Kunststoff – Fluch und Segen Die Welt und das Plastik – eine fatale Liebesbeziehung
Erst enthusiastisch begrüßt, heute verteufelt: Kunststoff. Über das Leben im Plastikzeitalter und ob ein Alltag ohne Plastik möglich ist.
Erst enthusiastisch begrüßt, heute verteufelt: Kunststoff. Über das Leben im Plastikzeitalter und ob ein Alltag ohne Plastik möglich ist.
Bis zu 12,7 Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr in den Meeren, was wiederum Zehntausende Tiere das Leben kostet – ebenfalls jedes Jahr, wie die Tierschutzorganisation WWF berichtet. Jede Plastiktüte, jede Plastikflasche, im Schnitt nur zehn Minuten benützt, braucht rund 500 Jahre, um zu verrotten.
Die Welt versinkt im Plastikabfall – und so war das nicht gedacht. Mit der Erfindung von Plastik im 19. Jahrhundert wollten die Forscher das Gegenteil erreichen: Tiere retten, Reste verwerten, Produkte erfinden, die Welt leichter, sauberer, angenehmer und demokratischer machen.
Die Industrialisierung führte in den USA und Europa dazu, dass viele Menschen relativen Wohlstand erlebten, sich einen gewissen Luxus leisten konnten. Naturmaterialien wie Horn, Schildpatt, Ebenholz, Harz, Elfenbein, aus denen Möbel, Haarbürsten Geschirr, Klaviere gemacht werden, sind aber nicht unendlich vorhanden. Ziemlich teuer sind sie obendrein.
Erst rottete man beinah alle Guttapercha-Bäume aus, weil sich aus der Rinde Material für die Ummantelung von Kupferkabeln gewinnen ließ. Die wiederum wurden als Unterseekabel für elektrische Telegrafie gebraucht.
Dann tötete man massenhaft Wildtiere, um aus ihrem Horn, ihren Stoßzähnen und Panzern hübsche Dinge wie Kämme, Knöpfe und Billardkugeln herzustellen.
Chemiker, die künstlich gewonnene Werkstoffe entwickeln konnten, sollten also zu Nachhaltigkeitshelden ihrer Zeit werden. Der britische Wissenschaftler Mark Miodownik, der für die Ausstellung „Plastik. Die Welt neu denken“ im Vitra Design Museum einen Essay zum Thema geschrieben hat, sagt: „Sie gelangten am Beginn des 20. Jahrhunderts zu dem Schluss, dass der Kunstgriff, mit dem sich synthetische Versionen von Elfenbein und Gummi erzeugen lassen, im Beherrschen der Chemie der Polymere besteht.“
Poly bedeutet viele, Meros bedeutet Teile (daher beginnen so viele Kunststoffe mit Poly-, Polypropylen, Polyvinylchlorid). Ihre chemische Behandlung führte zur Erfindung und Herstellung von Kunststoffen.
Der erste kommerzielle Erfolg war im Jahr 1869 das Zelluloid. „Es wurde als Ersatz für Elfenbein entwickelt, das damals so gefragt war, dass man befürchtete, Elefanten könnten bald ausgerottet sein“, berichtet die Wissenschaftsautorin Susan Freinkel in dem Katalog zur Ausstellung. Man entdeckte dann auch, dass Zelluloid sich fürs Fotografieren – und später fürs Filmen – eignete.
Sie bezeichnet die Beziehung zwischen Mensch und Plastik als eine „schrecklich missglückte Liebesaffäre“. Denn der an sich nachhaltige Gedanke der Müllvermeidung führte erst dazu, dass Plastik günstig und massenhaft herzustellen war – aus Abfällen, die in Ölraffinerien entstanden, war es möglich, „Kohlenwasserstoffe wie Ethylen, Propylen und Benzol aus dem Rohöl zu isolieren und zu gewinnen.“
Erdöl- und Chemieunternehmen taten sich zusammen, die einst weggeworfenen Nebenprodukte wurden „zu den Ausgangsmaterialien für die Kunststoffe“.
Das Wundersame – aus diesen künstlich entwickelten Baustoffen ließ sich schier unendlich viel Neues herstellen: „Plastik ist weniger eine Substanz als vielmehr eine Idee ihrer endlosen Umwandlung“, schreibt der französische Philosoph Roland Barthes in seinem „Plastik“-Essay in „Mythen des Alltags“.
Egal was man braucht, es lässt sich künstlich formen. Im Krieg wurde Plastik dann auch eingesetzt für Instrumente, mit deren Hornsignal die Soldaten morgens geweckt werden sollten, für Fallschirme, Helme und Bazooka-Rohre, Autoreifen.
Man träumte nach dem Zweiten Weltkrieg von einer auf Bestellung gebauten Welt von beispiellosem Überfluss. Denn die Gesetze des Kapitalismus besagen, dass man auch Unnützes und Minderwertiges herstellen kann, das schnell wieder neu gebraucht oder nach einmaligem Gebrauch entsorgt wird. Man muss nur den Bedarf danach wecken.
Im Falle der Einwegplastik-Kaffeebecher mussten die Leute, die im Krieg an sparsame Wiederverwertbarkeit gewöhnt waren, dazu erzogen werden, dass sie die nicht aufbewahren, sondern bedenkenlos wegwerfen. Sie lernten es schnell. Eine Filmszene aus der in den 1950ern und 60ern handelnden TV-Serie „Mad Men“ zeigt die Protagonisten beim Picknick im Grünen – und wie die Wiese am Abend mit Plastikmüll übersäht ist.
Milliarden Kaffeebecher, Plastikflaschen, Tüten, Strohhalme, Frischhaltefolien, Einwegrasierer und Monobloc-Stühle sind seither auf den Müllhalden und in den Meeren dieser Welt gelandet.
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Auch die Baubranche ist vom Plastikmüll betroffen. Erst begrüßte man Kunststoff: „1969 beauftragte die BASF Arno Votteler und Herbert Hirche, mit zwei Arbeitsgruppen zur Frage des Wohnens in der Zukunft zu forschen. Die flexible und wandelbare „Wohneinheit 1980“ aus modularen Kunststoffelementen wurde 1972 in der Eberthalle in Ludwigshafen ausgestellt“, ist im Katalog zu lesen.
Heute wäre das nicht mehr vorstellbar. Denn abgesehen vom Beton, das als heute ein Klimakiller kritisiert wird, ist Verbundsystem ein Problem, wie Dirk Hebel in dem Katalog ausführt: „Wir müssen die Materialien und Konstruktionssysteme neu denken, um zu 100 Prozent Wiederverwendung und Recycling auf gleichbleibendem Qualitätsniveau zu gewährleisten. Konkret heißt das, sich von allen Verbundstoffen zu trennen, die nicht vollständig recycelbar sind, und genauso von allen Verbindungssystemen, die sich nicht komplett entfernen lassen – also Klebstoffe, Schaumstoffe oder Nassversiegelungen vermeiden. Viele Leute werden das für Wunschdenken halten, aber wenn man sich vor Augen führt, dass weniger als zehn Prozent des rückgebauten Materials zurück auf den Markt gebracht werden, 90 Prozent hingegen entweder irgendwo deponiert, verbrannt oder downgecycelt werden, so sind das erschreckende Zahlen.“
Seit 50 Jahren schon ist das Plastikproblem erkannt, Wissenschaftler hatten in den Meeren Plastik entdeckt. Und 1970 etwa hatte New York eine Plastikflaschensteuer eingeführt – die wegen „Lobbyarbeit der Industrie und dem Obersten Gerichtshof der USA gekippt wurde“, wie die Designerin Johanna Agerman Ross in einem Interview berichtet.
Sie stellt aus Plastikmüll Möbel her. Das tun inzwischen auch Firmen wie Magis und Vitra, die seit den 1950ern Plastikstühle produzieren: Designer wie Verner Panton oder Charles Eames waren begeistert von der Formbarkeit des Materials. „Dass Kunststoff aus ökologischen Gründen problematisch sein könnte, kam uns damals nicht in den Sinn. Es war einfach ein fantastisches neues Material“, sagt Rolf Fehlbaum, der das Unternehmen Vitra von 1977 bis 2013 geführt hat.
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Heute entstehen hier auch aus dem Müll in Gelben Säcken Stühle, die zu 100 Prozent recycelbar sind. Hersteller wie Adidas steigen um auf recycelte Materialien, berichtet der 1971 in Freiburg geborene Designer und Markenberater Cyrill Gutsch, der 2012 die Umweltschutzorganisation „Parley for the Oceans“ gegründet hat.
Warum das nicht alle machen? Da kommt wieder der Kapitalismus ins Spiel – Dinge recyceln ist oft teurer, als sie neu herstellen. Erst wenn Konsumenten danach verlangen, werde gehandelt: „Sinnhaftigkeit ist der neue Luxus“, sagt Cyrill Gutsch.
Es könnte allerdings noch dauern, bis Menschen sich den Luxus massenhaft leisten können und wollen. Und noch muss man darauf hoffen, dass Wissenschaftler neue Nachhaltigkeitshelden werden und unschädliches Material für die Herstellung von Dingen erfinden. An Bioplastik aus Enzymen wird ja bereits gearbeitet. Bis dahin könnte eines das akute Problem zumindest lindern – die Wertschätzung des ungeliebten Materials.
Also das, was Designer, Handwerker, Nachhaltigkeitsexperten gebetsmühlenartig predigen: nicht immer wieder neu minderwertiges Zeug kaufen und wegwerfen, sondern einmal qualitativ Hochwertiges lange benützen.
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Einen haltbaren Eames-Plastikstuhl wird man eben womöglich vererben und 100 Jahre benützen, während ein Billigplastikstuhl eben doch schnell kaputt geht und neu gekauft werden muss.
Bis dahin bleiben Polymere überlebenswichtig, sei es für künstliche Herzen und Schultergelenke, sei es für Blutbeutel, Infusionsschläuche und virenabwehrende Atemschutzmasken im Operationssaal – und im pandemischen Alltag.
Info
Die Ausstellung
Die sehenswerte Ausstellung „Plastik. Die Welt neu denken“ ist im Vitra Design Museum in Weil am Rhein noch bis zum 4. September zu sehen. Öffnungszeiten sind täglich von 10 bis 18 Uhr. Es gibt Führungen und ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Diskussionen und Filmbeiträgen. Der Katalog zur Schau enthält viele kluge Essays, Interviews und Gesprächsrunden zum Thema Plastik. https://www.design-museum.de/