Lidl- und Kaufland-Eigenmarken Lidls Rezept gegen leere Regale

, aktualisiert am 10.04.2024 - 09:54 Uhr
Für die Versorgung von Lidl und Kaufland will die Schwarz Gruppe auch selbst sorgen. Das soll verhindern, dass Produkte für die Kunden knapp werden. Foto: /Rüdiger Wölk

Die Schwarz Gruppe in Neckarsulm (ehemals Lidl & Schwarz) produziert immer mehr selbst. Dadurch soll die Belieferung von Lidl und Kaufland sichergestellt werden. Hergestellt werden Eis, Kaffee, Schokolade, Nudeln, Backwaren und Mineralwasser.

Wirtschaft: Ulrich Schreyer (ey)

Leere Regale im Supermarkt sind für die Kunden ein Ärgernis, für die Lebensmitteleinzelhändler sind sie ein Albtraum: Erst bleibt der Umsatz weg und dann die Kunden. Die Händler haben aus der Coronakrise gelernt und versuchen, sich weniger abhängig von Lieferanten zu machen, indem sie stark nachgefragte Produkte ihrer Eigenmarken selbst produzieren. Schwarz-Produktion, seit 2022 ein Schwesterunternehmen von Lidl und Kaufland, ist hierbei mit 5500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 3,4 Milliarden Euro eine Art Hidden Champion – und Deutschlands größter Nudelhersteller.

 

Jörg Aldenkott, der Vorstandsvorsitzende von Schwarz-Produktion, umreißt den klaren Auftrag der Produktionsbetriebe: „Wir sind überall dort tätig, wo es in der Vergangenheit Versorgungsengpässe gab“ – oder wo solche drohen. Teigwaren wie Nudeln, Backwaren, Eis und Kaffee: All das sind Produkte, die für Schwarz-Produktion interessant sind. „Wir beschäftigen uns mit Produkten, die in großen Mengen nachgefragt werden“, sagt Aldenkott.

Begonnen hatte die eigene Produktion innerhalb der Schwarz-Gruppe schon im Jahre 2008 mit dem Kauf der insolventen MEG, früher Mitteldeutsche Erfrischungsgetränke. Die Sorge war: Fiele der Getränkehersteller in Weißenfels in Sachsen-Anhalt – dem heutigen Firmensitz von Schwarz-Produktion – weg, wäre der Nachschub etwa an Mineralwasser für das Handelsgeschäft von Schwarz nicht mehr gesichert. „Trinkwasser wird ein knappes Gut. Durch den Kauf eines solchen Unternehmens will man sich auch die Quellen sichern“, sagt Carsten Kortum, Studiengangsleiter BWL-Handel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn.


Lidls Sprudelquellen

Mittlerweile hat Schwarz-Produktion viele Waren im Portfolio: etwa die Kaffeerösterei Bon Presso im nordrhein-westfälischen Rheine mit 130 Mitarbeitern. In diesem Bundesland sitzt auch der Speiseeishersteller Bon Gelati mit Werken in Übach-Palenberg und Waldfeucht-Haaren und zusammen 720 Mitarbeitern.

Am Beispiel Speiseeis erklärt Aldenkott einen weiteren Vorteil der eigenen Produktion: „Wir können unser Speiseeis mit unseren beiden Partnern so herstellen, wie diese es sich wünschen“ – Lidl und Kaufland müssen nicht lange mit externen Lieferanten verhandeln. Schwarz könne als größte Handelsgruppe für Lebensmittel in Europa auch eine eigene Produktion besser auslasten als ein kleinerer Händler, meint Kortum. Die eigene Produktion binde zwar Kapital, doch könnten auch hochwertige Eigenmarken selbst produziert und bei einer Trennung von Lieferanten „Lücken in den Regalen geschlossen“ werden, sagt der Handelsexperte.

Hohe Nachfrage nach Pasta und Backwaren

Auch bei Nudeln ist Schwarz mit von der Partie: 2022 übernahm das Unternehmen die Erfurter Teigwaren GmbH. Deutschlands nach eigenen Angaben größter Nudelhersteller stellt seitdem unter dem Firmennamen Bon Pasta mit 170 Beschäftigten Nudeln ausschließlich für die Schwarz-Gruppe her. Nach Meinung von Kortum musste sich Edeka deshalb nach einem neuen Nudellieferanten umsehen und kaufte einen Hersteller in Italien. Die Hamburger Edeka-Zentrale bestätigt den Kauf, sagt aber nichts dazu, ob dieser eine Reaktion auf die Übernahme der Nudelfabrik durch Schwarz-Produktion war.

Zu Jahresanfang übernommen wurde das Geschäft des Backwarenherstellers Artiback in Halle an der Saale. Dort sind bisher 150 Beschäftigte tätig. Die eigene Bäckersparte mit dem Namen Bonback wurde durch die Übernahme ausgebaut. „Artiback selbst werden wir ebenfalls erweitern“, kündigt Aldenkott an. Artiback ist keineswegs der größte Backwarenproduzent des Unternehmens. In Übach-Palenberg backen 830 Beschäftigte.

Lidl- und Kaufland-Eigenmarken

Schwarz-Produktion stellt Eigenmarken für Lidl und Kaufland her – aber nicht alle Eigenmarken kommen aus eigener Produktion. Insgesamt liegt ihr Anteil am Angebot in den Regalen von Lidl und Kaufland „im einstelligen Bereich“, sagt Aldenkott und schiebt sogleich nach: „Für mittelständische Nahrungsmittelhersteller stellen wir keine Bedrohung dar.“

Und noch etwas ist ihm wichtig: „Unsere 5500 Mitarbeiter sind alle tarifgebunden, an jedem Standort gibt es einen Betriebsrat.“ Aktuell liegt der Umsatz von Schwarz-Produktion bei 3,4 Milliarden Euro. Er wird aber wohl noch weiter wachsen – auch weil Lidl und Kaufland ihr Filialnetz weiter ausbauen.

Weitere Mitbewerber

Edeka
Edeka Südwest, ein Verbund verschiedener selbstständiger Händler mit Sitz in Offenburg, beschäftigt rund 47 000 Mitarbeiter und setzte 2022 etwa acht Milliarden Euro um. In den Produktionsbetrieben arbeiten rund 2500 Beschäftigte. Diese brachten es auf einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro. Zum Verbund gehören der Fleisch- und Wurstwarenhersteller Edeka Südwest Fleisch, die Bäckereigruppe Backkultur, der Mineralbrunnen Schwarzwaldsprudel, der Ortenauer Weinkeller sowie der Fischwarenspezialist Frischkost. Zum Vertriebsgebiet von Edeka Südwest gehören Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, das Saarland, der Süden von Hessen und Teile von Bayern. Edeka Südwest ist eine von sieben Regionalgesellschaften in Deutschland. Der Gesamtumsatz des Edeka-Verbunds lag 2022 mit 408 900 Beschäftigten bei 66,2 Milliarden Euro. Nach Angaben der Hamburger Edeka-Zentrale zählen drei Mineralbrunnen, 14 Backwarenbetriebe, 14 regionale Fleischwerke, zwei Fruchtabfüllbetriebe, zwei Weinkellereien und eine Pasta-Manufaktur zu den Produktionsbetrieben des Edeka-Verbunds.

Aldi
Aldi hat praktisch keine eigenen Produktionsstätten, sondern setzt auf die Zusammenarbeit mitlangjährigen Lieferanten. Allerdings stieg Aldi Nord 2022 mit dem Kauf von Altmühltaler Mineralbrunnen mit Quellen im bayerischen Treuchtlingen und im hessischen Breuna erstmals in die Produktion von Mineralwasser ein. Bei Kaffee arbeitet Aldi Süd exklusiv mit der Rösterei New Coffee im nordbadischen Ketsch zusammen.

Umsätze
Die Schwarz-Gruppe hat im Geschäftsjahr 2022 mit mehr als 575 000 Beschäftigten weltweit einen Umsatz von 154,1 Milliarden Euro erzielt, ein Plus von 15,4 Prozent. Aldi Süd beschäftigt weltweit 180 000 Mitarbeitende, bei Aldi Nord sind mehr als als 91 000 Beschäftigte tätig. Aldi Nord ist in Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Polen, Portugal und Spanien aktiv. Zum Umsatz macht Aldi keine Angaben. Laut Schätzungen dürften es 2022 rund 112 Milliarden Euro gewesen sein.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Lidl Kaufland Edeka