Eberhardzell - Wenn Landwirt Gerhard Schupp durch seinen Schweinestall in Eberhardzell im Landkreis Biberach geht, hört er nur noch ein paar wenige Ferkel grunzen. Sie sind die letzten Verbliebenen. Ende März sind auch sie weg – und es kehrt Ruhe ein in dem Stall, in dem sonst jährlich etwa 9500 Ferkel zur Welt kamen. 20 Jahre leidenschaftliches Schweinebauer-Dasein gehen dann für Schupp und seine Frau zu Ende. „Wir waren mit Leib und Seele Ferkelerzeuger“, sagt Schupp. Mit 323 Zuchtsauen belieferten sie die Schweinemäster regelmäßig mit Ferkeln. Und eigentlich wollten die beiden noch weitere fünf Jahre weitermachen.
Ferkelpreis sank auf unter 30 Euro pro Ferkel, nötig wären 63 Euro
Doch die Situation sei so aussichtslos, dass die Schupps schon jetzt die Reißleine ziehen mussten. „Wir müssen sofort reagieren, um den Betrieb und unser Vermögen zu schützen. Damit wir aus dieser Geschichte herauskommen – ohne, dass viel kaputt geht“, sagt Schupp. Nach tagelangem Rechnen, Rücksprachen und Recherchen wurde den Schupps klar: „Wenn wir dabei bleiben, machen wir über 100 000 Euro Verlust im Jahr. Das können wir als Betrieb nicht lange tragen.“
Es liege vor allem am extrem niedrigen Preis, den die Landwirte pro Ferkel erhalten. Um wirtschaftlich zu bleiben, wäre ein Ferkelpreis von 63 Euro nötig. Doch im vergangenen Jahr sank der Preis durch die Corona-Ausbrüche in den Schlachthöfen und die Afrikanische Schweinepest tief in den Keller: auf nur noch unter 30 Euro pro Ferkel. Für die Schupps gab es nur noch eine Option: die Schweinehaltung aufgeben.
Niedrige Preise und ständig neue Auflagen
Und damit sind sie kein Einzelfall: „Die Probleme der Schweinehalter sind dramatisch“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied unlängst unserer Zeitung. 20 000 Schweinehalter habe es vor 20 Jahren noch in Baden-Württemberg gegeben. Mittlerweile seien es nur noch 2000. „Wir befürchten einen weiteren massiven Rückgang“, sagte Rukwied. Durch den Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest sei China als wichtiger Exportmarkt weggefallen: „Verschiedene Teile vom Schwein wie etwa Innereien, Öhrchen oder Pfötchen finden bei uns keine Abnehmer mehr, und dafür brauchen wir die Exportmärkte.“
Schweinebauer Schupp rechnet erst in drei bis fünf Jahren mit einer allmählichen Normalisierung der Situation – und wieder steigenden Ferkelpreisen. Doch die bis dahin jährlichen Verluste könnte er dann kaum wieder reinwirtschaften. Auch die ständig neuen Auflagen machen besonders Ferkelzüchtern wie ihm zu schaffen.
Dänemark und Niederlande haben Einfluss auf den deutschen Ferkelpreis
Hinzu kommt in diesem Jahr: Die komplette schmerzfreie Kastration der Ferkel unter einer Isofluran- oder Injektionsnarkose. Diese spezielle Auflage gilt bisher jedoch nur für die deutschen Schweinebauern, klagt Schupp: „Der Däne oder der Holländer kastriert nach seinen Vorgaben, aber das Ferkel wird hier dann so behandelt, als ob die Schmerzausschaltung nach deutschem Recht erfolgt wäre.“ Für Schupp ein klarer Fall von Wettbewerbsverzerrung. In Dänemark und den Niederlanden können die Landwirte ihre Ferkel wegen der dort weniger strengen Auflagen preisgünstiger kastrieren.
Eine Arbeitsgruppe der Qualität und Sicherheit GmbH soll zwar bald eine für deutsche und ausländische Landwirte einheitlich geltende Liste mit den zulässigen Narkoseverfahren vorstellen. Doch wann genau das geschieht, ist ungewiss. „Das Thema drängt sehr. Eigentlich sollten einheitliche Vorgaben selbstverständlich sein, aber Fleischwirtschaft und Handel mauern hier noch“, sagt ein Sprecher des deutschen Bauernverbands. Rund elf Millionen Ferkel importiert Deutschland jährlich, vor allem aus den Niederlanden und Dänemark, die damit einen großen Einfluss auf den deutschen Ferkelpreis haben.
Biolandwirtschaft kommt nicht infrage
Einige von Schupps Kollegen mit größeren Höfen hätten ihren Ferkelzucht-Betrieb deshalb schon erweitert, um sich nicht mit der Konkurrenz aus dem Ausland messen zu müssen. „Die haben dann die Ferkelerzeugung und die Mast in der eigenen Hand, und wenn sie dann noch die Vermarktung selbst organisieren, könnte es klappen“, sagt Schupp, für den dieser Schritt jedoch nicht in Frage kam.
Auch im Umstieg auf die Biolandwirtschaft sah der Landwirt keine Zukunft für seine Schweinehaltung: „Das muss man in den Genen haben. Außerdem ist es mit deutlich mehr Arbeit verbunden. Die arbeiten teilweise wie vor 30, 40 Jahren – mit viel Stroh und Staub. Das ist auch gesundheitlich ein Problem.“
Statt Ferkeln bald Alpakas und Wohnmobile
Die Schupps haben ganz andere Pläne: Sie wollen ihren nun leeren Stall zu einem Wohnmobil-Unterstellplatz umfunktionieren. In der Nachbarschaft gebe es zwei große Hersteller: „Manchmal können sie keine verkaufen, weil sie zum Fahrzeug keinen Stellplatz vermitteln können“, erzählt Schupp, der dieses Problem nun lösen möchte.
Und noch ein Zukunftsprojekt schwirrt ihm und seiner Frau im Kopf herum: Sie wollen Wanderungen mit Alpakas anbieten. „Da ist eine riesen Nachfrage da. Wir haben schon zwei Farmen angeschaut, die ihr Geld damit verdienen“, erzählt Schupp. Statt grunzenden Ferkeln ist dann also in Zukunft auf dem Hof der Schupps das Brummen der Alpakas und der Motoren der Wohnmobile zu hören.
Info: Wie kommen die jährlichen Verluste von über 100 000 Euro zustande?
Jede der 323 Zuchtsauen von Gerhard und Sonja Schupp konnte circa 28 Ferkel im Jahr auf die Welt bringen. Liegt der Preis pro Ferkel wie zurzeit bei 33 Euro, kämen die Landwirten zusammen mit dem Verkaufsanteil der Altsau auf 1011 Euro Deckungsbeitrag, der die Fixkosten abdeckt. Davon müssten sie ihre variablen Kosten abziehen, die unter anderem mit Futter, Strom und Tierarztkosten bei 1402 Euro liegen. Damit wären sie bei einem Minus-Deckungsbeitrag von 391 Euro pro Muttersau. Auf alle 323 Zuchtsauen gesehen, ergebe das einen Verlust von rund 126 000 Euro im Jahr. „Da sind aber die Kosten für die geforderten Umbaumaßnahmen noch gar nicht miteingerechnet“, sagt Gerhard Schupp. Mit jenen würde sich der jährliche Verlust noch einmal um 180 000 Euro erhöhen.