Alexander Bojcan ist bekannt als Kurt Krömer. Vergangenes Jahr sprach er zum ersten Mal öffentlich über seine Depression. Im Interview erzählt er, warum die Coronapandemie „auf perfide Weise“ gut für ihn war, wie das Gefühl ist, auf einmal wieder ein Buch zu Ende lesen zu können, und warum es im Leben nicht ums „Funktionieren“ geht.
Herr Krömer, wir wollen über ein Thema sprechen, das für viele privat ist: Depression.
Schon kurz bevor ich in die Klinik ging, hat mich mein Manager gefragt, wie ich denn mit dem Thema umgehen wolle. Schließlich hätte mich vielleicht eine Boulevardzeitung abschießen können, wie ich gerade in die Klinik einlaufe. Bei dem Gedanken wurde ich sehr sauer. Schließlich war da ein kranker Mensch, der so mutig war und in die Klinik ging. Mir war klar, dass ich mich nicht verstecken will. Ich war dann aber verwundert, was nach dem Gespräch mit Torsten Sträter bei der Sendung „Chez Krömer“ für ein Tsunami über mich hereinbrach. Ich habe mich ja schon früher mal als trockener Alkoholiker geoutet. Da gab es positive Reaktionen, aber deutlich überschaubarer. Beim Thema Depression war es um ein Tausendfaches stärker.
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Vielleicht lag das auch am Zeitpunkt, mitten in der Coronapandemie. Vielen Menschen geht es schlecht: Jeder vierte Deutsche hat im Laufe seines Lebens mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen. Dann sitzen da zwei Männer und erzählen, was die Depression mit ihnen macht und wie sie sich fühlen.
Die Pandemie hat alles Negative verschärft. Das betrifft Depressionen genauso wie etwa häusliche Gewalt. Auf eine perfide Weise war die Pandemie für mich aber sogar gut. Alle Auftritte wurden verschoben, also hatte ich Zeit, für acht Wochen ambulant in die Klinik zu gehen. Mit einer Pause dazwischen, um die Sendung „Chez Krömer“ vorzubereiten.
Sie haben einen anstrengenden Beruf. Und auch wenn Sie Ihr Privates privat halten, ist es für dieses Gespräch dennoch wichtig zu wissen, dass Sie Vater von vier Kindern sind, drei leben bei Ihnen. Das heißt, Sie müssen Brotboxen packen und Termine koordinieren. Wie funktioniert man da?
Es ist spannend, dass Sie das Wort „funktionieren“ verwenden. Das ist uns in der Klinik sofort abtrainiert worden. Wir Menschen können nicht funktionieren, wir sind keine Maschinen. Wir kommen manchmal an Punkte, an denen wir eine Pause brauchen. Aber es stimmt schon: In einer Depression hangelst du dich von Punkt zu Punkt. Bei mir war das Aufstehen, Kinder fertig machen, Brote schmieren, zur Schule, dann auf die Kinder warten, Mittagessen machen, Hausaufgaben, Abendbrot, ins Bett. Das waren die Punkte, an denen ich dachte: „Da muss ich funktionieren, das muss klappen.“ Ich weiß nicht, wie das geklappt hat. Am liebsten wollte ich eigentlich nur im Bett liegen.
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Sie haben mal das Bild eines brennenden Hauses verwendet, in dem Sie sitzen, aber nicht einmal die Kraft haben, die Feuerwehr zu rufen.
Oder dass es einem auch egal ist, dass es brennt. Dann ist’s halt so.
Wann und warum haben Sie dann doch die Feuerwehr gerufen? Was war der Auslöser?
Das war eine Diagnose, genau vier Monate vor dem ersten Kliniktag. Ich habe fast gejubelt, weil ich zwei Jahre lang im Nebel herumgestochert habe. Die Diagnose war nicht schön, aber es war gut zu wissen, um was es geht. Und ich wusste, dass da Leute sind, die mir helfen können.
Hatten Sie Angst vor der Klinik?
Todesangst. Ich habe mich da in eine Angst hineingeschraubt.
Warum das?
Ich bin Jahrgang 1974. Meine Eltern gehören zu der Generation, in der man nicht über Gefühle spricht, in der man nie krank ist. Man sagt nicht: „Mir geht’s heute nicht so gut.“ Die hätten niemals eine Psychologin oder Psychologen aufgesucht und wären nie in ein Krankenhaus gegangen, das für mentale Gesundheit zuständig ist. Damals hatte man gesagt: „Das ist ’ne Klapsmühle für die Verrückten. Wer da reingeht, kommt nie wieder raus und wird die nächsten 30 Jahre mit Medikamenten ruhiggestellt.“ Ich hatte die Wahnvorstellung, dass das wie ein Gefängnis ist. Diese acht Wochen waren ein riesiger Berg für mich. Ich dachte, dass dann mein Leben vorbei ist. Und genau deshalb gehe ich damit an die Öffentlichkeit. Man merkt in der Klinik schnell, dass einem hier geholfen wird. Ich hatte auch mal gedacht, ich könne doch einfach drei Wochen in den Urlaub fahren. Das wird schon. Die Therapeuten meinten, dass Urlaub das Schlimmste sei, was man als Depressiver machen kann.
Warum?
Wenn ich alleine in Spanien am Strand sitze, sind die Probleme immer dabei. Spanien ist nicht die Rettung. Man dreht seine Problemschrauben immer tiefer.
Ist das dieses Katastrophisieren?
Genau, das hat man oft mit anderen Menschen. Wenn die Freundin nicht ans Telefon geht, denkt man, dass sie eigentlich Schluss machen will, aber sich nicht traut. Also alles Sachen, von denen man nicht weiß, ob es so ist.
Sie waren nach der Klinik im Urlaub und haben ein Bild auf Instagram gepostet, dass Sie ein Buch zu Ende gelesen haben. Was ist daran besonders?
Mir war das früher nicht möglich. Ich hätte vielleicht eine halbe Seite geschafft. Durch die Gedanken, die in meinem Kopf herumschwirrten, konnte ich mich nicht konzentrieren.
Kurz vor dem Klinikaufenthalt haben Sie „LOL“ gedreht, ein sehr lustiges Comedy-Format für Amazon. Dann standen Sie noch viermal in Berlin vor jeweils 5000 Menschen jeden Abend auf der Bühne.
„Last One Laughing“ hatte ich zugestimmt, obwohl ich wusste, dass ich sehr wacklig auf den Beinen bin. Der Kräfteaufwand für die Auftritte war jedoch immens größer. Zwei Wochen vor der Aufzeichnung von „LOL“ habe ich schon Antidepressiva bekommen, aber die Medikation war falsch und hat mich sehr schläfrig gemacht. Am Tag der Aufzeichnung habe ich noch eine Beruhigungstablette geschluckt. Die Medikamente haben dazu geführt, dass man mir nichts angesehen hat.
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Verzweifelt man da nicht, wenn man Depressionen hat?
Diese Leistungsgesellschaft ist der Grund, warum ich mich zu diesem sogenannten Tabuthema äußere. Die Gesellschaft steht uns da im Weg, weil die Leute sich nicht trauen, zu sagen: „Ich kann nicht mehr.“
Was müsste sich ändern?
Wir müssten mehr darüber sprechen. Wir müssen diese Krankheit normalisieren. Es ist eine Krankheit, keine schlechte Laune. Man bekommt die nicht weg, wenn man eine Komödie schaut. Wenn man sich das Bein bricht, hat man wochenlang einen Gips. Da sagt niemand: „Stellen Sie sich nicht so an.“ Wenn ich Sie frage, wie es Ihnen geht, dann sagen Sie nicht, dass es Ihnen nicht gut geht. Wenn Sie denken, dass Sie Depressionen haben, müssen Sie keine Interviews geben, aber sprechen Sie mit Ihrer Frau oder Ihrem Mann darüber? Dieser erste Schritt, darüber zu reden, ist wichtig.
„Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“, ist ein Spruch von Ihrem Lieblingspsychiater. Denken Sie noch oft an den Satz?
Nicht mehr häufig. Die Problemschrauben haben sich gelöst. Heute ist ein stressiger Tag, ich musste viel umlegen wegen des Sturms. Alles verschiebt sich, es ist unangenehm, es ist ein Scheißtag, aber ich bin nicht depressiv. Man kann sich nicht vor schlechten Situationen oder vor Idioten schützen. Da kann ich auch acht Wochen in die Klinik gehen, der andere bleibt ein Idiot.
Apropos: Warum überlegt man sich dann ein Format wie „Chez Krömer“, zu dem man sich Erika Steinbach oder Frauke Petry einlädt?
Ich muss mich an einem Format abarbeiten. Die Angst ist immer, dass man denen keine Plattform bieten will. Ich hasse dieses Format, aber ich liebe es auch. Gerade sind wir wieder in der Vorbereitung und ich hasse es sehr.
Warum ist Müßiggang eines der schönsten Wörter für Sie?
Es ist ein schöner Zustand, den ich aber noch lernen muss. Mich auf die Couch zu legen und mal gar nichts zu machen. Aber ich stehe kurz davor.
Zur Person
Kurt Krömer:
Der Komiker kommt als Alexander Bojcan am 20. November 1974 in West-Berlin zur Welt. Nach der 10. Klasse verlässt er die Gesamtschule, beginnt zwei Ausbildungen (Herrenausstatter und Einzelhandelskaufmann) und bricht beide ab. Unter dem Namen Kurt Krömer tritt er erstmals auf Bühnen, ab 2003 ist er dann im Fernsehen (u.a. „Die Kurt Krömer Show“) präsent. 2021 war er bei Bully Herbigs Show „LOL – Last One Laughing“ dabei. In seiner Sendung „Chez Krömer“ äußerte sich Krömer im Gespräch mit Torsten Sträter öffentlich über seine Depression. Krömer hat vier Kinder, drei davon leben bei ihm. Jetzt erscheint sein Buch „Du darfst nicht alles glauben, was Du denkst – Meine Depression“ (Kiepenheuer & Witsch). Informationen und Hilfe rund um das Thema Depression unter www.deutsche-depressionshilfe.de. NJA