Jeder Mensch hat Träume, die er im Laufe seines Lebens gerne verwirklichen möchte. Doch Träume wahr werden zu lassen, ist mitunter schwieriger, als im Lotto einen Millionengewinn abzuräumen. Mal krankt es an den Finanzen, mal fehlt die nötige Zeit, es können Krankheiten, Überschwemmungen, Eheprobleme oder auch eine Pandemie dazwischenkommen.
Aber aufgeschoben ist nicht immer aufgehoben. „Wir wollten schon immer einen Marathon als Familie bewältigen“, sagt Alfred Philippin, mit 67 Jahren der Älteste der lauffreudigen Familie aus Malmsheim. Seine Ehefrau Jutta, 63, bevorzugte in jüngeren Jahren als Ultraläuferin Distanzen, die mit 80 bis 100 Kilometer weit über die Marathon-strecke von 42,2 Kilometern hinausgingen. Die ältere Tochter Lisa (34) liebte mehr die Mittelstrecken und startete einst für den VfL Sindelfingen, die jüngere Tochter Hanna (31) schätzte die Abwechslung im Ausdauersport und erreichte als Triathletin über die Olympische Distanz (1,5 Kilometer Schwimmen/40 km Radfahren/10 km Laufen) internationale Klasse.
Als Nationalkader-Triathletin durfte Hanna Philippin derart lange Distanzen nicht am Stück abspulen
Lange war es Hanna, oder besser ihre sportliche Berufung, weshalb die Philippins ihren Traum nicht umsetzen konnten – als Triathletin im Nationalkader war es Hanna nicht erlaubt, so weite Strecken am Stück abzuspulen. Das war unvereinbar mit den Anforderungen an eine Triathletin auf der Olympischen Distanz. Doch nachdem Hanna als Profisportlerin zurückgetreten war, öffnete sich das Traumfenster. Eigentlich wollten Vater und Mutter mit den Töchtern 2022 beim New-York-Marathon antreten, doch die Kosten bei einem Startgeld von gut 800 Euro pro Person plus vier Flüge in die USA plus Hotel plus Verpflegung schmerzten die schwäbische Seele dann doch so sehr, dass die Malmsheimer ihr Familienunternehmen für Europa planten. „Da wo es flach und kühl ist“, sagt Alfred Philippin, „wollten wir antreten. So fiel die Wahl auf Stockholm.“ Noch zwei Pluspunkte für die schwedische Hauptstadt: Der Start kostete lediglich 100 Euro pro Person, der Termin lag in den Pfingstferien, was ebenfalls optimal passte, weil Lisa als Sportlehrerin in Rutesheim arbeitet.
Trainingspläne für die Generation 60 plus
Nun musste nur noch die Fitness auf einen Level gehoben werden, um die 42,2 Kilometer in einer akzeptablen Zeit zurückzulegen. Jutta hatte zwar schon an die 25 Marathons in den Beinen, ihre Bestzeit liegt bei 2:50 Stunden, Alfred ist 15 Mal über die Distanz gelaufen (Bestzeit 2:40), doch das lag schon einige Jährchen zurück, Laura war auch schon einmal gestartet, nur Hanna war Marathon-Novizin. Den Trainingsplan von Joey Kelly („In 28 Wochen zum ersten Marathon“) aus dem Internet hat die Familie schnell verworfen, „ich habe die Tempoläufe gehasst“, erzählt Jutta, und Alfred machte die Arthroskopie im Knie zu schaffen: „Wir wollten uns nicht ein halbes Jahr spaßlos quälen.“
So klopfte Jutta, die je zweimal Welt- und Europameisterin mit dem deutschen Ultramarathon-Team war, bei ihrem einstigen Trainer Klaus Marth an, und der Malmsheimer Mitbürger arbeitete altersgerechte Trainingspläne für die gesamte Familie aus. „Mit längeren Ruhephasen für die Generation 60 plus“, erinnert sich Alfred Philippin. Die weiteste Trainingsdistanz lag bei 34 Kilometern, was vor allem Alfred „mächtig geschlaucht“ hatte. Und schließlich schloss sich auch noch Hannas Freund an, um ebenfalls in Stockholm anzutreten.
Die eigens produzierten Trikots in Pink sollten auffallen, damit die Familie sich in der großen Menge wiederfindet
„Als wir nach Schweden aufgebrochen sind“, erzählt Jutta Philippin, „war das sehr bewegend – denn ich wusste ja, dass wir mit diesem Vorhaben nicht noch zehn Jahre würden warten können. Dann wären Alfred und ich zu alt.“ Am Samstag vor Pfingsten erfüllte sich der Traum – das Philippin-Quartett lief mit 17 000 anderen Laufhungrigen durch Stockholm in den eigens dafür produzierten Trikots in Pink (Alfred: „Es sollte ja auch auffallen, damit wir uns in der großen Menge wiederfinden.“). Die Töchter besorgten den Eltern an den Verpflegungsstellen Wasser, alle vier motivierten sich gegenseitig, als bei Vater Alfred ab Kilometer 30 die Sohlen anfingen zu brennen. „Es gibt keine schlechte Laune“, zischte Laura – selbst Hanna, der Marathon-Neuling, hatte kaum Probleme, weder mit der Physis noch mit der Psyche. Jutta kämpfte bei Kilometer 38 mit einem sich anbahnenden Wadenkrampf, doch als erprobte Ultraläuferin wusste sie freilich, dass Laufen nicht immer ein Füllhorn ewiger Freude ist, und kämpfte sich über die letzten vier Kilometer. „Als wir ins Stadion gelaufen sind“, erzählt sie, „da kamen die Tränen.“ Und Vater Alfred bekam eine Gänsehaut, als die Philippins im Quartett die letzten 250 Meter Hand in Hand joggten und gemeinsam nach 4:42:15 Stunden über die Ziellinie liefen. „Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen“, sagte der Micky-Maus- und Träumefabrikant Walt Disney einmal. Familie Philippin aus Malmsheim weiß, wie recht er hat.