Krimikolumne

Liad Shoham: „Stadt der Verlorenen“ Das Elend der Gestrandeten

Stürmische Zeiten in Tel Aviv: immer mehr Flüchtlinge kommen ins Land – von den meisten Einheimischen abgelehnt, von  kriminellen Geschäftemachern ausgenutzt. Foto: dpa
Stürmische Zeiten in Tel Aviv: immer mehr Flüchtlinge kommen ins Land – von den meisten Einheimischen abgelehnt, von kriminellen Geschäftemachern ausgenutzt. Foto: dpa

Mehr als nur ein Krimi: in seiner „Stadt der Verlorenen“ greift der israelische Autor Liad Shoham das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge auf und welchen kriminellen Machenschaften sie zum Opfer fallen. Das Buch ist schon allein deshalb sehr lesenswert.

Lokales: Hans Jörg Wangner (hwe)

Stuttgart - Ganz Deutschland redet von Flüchtlingen, von den Problemen, die mit diesen Menschen ins Land kämen. Und vergisst dabei, dass es andere, viel kleinere Staaten gibt, in denen die Lage noch viel prekärer ist. Und es vergisst auch, dass Flüchtlinge in der Regel nicht aus ihrer Lust heraus ins Ungewisse ziehen, sondern weil sie zuhause um Leib und Leben fürchten müssen. Das ist der Kontext, in dem der israelische Autor Liad Shoham seinen Roman „Stadt der Verlorenen“ angesiedelt hat.

Verhängnisvoller Einsatz

Shoham erzählt von der jungen Michal Poleg, die als Freiwillige bei einer Flüchtlingsorganisation arbeitet. Sie kümmert sich mit großem Idealismus um die Menschen – und sie prangert mit viel Energie diejenigen an, die den aus Äthopien und Eritrea stammenden Flüchtlingen Böses wollen. Sei es – halbwegs legal – auf staatlicher und politischer Seite, sei es im Bereich der organisierten Kriminalität. Doch ihr Mut und ihr Einsatz werden Michal Poleg zum Verhängnis: ein Unbekannter ermordet sie in ihrer Wohnung.

Am Tatort gesehen wird Gabriel, einer von Michals Schützlingen. Und als er den Mord gesteht, scheint alles in bester Ordnung zu sein. Doch rechtsextreme Kreise, ein gewissenlos ehrgeiziger Staatsanwalt und die Mafia haben die Rechnung ohne Anat Nachmias gemacht. Die Kommissarin ist eine Schwester im Geiste der Ermordeten und merkt bald, dass an der Sache etwas faul ist. Und so führen sie ihre Recherchen hinab in das Elend der Gestrandeten, in die schmutzige Trickkiste der Politik und das gewissenlose Geschäft der kriminellen Profiteure.

Himmelschreiende Zustände

Auf der einen Seite ist die „Stadt der Verlorenen“ ein Krimi mit allen notwendigen Zutaten des Genres, der nur hier und da etwas zügiger hätte durchkomponiert werden können. Auf der anderen Seite ist das Buch in seiner unaufgeregten Schilderung der himmelschreienden Zustände vielleicht auch ein Beitrag zum Verständnis der vielen Menschen, die aus guten Gründen ihre Heimat verlassen – um dann als bloße Wirtschaftsflüchtlinge denunziert zu werden.

Liad Shoham: „Stadt der Verlorenen“ Roman, aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch. Dumont Verlag, Köln 2015. 412 Seiten, 9,99 Euro. auch als E-Book, 8,99 Euro.

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