ExklusivLBBW-Architektenwettbewerb in Stuttgart Stadträte protestieren gegen Siegerentwurf

Von Jörg Nauke 

Der Neubau der LBBW Immobilien in Stuttgart wird zum Politikum: Stadträte und Vertreter der Verwaltung sind in der Jury überstimmt worden und kündigen Widerstand an.

Der Siegerentwurf des Stuttgarter Büros h4a Gessert + Randecker.  Allerdings sind der Baukörper und die Fassade des ersten Preisträgers bei Stadträten und Verwaltungsvertretern durchgefallen. Sie favorisieren eine kleinteiligere Lösung. Das alte Gebäude soll nächstes Jahr abgerissen und der Neubau Ende 2020 fertiggestellt werden. Foto: LBBW Immobilien
Der Siegerentwurf des Stuttgarter Büros h4a Gessert + Randecker. Allerdings sind der Baukörper und die Fassade des ersten Preisträgers bei Stadträten und Verwaltungsvertretern durchgefallen. Sie favorisieren eine kleinteiligere Lösung. Das alte Gebäude soll nächstes Jahr abgerissen und der Neubau Ende 2020 fertiggestellt werden. Foto: LBBW Immobilien

Stuttgart - Die Immobilienabteilung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) plant als Investor an der Ecke Eberhard-/Stein-/Geißstraße gegenüber dem Tagblatt-Turm ein Wohn- und Geschäftshaus. In Abstimmung mit der Stadt hat sie elf Architekturbüros zu einem Planungsgutachten eingeladen, um die beste Lösung für die ambitionierte Aufgabe zu finden, mit einem bis zu 20 Meter hohen Gebäude 6000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche zu generieren und angemessen auf die putzige historische Altstadtbebauung in der Nachbarschaft – Hegelhaus auf der Vorderseite, das Areal Hans-im-Glück-Brunnen dahinter – zu reagieren.

Laut einer Pressemitteilung des Investors haben sich die Jurymitglieder „nach eingehenden Beratungen“ mehrheitlich auf den Entwurf des Stuttgarter Büros h4a Gessert + Randecker Architekten geeinigt. Ausschlaggebend sei für die Kommission der „überzeugende Lösungsansatz“ gewesen, „der ohne historisierende Zitate einen prägnanten und zeitgemäßen Stadtbaustein setzt“, teilte der Juryvorsitzende, Architekt Wolfgang Riehle, mit.

Kein einstimmiges Urteil

Was der Investor unerwähnt gelassen hat: In den Beratungen hinter verschlossenen Türen haben die sich in der Minderheit befindlichen Vertreter der Bürger – also Stadträte von CDU, Grünen und SÖS/Linke-plus sowie der Leiter des Amts für Stadtplanung und Stadterneuerung, Detlef Kron, die Abteilungsleiterin Carolin zur Brügge und Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle – für den auf Rang zwei gelandeten Entwurf von Jo. Franzke Generalplaner GmbH aus Frankfurt ausgesprochen. Ihrer Ansicht nach nimmt dieser Vorschlag mit seiner Fassadengliederung und den Satteldächern besser Bezug auf die städtebaulichen Strukturen und deren mittelalterlich anmutende Kleinteiligkeit. Indem das Gebäude an der markanten Ecke um vier Meter zurückversetzt würde, würde sich auch die öffentliche Freifläche vergrößern.

Dem Siegerentwurf sprechen sie zwar die Funktionalität nicht ab, auch nehme er die Topografie gut auf, insgesamt wird er aber als großer, kalter Klotz „mit der Anmutung einer Kirche“ beschrieben, hinter deren Fassade man sich eine Wohnnutzung und „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ nicht vorstellen könne. Das Büro hat 31 Einheiten in den oberen Geschossen vorgesehen. Die meisten sollen hochwertiges Wohnen ermöglichen, 20 Prozent werden öffentlich gefördert. Nach Informationen unserer Zeitung sollen Bürgervertreter gewarnt haben, den Siegerentwurf zu veröffentlichen, bevor er überarbeitet worden sei, weil er im Gemeinderat und im Bezirksbeirat auf Widerspruch stoßen und eine Auseinandersetzung im Bebauungsplanverfahren provozieren dürfte. Ein Grund sei die geplante Höhe des Eckgebäudes; Das soll mit 27 Metern gleich hoch werden wie der gegenüberliegende Kaufhof – die Bebauung über der Steinstraße wird entfallen – damit das vorgeschriebene Maß um sieben Meter überschreiten. Befreiungen werde man zu verhindern wissen, heißt es.

Investoren sagen, wo es lang zu gehen hat

Dieses Gutachterverfahren wird vor dem Hintergrund diskutiert, dass meist Investoren bestimmten, wie markante Stadteingänge raumgestaltet werden und nicht die Kommunalpolitik. Das wollte OB Fritz Kuhn (Grüne) zwar ändern, allerdings blieb er meist erfolglos. Im konkreten Fall stimmte Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) für den Siegerentwurf; sein Hinweis, er sei „gespannt auf die Überarbeitung“ , wird als Hinweis gedeutet, auch nur bedingt zufrieden zu sein. Mit dem Neubau der Calwer Passage und dem Hochhaus der Firma Strabag im Europaviertel haben Investoren deutlich gemacht, dass Form und Aussehen von jenen bestimmt werden, die bezahlen. Auch die Auslobung zum Neubau in der Eberhardstraße wurde nicht nach der Richtlinie für Planungswettbewerbe vorgenommen. Dem Gemeinderat bleibt nun die Bauleitplanung, um Einfluss zu nehmen. Eine aktivere Grundstückspolitik fordern Parteien des linken Spektrums bisher vergeblich. Im konkreten Fall hat LBBW Immobilien die Flächen erworben.

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