Wer im Supermarkt einkaufen geht, sieht an vielen Artikeln Aufschriften wie „regional“ oder „aus der Heimat“. Trotzdem haben die Lebensmittel oft weite Strecken zurückgelegt. Entweder, weil der Begriff Region weit ausgedehnt wird und große Gebiete umfasst, oder weil selbst jene Produkte, die der Bauer ums Eck angebaut hat, weite Wege zurückgelegt haben. „Es kann sein, dass Ware erst vom Erzeuger zu einem Großmarkt gefahren wird, dann zu einem Zentrallager und am Schluss im gleichen Dorf verkauft wird, aus dem sie ursprünglich kommt“, sagt Marius Mohr. „Lieferketten sind so intransparent und mehrstufig, dass es sein kann, dass regionales Gemüse hunderte Kilometer zurückgelegt hat.“
Marius Mohr und seine vier Kollegen wollen das mit ihrem Geschäftsmodell „Lokora – Der Hofladen im Supermarkt“ ändern. Gefördert werden sie von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Die fünf Männer aus Tübingen und Umgebung, die sich aus der Schule und vom Studium kennen, wollen die Schnittstelle zwischen Bauern und Supermärkten sein und so dafür sorgen, dass Obst und Gemüse vom Acker nebenan ohne Umwege im Kaufladen nebenan landen. Ihr Antrieb: „Wir haben vor unserer Haustüre gesehen, dass es Bauern von früher nicht mehr gibt. Uns ist der Erhalt von Regionalität und der ländlichen Struktur wichtig“, sagt Marius Mohr. Und natürlich gehe es um nachhaltige Lebensmittel. Die könnten zwar auch jetzt schon über Abokisten oder bei Hofläden gekauft werden, aber nicht jeder Kunde werde so erreicht. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir das in den Einzelhandel integrieren? Denn in den Supermarkt geht ja jeder“, sagt Marius Mohr.
Die Ware stammt aus einem 30-Kilometer-Radius
Das Konzept von Lokora ist es, Landwirte und ihr Produktangebot zu bündeln und diese mit Supermärkten im Umkreis zusammenzubringen. Sie halten Wort, wenn sie von Regionalität sprechen: Alle Produkte, die unter ihrem Siegel im Supermarkt angeboten werden, stammen aus einem Umkreis von maximal 30 Kilometern. „Wir sind nicht nur regional, wir sind lokal“, sagt Finn Seidel, der im Team fürs Marketing zuständig ist. Außerdem kennzeichne das Produktangebot, dass es nicht von Großbetrieben stammt, sondern von familiären, kleinstrukturierten Betrieben.
In der Natur der Sache liegt zudem, dass die Ackerfrüchte saisonal sind. „Dadurch gibt es Phasen, in denen wir manche Produkte nicht haben“, sagt Seidel. Doch Verbraucher könnten staunen, was die Region alles hergebe: Der Biogemüsehof Hörz auf den Fildern baue zum Beispiel Ingwer und Honigmelone an. „Viele Konsumenten wissen gar nicht, dass es das von hier gibt.“
In zehn Supermärkten im Raum Tübingen stehen bereits Lokora-Regale, zehn weitere sollen bald dazukommen. Gespräche laufen mit Kaufleuten auf den Fildern und im Landkreis Böblingen. Einer der Märkte, der Lokora ins Programm aufgenommen hat, ist der Edeka Mummert in Dettenhausen. „Mein Herz brennt für Regionalität und Nachhaltigkeit“, sagt die Geschäftsführerin Aileen Mummert. Sie habe schon zuvor mit lokalen Produzenten zusammengearbeitet, musste aber mit jedem einzeln kommunizieren. Mit Lokora habe sie nur noch einen Ansprechpartner, was die Abläufe vereinfache. Da das Obst und Gemüse nicht zwischengelagert, sondern vom Lokora-Team im E-Transporter direkt beim Bauern abgeholt und zum Supermarkt gefahren werde, sei die Qualität optimal. „Frischer geht’s nicht“, sagt Mummert. Das bestätigt Marius Mohr: „Der Endiviensalat, der morgens geschnitten wurde, liegt zwei, drei Stunden später im Supermarkt.“
Bio hat es gerade schwer
Der Landwirt Jörg Hörz vom gleichnamigen Biogemüsehof in Bonlanden beliefert Lokora mit seinen Produkten. Noch sei die Absatzmenge recht klein, aber er finde die Grundidee spannend und hoffe, dass das Ganze im nächsten halben Jahr noch größer wird. Was ihm Sorgen bereitet, ist die Kaufzurückhaltung, die er aktuell bei Bioprodukten feststellt. „Kunden greifen jetzt eher zu günstigeren Produkten als zu Sonderartikeln wie Radicchio oder Ingwer“, sagt Hörz. Er müsse jetzt die nächste Saison planen und sich festlegen, welches Obst und Gemüse er nächstes Jahr anbieten möchte. Schwierig, denn: „Es ist eine Blackbox, wie sich der Kunde nächstes Jahr verhalten wird.“
Auch für Lokora ist das Konsumverhalten der Kunden in den nächsten Monaten eine Blackbox. Den Schlüssel zum Erfolg sehen sie in guter Kommunikation. Allein durch die neu aufgestellten Regale erschließe sich den meisten Kunden nicht das Konzept von Lokora. „Deshalb sind wir so oft wie möglich vor Ort und erklären den Leuten, was wir machen, und lassen sie Obst und Gemüse verkosten“, sagt Finn Seidel. Die Resonanz sei positiv. „Es gibt immer Leute, die Wert auf Nachhaltigkeit und Regionalität legen. Jetzt wird es ihnen noch einfacher gemacht.“