Kunst Die Kunst hat nun einen Platz im Milieu

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Simone März hat am Rand des Rotlichtbezirks ihr Atelier eröffnet. Vor dem Schaufenster stehen Skulpturen neben Prostituierten, im Schaufenster steht Spezialkunst: Schweineleiber.

Die Designerin Simone Mertz mag die Lage ihres Ladens im Bohnenviertel, auch wenn sie sich mit den Prostituierten dort zunächst arrangieren musste Foto: Sybille Neth
Die Designerin Simone Mertz mag die Lage ihres Ladens im Bohnenviertel, auch wenn sie sich mit den Prostituierten dort zunächst arrangieren musste Foto: Sybille Neth

S-Mitte - Mit ihrem Schwein hat Simone Mertz richtig Schwein. Der kleinen Glücksbringer aus Metall ist zu ihrem Markenzeichen geworden und auch in ihrem neuen Atelier mit Boutique am Katharinenplatz sind die Schweine stark vertreten: Trachtenschwein, Tennisschwein, Boxerschwein, Kochschwein, Plüschschwein. „Ich wundere mich manchmal selbst, dass mir immer noch neue Motive einfallen“, sagt Simone Mertz amüsiert. Sie sitzt in ihrem Atelier mit Blick auf den Straßenstrich und grundiert – wie könnte es anders sein – Schweineleiber in Rosa. Was für ein Schwein die Werkstücke nachher verkörpern, entscheidet sich später.

Eigentlich herrscht zurzeit im Atelier sim1 bereits die Hasensaison. In Scharen warten die Hoppler hinter der Tür auf ihren Versand: gleichmäßig verrostet für den Garten oder giftgrün glitzernd als Dekoration für die Wohnung. Ihre stilisierten Entwürfe von Reh, Hirsch, Ziege, Dackel, Gans und Hahn, um einige aus dem Mertzschen Metall-Zoo zu nennen, lässt sie bei einer Spezialfirma mit Laser aus Stahlblechplatten sägen und eine Legierung sorgt für den charakteristischen Rostüberzug der Gartenfiguren. „Bisher habe ich mich auf heimische Wild-und Haustiere beschränkt, aber ich bin gerade dabei, auch exotische Tiere in meine Kollektion aufzunehmen“, kündigt die Grafik-Designerin an.

Im sim1 entsteht Dekoratives und deshalb sucht die Künstlerin die Nähe zum Publikum. „Kunst, die aus sich selbst heraus entsteht, braucht das nicht. Da ist es gut, wenn man ganz für sich arbeitet. Aber ich suche nach Trends und die finde ich schneller, wenn die Leute direkt zu mir ins Atelier kommen und ich sehe, was ihnen gefällt“, sagt sie.

Die Koexistenz von Kunst und Anschaffen ist geregelt

Vor einem Dreivierteljahr hat Simone Mertz ihr sim1 mitten im Rotlichtbezirk eröffnet. In ihren Räumen war vorher ein Friseursalon, der sich auf afrikanische Frisuren spezialisiert hatte, das Hotel im Nebenhaus ist ein Bordell und zwischen ihrer Außendekoration vertreten sich die Prostituierten die Füße. „Am Anfang sind sie immer auf dem Mäuerchen vor meiner Auslage gesessen“, erzählt sie. Inzwischen hat sie im Gespräch und mit einer Metallschranke die Koexistenz zwischen Kunst und Anschaffen geregelt.

„Ich liebe das Bohnenviertel. Allerdings hätte ich mich nicht im inneren Bereich niedergelassen, denn das hat eine Insellage.“ Simone Mertz’ Atelier in der Katharinenstraße ist unübersehbar. „Wer sich wegen des Umfelds womöglich nicht zu mir rein traut, gehört dann eben nicht zu meiner Kundschaft“, findet sie. „Natürlich ist das hier eine Problemzone, aber wenn alle wegbleiben, ist die Ecke verloren. „Deshalb hat ihr auch Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle freudig zur Eröffnung gratuliert, denn sie wünscht sich seit langem eine bunte Mischung im Viertel. „Je mehr Leute zu mir und in die umliegenden Geschäfte kommen, desto mehr schreckt das die Freier ab, denn in der Mehrzahl ist das denen ja peinlich“, sagt Mertz.

„Hier kommt nichts weg“

Andererseits profitiert sie selbst vom Milieu und der damit verbundenen starken Polizeipräsenz im Viertel. „Hier kommt nichts weg“, lacht sie. Kürzlich hatte Simone Mertz am Freitagabend beim Einräumen ihrer Tierfiguren eine Blechkatze vergessen. Am Montagmorgen war die Figur immer noch da. Im Gegensatz zu ihrem vorherigen Atelier in der Schlosserstraße, wo nach dem Wochenende die Kübelpflanzen zerstört waren, zerbrochene Flaschen und sogar Fäkalien vor der Tür lagen, habe sie jetzt keine Probleme mehr mit derlei Vandalismus, erzählt sie. „Hier sind es Zigarettenkippen und Bonbonpapierchen, die ich zusammenkehren muss.“

Die Mertz-Schweine waren einst ein Zufallsprodukt: Nach ihrem Studium hatte die Grafik-Designerin den Auftrag, Wände in einem Nobelhotel in Lech zu bemalen. Die Besitzerin suchte damals noch eine originelle Tischdekoration für die Silvesterparty und so entstand das erste Pilotschwein an Simone Mertz’ Zeichentisch. Weil der jetzt im Rotlichtviertel steht, hat sich auch ein Schwein in Domina-Outfit zu den restlichen dazu gesellt.




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