Linus Roth spielt Weinberg Violinkonzert als Dokument des Terrors

Linus Roth Foto: Kaupo Kikkas/Kaupo Kikkas

Bei den Stuttgarter Philharmonikern hat Linus Roth das Violinkonzert von Mieczyslaw Weinberg gespielt: ein Ereignis.

Als die Stuttgarter Philharmoniker diesen Abend planten, ahnten sie noch nichts vom Angriff Russlands auf die Ukraine. Dennoch wirkte das Konzert am Sonntagabend im Beethovensaal so, als sei es auf die emotionalen Befindlichkeiten, die Ängste und Schrecken unserer Tage zugeschnitten: Das Violinkonzert des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, komponiert 1959, nachdem Weinberg sich auf der Flucht vor den deutschen Truppen in Moskau angesiedelt hatte, atmet die Atmosphäre stalinistischer Unterdrückung ebenso wie die Möglichkeit einer künstlerischen Befreiung.

 

Linus Roth hat jetzt den Solopart gespielt: rhythmisch konturiert, mit klarem Plan, sicht- und hörbarer Körperspannung, extrem präzise, mit feinen Differenzierungen im Ton. Dass sich der Geiger dynamisch zurückhält, befördert zwischenzeitlich den Eindruck einer Sinfonie mit einem obligaten Soloinstrument. Dabei wechseln Stil und Tonfall der Musik zwischen Anklängen an Gustav Mahler wie an Bernd Alois Zimmermann, nachromantischem Singen und frei tonalem, wildem Schweifen – zwischendurch wehen Klezmer-Töne und sogar ein bisschen Mozart durch den Saal.

Weinberg galt lange als Schostakowitsch-Epigone

Nach der ergreifenden Trauerlinie des Adagios erträgt man die grellen Farben des Finalsatzes kaum – da ist Weinberg der Ästhetik seines Komponistenfreundes Dmitri Schostakowitsch ganz nah. Hätte das Coronavirus die Reihen der Philharmoniker nicht gelichtet, so hätte dessen groß besetzte vierte Sinfonie die Geistesverwandtschaft beglaubigt. So dirigiert Dan Ettinger im zweiten Programmteil immerhin Beethovens hochpolitische dritte Sinfonie, die „Eroica“: mit viel Körpereinsatz, Leidenschaft, vielleicht etwas zu plakativ im Herausarbeiten von führenden Stimmen und Gegenstimmen (manche Passagen wirken wie Klang gewordene bunte Partitur-Markierungen), aber mit vielen prägnant ausformulierten, spannenden Momenten. Und am Ende wird eine Utopie greifbar: ein Prinzip Hoffnung.

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