Mehrstetten - Samstagvormittag auf dem Parkplatz des Fußballvereinsheims von Mehrstetten im Kreis Reutlingen. Da sind kaum noch Lücken für Autos. Bälle fliegen keine, dafür beginnen hier diverse Loipen, die über Felder und durch tief verschneite Waldabschnitte führen, zum Beispiel die zwölf Kilometer lange Böttental-Loipe. Schuhe einklicken und los geht’s. Klassischer Stil.
Nach einem Freitag, der auf der Schwäbischen Alb Wolken brachte und am Bodensee kaum gekannte Schneemassen, die großflächig den Verkehr zusammenbrechen ließen, kommt jetzt die Sonne raus. Das Licht fällt in eine leicht angeeiste Spur, Schneekristalle glitzern, das Tempo der ersten Abfahrt flößt gleich Respekt ein. Danach, auf den ersten großen Ebenen, läuft es wie Sahne. Von hinten überholen ab und zu geschmeidige Skater, manche von ihnen tragen Vereinsjacken.
Sonnenbühl zieht die Notbremse
Nicht nur die Gemeinde Mehrstetten hat zum Gaudium der Langläufer den Pistenbully rausgeholt. Mehrere Verbindungsstellen zu anderen Schleifen gibt es, Richtung Münsingen zum Beispiel. Wer will, kann den ganzen Tag draußen bleiben, ohne zweimal den selben Weg nehmen zu müssen. An den Anstiegen bilden sich vor dem Mund Atemwölkchen. Das Thermometer zeigt minus vier Grad.
Was Mehrstetten macht, ist keine Selbstverständlichkeit. Verächter des weißen Sports könnten sogar von einem Risiko sprechen. Im selben Kreis wie Mehrstetten liegt die Gemeinde Sonnenbühl. Dort, am Albtrauf, werden bei gutem Schnee üblicherweise fünf Loipen präpariert. Am 4. Januar wurde aber die Notbremse gezogen. Auf ihrer Homepage schreibt die Gemeinde, warum. „Staus, zugeparkte Straßen- und Rettungswege, achtlos weggeworfener Müll, zerstörte Loipen. So stellt sich leider die aktuelle Situation in Sonnenbühl dar.“ Das Spuren wurde eingestellt, der Wintersportbericht im Internet nicht weitergeführt.
Immer wieder ein Plausch auf der Strecke
Wieder eine Kreuzung. Wer mag, kann die Böttental-Runde weiterlaufen oder die Loipe von Münsingen-Auingen mitnehmen. Zwei Frauen im Skidress drehen eine Landkarte in den Händen. Ein silberhaariger Langläufer kommt entgegen. „Nach Bern geht’s da lang, nach Berlin dort.“ Er lacht und schiebt im Doppelstockeinsatz weiter. „Nur ein Spaß“, sagt seine Frau, nicht weniger hurtig vital.
Die Coronaverordnung des Landes erlaubt das Langlaufen grundsätzlich, sofern sich keine Infektionsgefahren bilden. In der Stadt Blaubeuren (Alb-Donau-Kreis) hat sich die Besorgnis durchgesetzt. Der kommunale Pistenbully bleibt seit dem vergangenen Wochenende geparkt. Der Pandemie-Krisenstab der Stadt hatte beobachtet, dass die Menschenansammlungen an einigen Loipen-Einstiegsstellen unkontrollierbar wurden. Nicht weit von Blaubeuren entfernt, in der Stadt Laichingen (Alb-Donau-Kreis) haben sie erst lange gezögert und sich neuerdings doch dazu durchgerungen, den Skilanglauf aktiv zu ermöglichen.
Ab Mittag wird es voller
Der Mittag ist vorüber, auf dem Rückweg nach Mehrstetten kommen nun doch immer mehr Langläufer entgegen. Manche erkennen sich, bleiben stehen, plaudern in einigem Abstand. Große Gruppen sind nicht dabei. Keine Sorge vor einer Ansteckung? Ein Mann, etwa 50 Jahre alt, verneint entschieden. „Hier draußen kann man sich zum Glück gesund halten“, sagt er. Er passe schon auf, dass ihm niemand zu nahe komme. Für viel gefährlicher als jedes Virus hält er offenbar eine vorausliegende Abfahrt, die weit unten in einen verdeckten Linksknick mündet. Zweimal habe er heute schon auf voller Länge den Schnee gekostet, sagt der Mann. Seine Frau spricht ihm Mut zu. „Du machst das super.“
Der letzte Kilometer zurück zum Start der Loipe wird noch etwas voller. Ein geschickter Fotograf mit einem ordentlichen Teleobjektiv könnte mit etwas Geduld leicht ein perspektivisch verkürztes Foto schießen, das den Eindruck einer Menschentraube vermittelt. In Mehrstetten, könnten Betrachter anschließend sagen, geht es ja zu wie auf dem Nymphenburger Kanal in München, wo kürzlich Massen von Eisläufern durch die Polizei verwiesen werden mussten. Wahr ist, dass es am Klamotten-Wühltisch oder in der Porzellanabteilung des Edeka-Markts zu Hause um die Ecke zehnmal voller ist als hier draußen.
Voller Parkplatz, keine Gespräche
Zurück am Parkplatz. Die Sonne lacht in rosige, verschwitzte Gesichter. Wer von seiner Runde zurückkommt, packt rasch und schweigsam die Bretter in den Kofferraum und fährt davon. Schade, dass es für heute vorbei ist. So ein Schnee kommt so bald nicht wieder.
Anmerkung der Redaktion: Im Text heißt es, die Gemeinde Sonnenbühl habe ihre Loipen geschlossen. Richtig ist, dass vorübergehend das Präparieren der Spuren gestoppt wurde – bis zum 10. Januar, wie eine Sprecherin jetzt präzisierte.