Landesgartenschau 2024 Mit Spinnerei zum großen Wurf

So sah die historische Spinnerei-Vorstadt einst aus. Der Oberbürgermeister Michael Lang freut sich, dass jetzt viel davon saniert wird. Foto:  

Flüsse freilegen, Parks anlegen, Straßen sanieren, das machen Ausrichter von Landesgartenschauen so. Wangen im Allgäu aber baut gerade einen gewaltigen neuen Stadtteil.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Wer nach Wangen im Allgäu fährt, bekommt seit Jahrzehnten verlässlich, was erwartet wird. Verwinkelte Gässchen, Spitzgiebelfassaden, historische Mauern überall, figürliche Schmiedekunst auf pittoresken gepflasterten Plätzchen – wie das oft so ist in deutschen Städtchen, die vom Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs verschont wurden. Hinzu kommt noch die Alpenkulisse und auch der Jahrhunderte alte Handwerksbetrieb „Fidelisbäck“, dessen Leberkäs’ unter Freunden rustikaler Ernährung einen Ruf hat wie Donnerhall.

 

Eine Altstadt wie ein Museum also, was für Einheimische durchaus etwas Bedrückendes haben kann, wenn Schönheit zugleich ewige Konservierung, also Stillstand, bedeutet. Dass es eine Sehnsucht vieler Wangener nach Neuem, nach Urbanität und Weltläufigkeit gibt, zeigt sich, seit die Stadt 2016 begann, ihr neues Landesgartenschaugelände zu bauen. 2010 gab es den Zuschlag, 2024 werden Zehntausende Besucher erwartet.

Ein großer Stadtumbau

Viel mehr als ein Anhängsel

Ja, es gibt einen Sportpark. Und das Flüsschen Argen wird aufgehübscht, unter anderem mit fünf neuen Brücken und einem aufwendig angelegten neuen „Knie“, das Fischen die Wanderung zu Laichgebieten erleichtern und den Artenreichtum erhalten soll. Aber der Knaller der Schau 2024 wird das frühere „Erba“-Gelände, eine Abkürzung des einstigen Unternehmens Baumwollindustrie Erlangen-Bamberg. Der parteilose Oberbürgermeister Michael Lang nennt das Areal „Spinnereiviertel“. Aber es ist mehr als ein Appendix, wo anstatt alter Häuser eben neue stehen. Die rund 180 000 Quadratmeter Fläche, die es umfasst, bilden die Fläche der heutigen historischen Wangener Kernstadt ab. Ja, sagt Lang, „es ist ein großer Stadtumbau“.

Die Erba, gut einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, war ab 1863, als gerade in Süddeutschland viele Regionen mit Tuchhandel reich zu werden begannen, zunächst ein Wohlstandsgarant. Schweizer Fabrikanten zogen riesige Hallen für Webstühle und zur Lagerung von Baumwolle hoch, bauten Arbeiterhäuser, ein zentrales Heizungsgebäude, gruben einen Flusskanal und setzten eine Wasserturbine zur Stromerzeugung davor. So entstand eine Stadt vor der Stadt mit bis zu mehr als 1000 Beschäftigten. Die Spinnerei produzierte etwa die Gewebe für die Gaszellen des im nahen Friedrichshafen gebauten Luftschiffs „Graf Zeppelin“.

Vorübergehend Fabrik für Flugzeugbau

Den Ersten Weltkrieg überstand die Industrieanlage weitgehend. Im zweiten verlegte die Friedrichshafener Rüstungsfirma Dornier noch eilig die Montage von Flugzeugen in die Wangener Hallen, die aus Angst vor einem Bombardement englischer Flieger mit einem Tarnstrich versehen wurden. Nach 1945 kam die Stoffproduktion nochmals in Gang. Der schleichende Niedergang, verursacht durch die Billigkonkurrenz aus Asien, endete 1992 mit dem Firmenkonkurs.

Die Erba wurde zur Industriebrache, zur Belastung für die Stadtkasse und am Ende auch für den Tourismus. Kein Schild wies vom Marktplatz aus dorthin. Provisorischen Flüchtlingsunterkünften war der Ort noch vorbehalten. „Das war ein sozialer Brennpunkt“, sagt OB Lang.

Verkäufe im Rekordtempo

Und dann, 2016, eine Art Knall. Zaghaft und nicht frei von Zweifeln, erinnert sich der Rathauschef, hatte die Stadt das ganze Gelände 2009 aufgekauft. Als sieben Jahre später mit der Vermarkung der alten Mauern begonnen wurde, rannten die Interessenten dem Rathaus die Türen ein. „Wir suchten keine Investoren, wir suchten Liebhaber.“ Und sie kamen, nicht zuletzt wegen der in Aussicht stehenden Denkmalförderung: Die Alt-Wangener, die ein schickes Loft haben wollten, die Architektin mit ihren Zeichentischen, die Steinmetzin mit ihrer Werkstatt, die größeren Unternehmen, etwa aus dem Bereich E-Mobilität, die in diesen weitgehend original erhaltenen und sanierten Stadtteil drängten. Noch sind nicht mal die Zufahrtsstraßen zum Spinnereiviertel alle fertig geteert – und doch sämtliche Flächen verkauft, sagt Lang: Wohnungen für 1500 Menschen sowie Büro und Produktionsflächen für 500 Arbeitsplätze. Nicht schlecht für eine Stadt mit bisher 27 000 Einwohnern.

Neu ist ein zentrales Parkhaus im Stadtteil, denn Straßenparker sind künftig nicht erwünscht. Stattdessen sollen E-Scooter rollen, ein Ladepark für E-Autos ist in Planung. Das Viertel wird, wenn alles fertig ist, mit städtischer Fernwärme versorgt. Die alte Wasserturbine vom Argenkanal ist saniert und wird wieder Strom produzieren. Große Teile des Areals sind naturnäher als zuvor gestaltet. Es gibt eine Gartenanlage für Selbstversorger. Eine der Industriehallen wird bald für Großveranstaltungen nutzbar sein, für Tagungen, Messen, Feiern, Tanzpartys – was immer anfällt. Am Rand des Geländes haben Wohnungsbaugesellschaften mitgezogen und ihre Hochhäuser saniert. Weniger Vermögende und Menschen, die es sich leisten können, Junge und Alte sollen von 2024 an in dem neuen Viertel leben.

Millionen an Zusatzeinnahmen jährlich

Der OB strebt zur vierten Amtszeit

Mit Zusatzeinnahmen von einer bis drei Millionen Euro jährlich rechnet OB Lang durch zusätzliche Gewerbesteuern und Einkommensteuerzuweisungen. So würden sich die städtischen Investition nach einem Jahrzehnt amortisieren. Der Rathauschef ist 57 Jahre alt, wurde 2001 zum ersten Mal in Wangen gewählt. Bei der letzten Wahl 2017 bekam er, bei hoher Wahlbeteiligung, knapp 99 der Stimmen. Wird er bald ein viertes Mal antreten? Lang sagt, er könne sich wirklich nichts anderes vorstellen.

Solide Rechnung

Investition
Laut der Stadtverwaltung Wangen betragen die Investitionen in die Landesgartenschau 2024 insgesamt 317 Millionen Euro. Davon kommen 228 Millionen von Privatinvestoren, 89 Millionen von der Stadt Wangen. Durch Grundstücksverkäufe und Fördergelder von Bund und Land wurden Einnahmen von 53 Millionen Euro erzielt.

Kartenverkauf
Der Dauerkartenverkauf für die Landesgartenschau 2024 beginnt am 10. September dieses Jahres. Geplant sind für die Dauer der Blumenschau rund 2000 Veranstaltungen. rub

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