemitischen Straftaten in Deutschland klar geworden sei: Die Zivilgesellschaft müsse Farbe bekennen. Deshalb jetzt die Kundgebung. Noch nie, sagt der Schultes, sei so eine Demo in Kirchheim allein von einer Privatperson angemeldet worden.

Mehr als doppelt so viele Demonstranten wie erwartet

Wenig später erklärt Meincke über die Lautsprecheranlage vor mittlerweile deutlich mehr als doppelt so viel wie erwarteten Leuten: „Wir stehen heute hier, wollen zeigen: kein Platz für Antisemitismus in Deutschland!“ Vom 7. Oktober bis zum 9. November seien in Deutschland „unfassbare 994“ antisemitische Straftaten registriert werden, 29 pro Tag. „Auch in Kirchheim gab es leider schon Vorfälle.“ Im Dezember hätten Unbekannte einen Davidstern, der an einem Galgen hängt, auf die verschneite Scheibe eines Autos gemalt.

Der Antisemitismus in Deutschland, so Meincke weiter, sei auch ein Angriff auf die demokratische und freiheitliche Grundordnung. „Ich bin überzeugt davon, dass eine überwältigende Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen Antisemitismus strikt ablehnt.“ Aber leider sei diese Mehrheit im Moment „recht leise“. Auch deshalb die Demo. Historisch sei Antisemitismus in Deutschland vor allem bei Rechtsextremisten bekannt. „Jedoch sehen wir in den letzten Monaten auch massive antisemitische Vorfälle aus dem linksextremen Spektrum und leider auch aus Teilen der muslimischen Bürgerschaft.“ Dass es heute in Deutschland wieder Orte gibt, an denen Juden nicht sicher seien, „ist vollkommen inakzeptabel“, sagt Meincke.

Bürgermeister Seibold sagt, er sei dankbar, „dass wir ein Zeichen dafür setzen, uns dem leider zunehmenden Antisemitismus in unserem Land entgegenzustellen“. Die Kirchheimer, die zur Kundgebung gekommen sind, setzten „ein Zeichen für alle Menschen, die von Hass und Hetze betroffen sind, die nicht in Frieden und Freiheit leben dürfen, die um ihr Leben bangen, die unter Kriegen leiden, ob in der Ukraine, in Israel, in Gaza, in Syrien, in den afrikanischen Ländern oder in so vielen anderen Region dieser Welt“. In diesen Zeiten sei es „unsere historische Aufgabe, sich der durch die Gräueltaten des Holocaust entstandenen deutschen Verantwortung zu stellen und uns schützend vor jüdisches Leben, jüdische Kultur und jüdischen Glauben zu stellen“.

Zeuge bei einem Gerichtsprozess

Der Polizeirabbiner Shneur Trebnik erzählt von einem Gerichtsprozess, bei dem er kürzlich als Zeuge geladen war. Der Angeklagte hatte einen Anschlag auf die Synagoge in Ulm verübt – und sagte vor Gericht, er habe gedacht, die Synagoge sei eine israelische Einrichtung. Er wolle sich deshalb bei dem Rabbiner für die Tat entschuldigen, der freilich lehnte ab. In Kirchheim ruft der Geistliche die Menschen dazu auf, nicht „nur“ Anti-Antisemitismus zu zeigen, sondern auch für das Gute, die Helligkeit und die Göttlichkeit einzutreten. Der CDU-Landtagsabgeordnete Tobias Vogt ergänzt: Antisemitismus sei „ein Angriff auf die Grundwerte unserer Gesellschaft“. Er prangert an, dass bei vielen Demonstrationen in Deutschland die am 7. Oktober von der Hamas verübten Gräueltaten von Tausenden Menschen bejubelt wurden. Es sei Deutschlands historische Verantwortung, sich immer für das Existenzrecht Israel einzusetzen. Die Veranstaltung endet mit einem Friedensgebet, als es längst dunkel ist.

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