Leonberg Wo Salat und Brot vorm Müll gerettet werden

Von Ulrike Otto 

Thomas und Mirjam Junginger sind Foodsharer. In ihrem Haus in Gebersheim haben sie einen sogenannten Fairteiler eingerichtet.

Salat haben Mirjam und Thomas Junginger seit Jahren nicht mehr selbst eingekauft, Den gibt es beim Foodsharing reichlich. Foto: factum/Bach
Salat haben Mirjam und Thomas Junginger seit Jahren nicht mehr selbst eingekauft, Den gibt es beim Foodsharing reichlich. Foto: factum/Bach

Leonberg - Es ist kühl in dem kleinen Kellerraum. Nur ein kleines Holzschild an der Treppe weist darauf hin, was sich hinter der Tür verbirgt. „Foodsharing – Fairteiler“ steht in weißen Buchstaben darauf geschrieben. Foodsharing – zu deutsch: Essen teilen – ist eine noch junge Bewegung in Deutschland, die sich über die Internetseite www.foodsharing.de organisiert und sich gerade in Stuttgart und Umgebung immer mehr verbreitet.

Thomas und Mirjam Junginger aus Gebersheim sind seit August 2015 dabei, seit März dieses Jahres gibt es auch den Fairteiler im Keller ihres 86 Jahre alten Bauernhauses. „Mit dem Lebensmittelverteilen haben wir aber eigentlich schon viel früher angefangen“, sagt Mirjam Junginger. Über das Buch „Glücklich ohne Geld“ von Raphael Fellmer seien sie auf das Thema gestoßen, anschließend hätten sie verschiedene Supermärkte und Gemüsehändler in der Region angesprochen. „Irgendwann wussten wir nicht mehr, wohin mit den Lebensmitteln. Einmal haben wir samstags 20 reife Ananas bekommen und den ganzen Abend lang eingekocht. Da haben wir angefangen zu teilen“, erzählt die vierfache Mutter. Daraus entstand ein Netzwerk, das mit der Zeit immer größer wurde.

Hartz-IV-Empfänger und Ingenieure holen dort ihr Essen

Unter dem Dach von Foodsharing.de und nun mit dem Fairteiler werden in der Woche zwischen 20 und 60 Kilo Lebensmittel in Gebersheim unter die Leute gebracht. „Wir bekommen viel frisches Obst und Gemüse. Salat kaufe ich seit Jahren nicht mehr selbst ein“, berichtet Mirjam Junginger. Zwei bis drei Mal pro Woche werden Brot und Backwaren von verschiedenen Bäckereien gebracht, die die Waren nicht mehr verkaufen können. So genannte Foodsaver holen die Lebensmittel ab und bringen sie zum Fairteiler. Die Jungingers werden von sechs Freiwilligen regelmäßig beliefert, vier weitere kommen hin und wieder. Rund 40 Leute holen sich regelmäßig Essen in Gebersheim ab. „Da ist vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Ingenieur alles dabei“, sagt Thomas Junginger.

Trifft eine Lieferung in Gebersheim ein, gibt die Familie per Handynachricht ihrem kleinen Netzwerk Bescheid. „Innerhalb von zwei Stunden ist meist alles abgeholt oder reserviert“, erzählt er. Nur Brot gibt es meist mehr als genug. An einem Samstag kurz vor Weihnachten hatte die Familie parallel zu einem Christbaum-Verkauf in ihren Fairteiler eingeladen. „Dafür haben wir Backwaren aus einer Großbäckerei in Stuttgart geholt. Wir hätten 120 Kisten mitnehmen können, ins Auto gehen aber nur 30“, nennt Mirjam Junginger die Dimensionen, um die es im Lebensmittelhandel geht. Und dabei handele es sich nur um den Überschuss eines Tages.

Ein bewusst nachhaltigerer Lebensstil

Das Foodsharing ist für die sechsköpfige Familie nicht nur ein Mittel zum Geld sparen und auch nicht vorrangig eine wohltätige Aktion. „Wir nehmen zum Beispiel der Tafel nichts weg. Wir bekommen nur Lebensmittel, die die Tafel nicht verkaufen darf, etwa, weil sie zu nah am Haltbarkeitsdatum sind oder für die sie keinen Lagerraum hat“, erklärt Thomas Junginger. Doch zu viel gute Nahrung lande heutzutage im Müll. Seine Gattin zeigt auf eine Schüssel Mandarinen und Orangen. „Das sind alles gerettete Früchte“, sagt sie. Denn befindet sich in einem Netz nur eine zerquetschte oder angeschimmelte Frucht, werde das ganze Netz entsorgt. „Das würde ja keiner mehr kaufen“, sagt sie.

Lebensmittel zu verteilen, sieht das Ehepaar als seine Verantwortung gegenüber der Welt. „Für ein Brot stand schließlich mal ein Bauer auf dem Feld und ein Bäcker in seiner Backstube. Das hat etwas mit Wertschätzung tun“, sagt Thomas Junginger. Diese ginge in unserer Gesellschaft immer mehr verloren. „Wir leben in unserer westlichen Welt in einer Oase und schmeißen unseren Müll hinaus. In einer globalisierten Welt ist meine Nächste aber auch die Frau in Bangladesch, die meine Kleidung näht. Oder der Mann in Manila, der auf dem Müll lebt, den wir hier in Europa fabriziert haben“, greift Mirjam Junginger zu einem drastischen Bild. Deshalb hat sich die Familie aus Gebersheim bewusst für einen nachhaltigeren Lebensstil entschieden, der nicht nur das Essenteilen umfasst. „Ich habe das Gefühl, die Menschen realisieren gar nicht, in welchem Luxus sie eigentlich leben“, sagt die 38-Jährige.

Was genau ist Foodsharing?

Struktur Der Verein Foodsharing in Berlin startete im Dezember 2012 die Internet-Plattform foodsharing.de. Die Idee entstand als Reaktion auf den Film „Taste the waste“, in dem es um das Wegwerfen noch guter Lebensmittel geht. Wer Essen abgeben, abholen oder verteilen möchte, muss sich auf der Internetseite anmelden. Seit 2012 seien 6,7 Millionen Kilo Lebensmittel „gerettet“ worden. 3127 Betriebe und 23 000 Foodsaver kooperieren in Deutschland .

Funktionsweise Wer etwas abzugeben hat, erstellt eine Meldung, die auf einer Karte erscheint. Die Waren werden dann von Foodsavern abgeholt und zu Verteilstationen gebracht. Das können wohltätige Einrichtungen sein, aber auch privat organisierte Fairteiler wie der in Gebersheim, die mit entsprechenden Räumen und Kühlmöglichkeiten ausgestattet sind. Davon gibt es im Raum Stuttgart nur zwei. Kleinere Stationen umfassen zumeist nur ein Regal an gut zugänglichen Stellen, etwa an der Uni Stuttgart. Dort können die Waren kostenlos mitgenommen werden. Die Verteilstationen werden regelmäßig von der Lebensmittelkontrolle überprüft.

Wer darf mitmachen?
Grundsätzlich jeder. Bedürftigkeit ist keine Voraussetzung. Wer mitmacht, muss aber eine Rechtsvereinbarung unterschreiben, dass die Lebensmittel auf eigene Gefahr verzehrt werden. Beim Fairteiler in Gebersheim beteiligen sich die Lebensmittelretter auch daran, den Raum sauber und hygienisch zu halten. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, private Lebensmittelreste anzubieten, etwa vor dem Urlaub.