Liefern und Takeaway in Stuttgart Gastronomen fürchten eine Pleitewelle

Von Michael Weier 

Von heute auf morgen vor dem Nichts – und doch kämpfen die Stuttgarter Wirte mit vielen findigen Ideen ums Überleben. Die einen setzen auf Takeaway, die anderen auf Lieferservice. Manche schauen aber auch frustriert in die Zukunft: Noch zwei Monate, dann seien sie erledigt.

Setzt auf Lieferservice und fertige Gerichte im Einmachglas: Günther Oberkamm vom Augustenstüble. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 5 Bilder
Setzt auf Lieferservice und fertige Gerichte im Einmachglas: Günther Oberkamm vom Augustenstüble. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Lage für Gastronomen oder Caterer in Zeiten der Coronakrise wird von Tag zu Tag schwieriger, einige fürchten eine regelrechte Pleitewelle. „Wenn wir für da Gemeinwohl schließen müssen“, sagt Christian List, der neben einer Cateringfirma mehrere Restaurants betreibt (unter anderen den Roten Hirsch), „dann muss das Gemeinwohl auch für uns da sein, wenn es darum geht, da möglichst schadlos raus zu kommen.“ Dass die Soforthilfe etwa im Vergleich mit anderen Bundesländern so spät komme, sei schlimm. „Ich bin echt wütend.“

Letztendlich wischt sich Christian List aber wie andere Gastronomen den Mund ab und handelt. Zum Abholservice kam der Lieferdienst. Aber anstatt 400 000 Euro Umsatz im Monat würden sie nun 300 Euro am Tag machen. „Aber wir können ja nicht rumsitzen und nichts tun.“ Das Credo von vielen. Urgestein Günther „Obi“ Oberkamm packt seine Gerichte in Einmachgläser, liefert zudem. „Das ist eine Beschäftigungstherapie“, sagt er, aber du kannst ja nett nix machen.“ Die Lieferungen fährt er selbst aus.

Onlineshop in vier Tagen aufgebaut

Fakt ist: Wer essen kocht, musste handeln. Selbst ein Restaurant wie die Sansibar im Breuninger setzt auf Abholung. Der Caterer Weller aus dem Stuttgarter Westen reagierte ebenfalls. „Wir haben natürlich Glück, da wir ja noch eine Metzgerei haben“, sagt Chef Carsten Weller, aber das Hauptgeschäft sei natürlich das Catering gewesen, das nun komplett wegbricht. Seine Mitarbeiter haben deshalb in vier Tagen einen Onlineshop auf die Beine gestellt, das dauere sonst vier Wochen. „Darauf bin ich bollenstolz!“

Die Alternative der kompletten Kurzarbeit schließt er aus, man wolle schließlich auch was für die Mitarbeiter tun. Für den Lieferservice gebe es ja nun genug Personal, und obwohl er eigentlich eine Mindestbestellmenge hat, sieht er dies entspannt: „Wenn eine 90-jährige Alleinstehende ein Essen bestellt, dann liefern wir auch nur eines“, sagt Carsten Weller. Für ihn stehe gerade in Zeiten der Krise ein Grundsatz an allererster Stelle: „Gerade in solchen Notsituationen, finde ich, sollten Stuttgarter doch die Stuttgarter unterstützen.“ Damit meine er natürlich auch die regionalen Selbsterzeuger, die keine Vertriebswege haben und die von solchen Aktionen profitieren.

Stammgäste erhalten auch andere Artikel

Während ein Unternehmen wie Feinkost Weller für diese Umstellung bestens ausgerüstet ist, müssen andere Gastronomen hier erfinderisch sein. Guillermo Miranda vom kleinen El Seco im Boschareal liefert ebenfalls selbst. „Ein paar Sachen für die Logistik hatten wir, ansonsten mussten wir eben improvisieren“, sagt er. Das Geschäft sei zwar nicht vergleichbar mit dem üblichen, aber es helfe zumindest. Ähnlich sieht dies auch Birgit Grupp vom Paulaner, für eine Zwischenlösung laufe der Lieferservice ganz ordentlich. „Wir haben ziemlich viele ältere Stammgäste, die sind dankbar“, sagt Birgit Grupp. Sie hat einen Fahrer, wenn der Bedarf größer wird, sitzt sie selbst hinters Steuer. Und die älteren Gäste erhalten das Essen bei Wunsch auch vakuumiert, „und unsere Stammgäste erhalten auch Dinge, die es im Supermarkt nicht mehr zu kaufen gibt“. Was durchaus ein Bestellanreiz sein kann in diesen Zeiten. Birgit Grupp sieht die Situation ziemlich pragmatisch: „Machen wir einfach das Beste draus.“

Derart optimistisch sieht Ugur Ceyhan vom Trollinger am Feuersee die Lage nicht. Er fährt ebenfalls aus, verkauft auch Lebensmittel. „Aber Geld verdient man damit nicht“, sagt Ceyhan. Und wenn die Krise andauere, dann gehe er davon aus, dass in zwei Monaten die Hälfte der Gastronomen Pleite seien. „Aber wir kämpfen!“

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