Leben in Shanghai Kein Bargeld und Strafzettel aufs Handy: Ist das auch unsere Zukunft?

Eine junge Frau in Shanghai vor einer Station mit Powerbanks, die in einem Restaurant zum Laden von Smartphones ausgeliehen werden können. Foto: StZN/Klaus Köster

In Chinas Städten sind digitale Technologien längst Alltag. Der Lifestyle der Chinesen hat für die deutsche Wirtschaft große Bedeutung – aber wie soll Deutschland da mithalten? Und wollen wir das?

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Klaus Köster (kö)

Kaffee gefällig? Das wäre auf einem Spaziergang durch Shanghai eine gute Idee, gäbe es vor dem nächsten Café nicht eine kleine Schlange. Aber selbst auf kurze Wartezeiten hat die zielstrebige Shanghaierin keine Lust. Lieber zückt die junge Dame ihr Smartphone, auf dem Dutzende von Banking- und Shopping-Apps installiert sind, viele davon vom Alibaba-Konzern, eine Art chinesischer Mischung aus westlichen Apps wie Amazon, Lieferando, Google und Paypal.

 

Zehn Minuten beträgt laut einer zum Alibaba-Ökosystem gehörenden App die Wartezeit bei einem Café, das von den Gästen besonders gut bewertet wurde. Mit der App reihen wir uns in eine virtuelle Schlange ein, zahlen, erhalten eine Nummer, und als wir zehn Minuten später dort sind, steht alles bereit. Eine andere Möglichkeit wäre, sich das Ganze kostenlos in eine Art Packstation liefern zu lassen. Innerhalb weniger Minuten ist die Ware dort, der Kaffee beim Abholen noch heiß. Viele Chinesen lassen sich ihren Mittagsimbiss in eine solche „Delivery Box“ liefern, von denen es etliche in Einkaufszentren und auf Märkten gibt.

Geliefert wird das Essen von einer Armada von Tausenden Fahrern elektrischer Mopeds in blauen und gelben Firmenuniformen, die in Pulks durch die Straßen surren, auf denen es für diese Fahrzeuge eigene Spuren gibt. Auch sie bekommen ihre Aufträge über das Smartphone.

Selbst einen einzelnen Becher Kaffee lässt man sich liefern

Einen Mindestbestellwert oder Liefergebühren wie bei deutschen Abholdiensten gibt es bei Alibaba & Co. nicht. Hinter den durchsichtigen Türen der kleinen Schließfächer steht auch manch einzelner Kaffeebecher. Und nicht nur frische Lebensmittel werden geliefert. „Wenn ich mal feststelle, dass ich kein Küchentuch mehr habe, gehe ich doch nicht extra in den Supermarkt“, sagt die Frau fast empört.

Praktisch auch: „Ein Geldbeutel kann mir nicht gestohlen werden, ich brauche ja keinen mehr.“ Ein wirklich großes Problem gebe es nur, wenn das Smartphone abhandenkomme oder der Akku leer gehe. „Dann käme ich nicht einmal mehr nach Hause.“

Doch auch daraus haben Chinesen ein Geschäftsmodell entwickelt. Droht der Akku leerzulaufen, sind Restaurants eine gute Anlaufstelle. In vielen davon gibt es Leihstationen für Powerbanks, mit denen sich der Akku für umgerechnet 90 Cent pro Stunde aufladen lässt. Für Restaurants ein gutes Geschäft – denn viele Nutzer verweilen dort bei einem Kaffee oder einem Imbiss, bis der Akku wieder genügend Saft hat. Zwingend ist dies aber nicht – der Ersatzakku lässt sich auch an jeder anderen Station zurückgeben.

Längst hat das digitale Leben auch im Auto Einzug gehalten. Per Sprachsteuerung lässt sich bei vielen Fahrzeugen chinesischer Hersteller etwa nach der Lieblingsmahlzeit suchen. „Wo gibt es die beste Pekingente?“ Auf Fragen wie diese sucht die App nach Angeboten und unterbreitet einen Vorschlag, bei dem auch Zahlungsbereitschaft, Zeitbudget und Nutzerbewertungen berücksichtigt werden. Ein Ja genügt, und das Navigationssystem ändert die Route, steuert den Händler oder das Restaurant an und gibt auch gleich die Bestellung auf.

Datenschutz? Schon der Begriff ist vielen unbekannt

Selbst Verkehrssündern machen die vielen nahtlos zusammenarbeitenden Apps das Leben leichter. Die strengen Halteverbote in Shanghai werden mit Kameras überwacht, und bei Verstößen bekommt der Halter das Ticket automatisiert an sein Handy zugestellt, dessen Nummer mit dem Autokennzeichen verknüpft ist. Mittels der App lässt es sich direkt bezahlen.

Mit der gleichen Technologie lassen sich auch Parkgebühren entrichten – die Kamera erfasst schließlich auch legale Parker. Und wer vergessen hat, wo das Auto abgestellt ist, kann unter Umständen über das Handy den Standort samt Foto aus der Überwachungskamera abfragen.

Der im Westen hochgehaltene Datenschutz ist vielen Chinesen unbekannt – die Shanghaierin kann nicht einmal mit dem Begriff etwas anfangen. Die Marktforschung zeigt, dass das digitale Erlebnis mit einem Auto für viele Chinesen ein entscheidendes Kaufargument ist. Und hier sind die chinesischen Hersteller klar im Vorteil – zumal sie ihr Angebot auf die dortigen App-Anbieter wie Alibaba und Tencent abstimmen können, die ihrerseits eine Vielzahl untereinander vernetzter Anwendungen bereitstellen.

Lan Zhang, Marketingchefin der VW-Gruppe in China, hat den Markt eingehend analysiert und eindrucksvolle Zahlen zusammengestellt. China hat für digitale Anwendungen im Auto ein regelrechtes Ökosystem aus etablierten Herstellern, Start-ups aus den Bereichen Digitales und Elektromobilität sowie Technologiegiganten zusammengestellt, die heute bereits 90 Prozent des Marktes bei autonomen Fahrzeugen ab Stufe zwei (von fünf) dominieren. Das ist die Phalanx, gegen die europäische Hersteller ankämpfen müssen, wollen sie sich behaupten.

Wie stark sich durch die technologischen Sprünge die Marktanteile verschieben, zeigt sich auch an der Entwicklung der Elektromobilität in China. Während Volkswagen bei Verbrennungsfahrzeugen mit 15 Prozent Marktanteil unangefochtener Marktführer ist und doppelt so viele Autos verkauft wie Mercedes und BMW zusammen, sieht es bei Elektrofahrzeugen völlig anders aus. Allein der chinesische Autoriese BYD steht für jeden vierten E-Auto-Kauf in China, gefolgt von Tesla mit einem Anteil von 14 Prozent. Volkswagen schlägt sich mit fünf Prozent noch achtbar, während Mercedes mit 0,3 Prozent bisher kaum wahrnehmbar ist.

Wie aber wollen die deutschen Konzerne da noch das Ruder herumreißen? Bei VW etwa lautet die klare Marschroute, immer mehr Entscheidungen für den chinesischen Markt nach China zu verlagern, um mit der enormen Geschwindigkeit mithalten zu können. Volkswagen setzt auch darauf, angesichts geopolitischer Unsicherheiten die Abhängigkeit vom chinesischen Markt zu verringern. Geschehen soll dies aber nicht durch einen Rückzug aus dem größten Automarkt der Welt, sondern durch die Eroberung weiterer Märkte. Die Vielzahl der Konzernmarken soll helfen. Skoda etwa soll den Markt in Indien aufrollen, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Auch Mercedes setzt intensiv auf Digitales, das E-Auto und einen eigenen Chinavorstand.

Doch die Chinesen warten nicht, bis die Europäer aufschließen. Mit immer neuen Schritten halten sie den Druck aufrecht. Die Hersteller Nio und Geely wollen nun eigene Smartphones anbieten, die das gleiche Betriebssystem haben wie ihre Autos und mit dem Fahrzeug zu einer Einheit verschmelzen. Inzwischen schicken sich chinesische Hersteller an, ihrerseits die europäischen Märkte zu erobern.

Die Sorgenfalten der deutschen Automanager werden tiefer

Nio baut bereits mit dem EnBW-Konzern an einem Netz von Ladestationen, an denen die Batterie der E-Autos gewechselt werden kann; auch andere Hersteller stehen vor dem Sprung nach Europa. Ihre Stärken sind die niedrigen Produktionskosten, der günstige Zugang zu Rohstoffen für das E-Auto – und nicht zuletzt die Qualität der Fahrzeuge, bei der das Land in den vergangenen Jahren massiv hinzugelernt hat. Was für Käuferinnen und Käufer verheißungsvoll klingt, treibt Automanagern hierzulande die Sorgenfalten auf die Stirn. Ihnen erschien es lange Zeit unvorstellbar, dass die über Jahrzehnte hinweg rückständigen chinesischen Autohersteller ihnen jemals ernsthaft Konkurrenz machen könnten. Heute benötigen sie all ihre Fantasie, um sich vorzustellen, wie sie ihren Rückstand verringern können.

*Anmerkung: Ein Teil der Reisekosten unseres Redakteurs nach Shanghai wurde vom VW-Konzern übernommen.

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