Leseruni zu Genschere Gibt es bald ein Designerbaby?

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Joachim Wittbrodt von der Universität Heidelberg spricht über die Möglichkeiten und Grenzen der Genschere Crispr.

Ein Thema bei der Leser-Uni: Die Genschere Crispr erlaubt raffinierte Eingriffe in das Erbgut – wo liegen die Grenzen? Foto:  
Ein Thema bei der Leser-Uni: Die Genschere Crispr erlaubt raffinierte Eingriffe in das Erbgut – wo liegen die Grenzen? Foto:  

Stuttgart - Allzweckwaffe oder Teufelszeug? Wird die Methode Crispr-Cas die Menschheit verändern? Schließlich können mit der Genschere Bausteine im Erbgut schnell und präzise ausgeschnitten oder ersetzt werden. Wird man damit Supersportler oder Musiker züchten können? Bei der Leser-Uni erklärt Joachim Wittbrodt von der Uni Heidelberg in seinem Vortrag „Designerbaby: Wunsch und Wirklichkeit“, was in der Technik steckt. Was die Besucher erwartet, erklärt er im Interview.

Was ist denn an der Genschere Crispr so aufregend?

Wir können den Tieren und Pflanzen bei der Entwicklung zusehen. Das ist für die Grundlagenforschung eine Revolution und sehr spannend. Mit Crispr ist es möglich, die Genetik direkt am Organismus zu erforschen. Man kann sehr genau und schnell genetische Veränderungen herbeiführen und damit die dem Leben zugrunde liegenden Mechanismen erforschen – und zwar bei jedem Organismus. Das war über Jahre hinweg nur ein Traum.

Hat Crispr auch Auswirkungen außerhalb der Grundlagenforschung?

Gesellschaftliche Auswirkungen wird die Methode auf jeden Fall in der Ernährung haben. Mit dieser Technik können ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt werden, die qualitativ hochwertig sind. Es können beispielsweise Pflanzen gezüchtet werden, die sich den verändernden klimatischen Bedingungen anpassen. Crispr ist in den Pflanzenwissenschaften wichtiger als in allen anderen Bereichen, betrachtet man den Nutzen für die Menschheit. Denn mit guter Ernährung lassen sich mehr Leben retten im Vergleich zum Heilen seltener Erkrankungen durch Crispr.

Aber es gibt doch Möglichkeiten, die Genschere bei der Therapie von Krankheiten einzusetzen?

Derzeit kann Crispr nur bei monogenetischen Krankheiten helfen. Also bei Erkrankungen, die nur durch ein einziges Gen verursacht werden – wie beispielsweise die Duchenne-Muskeldystrophie, eine erblich bedingte Muskelschwäche vor allem bei Kindern. Wenn es allerdings um Krankheiten mit großer gesellschaftlicher Relevanz geht, wie etwa Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ist mit Crispr nichts zu machen.

Warum?

Weil die meisten Erkrankungen nicht durch einen einzigen Defekt im Erbgut verursacht werden, sondern durch zehn, zwanzig oder Hunderte. Hinzu kommen noch Faktoren aus der Umwelt und die Ernährung, die dann zum Krankheitsbild führen. Die großen gesundheitlichen Probleme lassen sich nicht ändern, wenn man genetisch einen Schalter umlegt. Crispr ist keine Universalwaffe, auch wenn das gerne so dargestellt wird.

Was ist denn mit dem Designerbaby, das als Sportskanone Rekorde bricht oder virtuos Klavier spielt?

Davon ist gar nichts zu halten. Schlimm genug, dass das wohl viele Menschen so wollen, die eigene Selbstoptimierung, und wenn man es bei sich selbst nicht schafft, dann sollen es die Kinder sein. Aber über Crispr ist das nicht möglich.

Wo liegen denn hier die Grenzen der Genschere?

Begabungen wie auch das Verhalten generell werden immer durch das Zusammenspiel sehr vieler Gene gesteuert. Und bisher kennen wir noch nicht einmal im Ansatz all die genetischen Mitspieler, die zu einem bestimmten Verhalten beitragen. Und wie sie in der richtigen Reihenfolge und Spielart dazu führen, ob jemand sportlich oder musikalisch ist. Das wird sich mit Crispr auch in Zukunft nicht steuern lassen.

Hier erfahren Sie mehr zum zweiten Thema bei der Leseruni: Autonomes Fahren