Literaturmuseum der Moderne Marbach legt auf

Lieder setzen die verschiedenartigsten Verbindungskräfte frei. Foto: DLA/Jens Tremmel

Das Literaturmuseum der Moderne bringt in der Ausstellung „Singen!“ das Verhältnis von Lied und Text zum klingen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Man würde bei dem, was eine Band wie „Ton Steine Scherben“ geboten hat, vielleicht nicht unbedingt von einer Form bürgerlicher Geselligkeit sprechen. Ganz und gar nicht. Doch in der neuen Ausstellung des Marbacher Literaturmuseums der Moderne findet sich neben vergilbten Notendrucken und -handschriften aller Art auch ein Blatt des „Königs von Deutschland“ von Rio Reiser, eine Song-Skizze, mit Ying und Yang nebst Sonnenuntergang: „Rette Deinen Planeten / Rette die Erde jetzt“. Die bürgerliche Kultur, so ließe sich das aus dem Stegreif interpretieren, hat der Welt gehörig zugesetzt. Vielleicht war der Kopf der Kritischen Theorie, Th. W. Adorno, deshalb auch kein Freund vom Singen in freier Natur: Schon im Gesang der Vögel lauerte für ihn das Schreckliche, umso mehr, wenn es sich dabei um jugendbewegte Wandervögel handelte – zu sehr klang das gellende Entsetzen nach, das diese Form der Geselligkeit während des Nationalsozialismus annahm.

 

In der Stille der Magazine des Deutschen Literaturarchivs schlummern knapp 8000 Musikalien, Drucke, Manuskripte. 50 davon bringt die Ausstellung unter dem Titel „Singen!“ kuratorisch zum Klingen. Nach Kabarett, Zeichen, Film steht im vierten Kapitel des mehrjährigen Ausstellungsprojekts „Literatur bewegt“ nun der Medienwechsel von Geschriebenem in Gesungenes im Mittelpunkt. Medienwechsel hört sich vielleicht etwas akademisch an, dabei geht es doch gerade um das Gegenteil: um die Weise, wie Literatur in lebensweltliche Zusammenhänge einwandert, wie sie dabei ihre Gestalt verändert – und zum Beispiel sangbar wird.

Der digitale Wunderblock ist das Instrument der Wahl

Oder lallbar, denn wie sich ein Lied durch alle Bereiche zieht, zeigt die Ausstellung an Grundsituationen. Und deren erste ist die Geburt. Wiegenlieder finden sich hier. Wenn es stimmt, dass eines der berühmtesten Gedichte deutscher Sprache, „Über allen Gipfeln ist Ruh“, unbewusst ein Lied zitiert, mit dem ein kleiner Frankfurter Stöpsel einst in den Schlaf gesungen wurde, dann kann gar nicht früh genug in kindliche Empfänglichkeit investiert werden. „Singing with great Masters“ ist auf einem Manuskript des jüdischen Exilkomponisten Ignatz Waghalter zu lesen, das den Text eines Wiegenlieds einer Beethoven-Melodie unterlegt.

Kuratorisch freilich ist die allererste Frage: Wie zeigt man, was sich – wie Musik – visueller Erfahrung entzieht? Irgendwo steht ein Klavier, stummer Zeuge der klassischen Szene jener Kunstdarbietung, auf die die meisten der gezeigten Notentexte ausgerichtet sind. Aber das Instrument der Wahl ist hier der digitale Wunderblock des Tablets, das die Notentexte in das zeitgemäße Format einer Playlist verwandelt. In einer Lied-Lounge kann man den Soundtrack zum Ausstellungsparcours nachhören.

Am Ende wartet der Tod

Dem musikalischen Vollzug folgt die Kuratorin Gunilla Eschenbach durch verschiedene Stationen des sozialen: Wo wird gesungen, zu welchem Zweck? In der Natur. Eines der kostbarsten Blätter – leider nur im Faksimile zu sehen – ist Johannes Brahms‘ Vertonung des Schiller-Gedichts „Der Abend“, auch hier die untergehende Sonne: „Senke strahlender Gott, / die Fluren dürsten“.

Eine feste Liaison sind Lied und Liebe eingegangen, auch wenn darin Mesalliancen besungen werden. Augenmusikalisch verdeutlicht Paul Graener in seiner Vertonung eines Morgensterngedichts das Verhältnis von Galgenbruder und Henkersmaid. In einem Hochzeitslied für den Autor Christoph Hein und die Sängerin Maria Husmann moduliert um Namensnoten des Paars das Dur und Moll von besseren und schlechteren Zeiten.

Andere Verbindungskräfte setzt das politische Lied frei, etwa den entschlossenen Duktus eines von Thomas Manns Schwager, Thomas Pringsheim, vertonten Arbeiterlieds von Ernst Toller. Der Komponist Hermann Reutter sollte später einem Land, das kurz zuvor noch zum Horst-Wessel-Lied marschiert war, eine Hymne verschaffen. Es blieb bei der Druckform.

Am Ende wartet der Tod. Und sei es nur der Tod der Stimme, wie in „Diora’s Klage“, die der Mendelssohn-Freund Ignaz Moscheles der Sängerin Marie Sachs gewidmet hat, deren Karriere durch ein Stimmleiden beendet worden war. Wer das Ausrufezeichen im Titel der Hör-Schau als Aufforderung versteht und der Stimme mächtig ist, kann sich in einer Song-Tool-Box selbst produzieren.

Einer der Marbacher Hausgötter hielt wenig vom Medienwechsel. Ob eigentlich jeder Komponist alles, was ihm gerade passe, in seine Tonkonserven einlegen dürfe, fragt Rainer Maria Rilke erbost in einem Brief an seinen Verleger. Marbach besitzt eine Fülle solcher Konserven. Wenn das Archiv ein unerschöpflicher Tonspeicher ist, dann ist diese Ausstellung so etwas wie ein Abspielgerät.

Info

Bis zum 3. Februar
Zur Ausstellungseröffnung am 24. September, um 11 Uhr, bringen Mitglieder des Kammerchors Stuttgart und die Pianistin Olga Wien unter der musikalischen Leitung von Frieder Bernius Ausstellungsexponate zum Klingen.

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