Logopädin aus Fellbach „Sprache beeinflusst massiv unser Denken“
Zu ihrem 20-jährigen Berufsjubiläum verrät Christine Moritz, wann ihr selbst mal die Worte fehlten und warum man Kinder bei falschen Wörtern nicht korrigieren sollte.
Zu ihrem 20-jährigen Berufsjubiläum verrät Christine Moritz, wann ihr selbst mal die Worte fehlten und warum man Kinder bei falschen Wörtern nicht korrigieren sollte.
Fellbach - Christine Moritz bringt als Logopädin Kinder in die Sprache, hilft Schlaganfallpatienten Schlucken neu zu erlernen und ermöglicht Tumorpatienten, wieder Lust am Essen zu finden. Statt zu feiern, nutzt sie ihr 20-jähriges Jubiläum coronabedingt für noch mehr Vorträge und Lehrgänge. Im Gespräch verrät sie, wann ihr selbst die Worte fehlten und warum man Kinder bei falschen Wörtern nicht korrigieren sollte.
Frau Moritz, reden wir zu wenig mit unseren Kindern?
Ja. In unserer heutigen Zeit sind wir gedanklich viel auch mit anderem beschäftigt. Oft fehlen da Ruhe und Zeit für unsere Kinder, weil noch schnell Mails am Handy gelesen werden müssen. Der häufige Blick auf das Smartphone lenkt ab und zieht die Aufmerksamkeit von den Kindern weg.
Sie beschäftigen sich als Logopädin mit Sprache. Wie können Eltern die Sprachentwicklung der Kinder unterstützen?
Ganz wichtig ist es, dem Kind das Mundbild zu zeigen. Deshalb sehe ich das auch so kritisch mit dem ständigen Maskentragen. Dann hilft es, langsam und korrekt zu sprechen und dem Kind Zeit zu lassen für die eigene Antwort. Und bloß nicht korrigieren, sondern in der eigenen Antwort das, was fehlerhaft war, nochmals wiederholen.
Haben Sie ein Beispiel?
Wenn das Kind sagt „nane essen“, sagt man nicht, das heißt Banane, sondern man antwortet: Ah, du willst eine Banane essen.
Heutzutage scheinen Kinder mehr Sprach- und Entwicklungsstörungen zu haben. Stimmt der Eindruck?
Ohne Corona würde ich antworten, ja, sie haben mehr Probleme. Mit Corona muss es heißen, die Kinder haben viel mehr Probleme als früher. Durch das Tragen einer Maske ist die Kommunikation stark eingeschränkt. Außerdem ist die Sauerstoffsättigung zu gering und es wird das ausgeatmete Kohlendioxid wieder eingeatmet. Kinder berichten, dass sie in der Schule inklusive Anfahrt mit Bus oder Bahn bis zu fünf Stunden und mehr die Maske tragen, manchmal fast ohne Pause und teilweise sogar im Sport. Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, und Schwindel sind für viele Schüler die Folge. Oftmals trauen sie sich nicht, es den Erwachsenen zu sagen. Sie wollen doch alles richtig machen. Aber auch physisch stehen sie unter Druck. Denn eigentlich wollen sie Oma und Opa umarmen, aber seit Corona haben sie Angst, dass die Großeltern durch sie mit dem Virus infiziert werden. Generell fehlten ja komplett die sozialen Kontakte. Und ich muss es wieder sagen, der Medienkonsum, der wegen Corona noch mal zugenommen hat, kombiniert mit den Ängsten, lässt immer mehr Probleme entstehen.
Das heißt, der Fernseher, vor dem Kinder gerne ruhig gestellt werden, ist nicht der geeignete Babysitter?
Das bewirkt das Gegenteil, weil die Kinder keine inneren Vorstellungen, keine Fantasie entwickeln können. Sie bekommen die Bilder geliefert. Zudem fehlt ihnen die Bewegung und das Rollenspiel. Manche Eltern denken, damit tun sie dem Kind was Gutes. Nein, Vorlesen hilft. Es fördert das Kopfkino, das Sprechen und Spielen.
Sie bieten das sogenannte Enwako-Training an. Was hat es damit auf sich?
Enwako steht für Entwicklung, Wahrnehmung, Konzentration und Koordination. Das Training besteht aus speziellen täglichen Übungen. Es gibt Kinder und Erwachsene, deren frühkindliche Reflexe, die bei der Geburt und in den ersten Lebensmonaten besonders wichtig für die Entwicklung sind (Moro-Schreckreflex, Handgreif-, Saugreflex), noch aktiv und nicht integriert sind, und somit die Entwicklung beeinflussen und stören können. Das kann die Ursache von Konzentrations-und Verhaltensauffälligkeiten sowie Lernschwächen oder ADHS sein, bis hin zu Ängsten, Depressionen und Burn Out, auch bei Erwachsenen. Kommt Druck seitens der Umgebung (Eltern, Lehrer, Peer-Group oder der eigene) hinzu, wird es richtig schlimm.
Was fasziniert Sie so an der Sprache?
Wir können Gedanken entwickeln und formulieren und das Gegenüber nimmt sie auf und sieht ein Bild. Sprache beeinflusst massiv unser Denken und andersherum.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Sprachentwicklung bei Kindern
Fehlen Ihnen trotz all der Beschäftigung mit Sprache auch mal die Worte?
Ja, ziemlich oft sogar. Manchmal, wenn ich aufgeregt bin, gerate ich ins Stocken oder habe Wortfindungsstörungen. Und ich bin ja oft im Gespräch, mit viel Gestik und Mimik.
Mögen Sie das besonders an Ihrer Arbeit, den Austausch?
Ja, und die Vielseitigkeit. Ich behandle vom Kleinkind bis zum erwachsenen Tumor- oder Schlaganfallpatienten unterschiedlichste Menschen. Ich kann sie in ihrer Kommunikation, aber auch beim (Wieder-)Erlernen des Schluckens unterstützen und zur Sprache und Stimme bringen. Da erlebe ich berührende Momente.
Die Logopädin Christine Moritz und das Enwako-Training
Ihr Leben
Christine Moritz ist 50 Jahre alt und lebt mit ihrer Tochter im Rems-Murr-Kreis. Selbstständig gemacht als Logopädin hat sie sich vor 20 Jahren. In ihrer Praxis in Fellbach in der Hinteren Straße behandelt sie Kinder und Erwachsene. So viele Patienten wie seit dem Ausbruch der Coronapandemie hatte Christine Moritz noch nie. Die Not der Betroffenen ist groß, ihre Warteliste lang.
Ihr Schwerpunkt
Lese- und Rechtschreibschwäche, Rechenprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrationsstörungen, ADS/ADHS, Stress, Burnout – all das könnte darauf zurückzuführen sein, dass bei den Betroffenen noch frühkindliche Reflexe aktiv sind. Mit gezielten Übungen bietet Christine Moritz spezielle Hilfe an. Wenn sie in ihren Vorträgen über das Enwako-Training spricht, sitzen nicht nur Eltern, sondern auch Erzieher und Lehrer im Publikum. Je früher das Problem erkannt wird, desto besser für Betroffene.