Lost Place in Stuttgart Cannstatter Bettfedernfabrik – Der Ausgangspunkt einer Erfolgsgeschichte

Die alte Fabrik wartet schon lange auf den Abriss Foto: sto/Peter Stolterfoht

Seit 20 Jahren steht die Fabrik in Stuttgart- Bad Cannstatt leer und ist in dieser Zeit zur Ruine geworden. An diesem Ort begann die Erfolgsgeschichte der Familie Hanauer, die in den USA ihre Krönung findet.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

In den vergangenen 20 Jahren hat sich nichts getan. Sieht man einmal davon ab, dass im Lauf der Zeit ein Fenster nach dem anderen zu Bruch gegangen ist und an der Fassade immer mehr Graffiti dazu gekommen sind. Eines wird auf den ersten Blick klar: Die seit 2002 leer stehende Cannstatter Bettfedernfabrik an der Hofener Straße, Ecke Zuckerleweg pfeift aus dem letzten Loch.

 

Die Industrieruine hätte ja auch schon lange abgerissen werden sollen. Ein neuer Komplex mit 130 Wohnungen ist schon lange beschlossene Sache. Der Plan des Investors, das riesige Areal zwischen Neckar und den Reben des Zuckerbergs zu bebauen, ist trotzdem noch nicht aufgegangen. Der Grund: Die Fläche ist als Gewerbegebiet ausgewiesen und nicht als Wohngebiet.

Die Industrieruine wird zum Demonstrationsobjekt

Das Einzige was in der alten Cannstatter Bettfedernfabrik auf die aktuellen Besitzverhältnisse hinweist, ist eine Anlage für die Videoüberwachung. Damit sollen ungebetene Gäste abgehalten werden, das Grundstück zu betreten. Zuvor kam es auf dem Gelände wiederholt zu Brandstiftungen. Und vor knapp zwei Jahren besetzte eine Gruppe von Künstlern und Aktivisten für kurze Zeit den Gebäudekomplex, um damit ein Zeichen gegen die Wohnungsnot zu setzen und gleichzeitig bezahlbaren Raum für alternative Kulturprojekte zu fordern.

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Egal wie das Areal in Zukunft einmal aussieht. Aus historischer Sicht wäre es lohnenswert, wenn sich dort auch noch ein Platz finden würde, der an die Geschichte dieser alten Fabrik erinnert. Die begann im Jahr 1884 als Max Rothschild und der erst 16 Jahre alte Ferdinand Hanauer mit Hilfe seines Vaters eine Firma gründeten, um Decken und Kissen mit Daunen zu füllen. Diese Geschäftsidee für mehr Schlafkomfort hatte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von Bad Cannstatt aus ihren Siegeszug angetreten. Der weltweite Erfolg des Familienunternehmens Straus nahmen sich die ebenfalls der jüdischen Gemeinde angehörenden Hanauer und Rothschild zum Vorbild und bauten die Fabrik an der Hofener Straße auf. Ferdinand Hanauer führte die Geschäfte der Cannstatter Bettfedernfabrik nach dem Tod seines Geschäftspartners von 1923 an allein weiter.

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Ferdinand Hanauer war nicht nur ein angesehener Geschäftsmann, sondern auch eine bekannte Persönlichkeit im Stuttgarter Sport. Obwohl Cannstatter schloss er sich nicht dem VfB an, sondern den als liberaler geltenden Stuttgarter Kickers, deren Mäzen er wurde. Was nichts daran änderte, dass ihm nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Mitgliedschaft entzogen wurde. Gleichzeitig wurde er im Zuge der „Arisierung“ enteignet und aus der eigenen Firma geworfen. Als in der Pogromnacht 1938 die aus Holz gebaute Cannstatter Synagoge niederbrannte, erkannte Ferdinand Hanauer darin das Zeichen, Deutschland ganz schnell verlassen zu müssen. 1939 gelang ihm und seiner Familie die Flucht in die USA, was sie gerade noch vor dem Holocaust bewahrte.

In den USA ein Milliardengeschäft aufgebaut

In der neuen Heimat schrieb Ferdinand Hanauer trotz aller Widrigkeiten seine Erfolgsgeschichte weiter. Nach der Zwischenstation New York ließ sich die Familie in Seattle nieder und schuf ein Bettfeder-Imperium. Nach dem Krieg ging auch die Cannstatter Fabrik wieder in den Hanauer-Besitz über, es folgte aber schon kurze Zeit später der Verkauf. Zuletzt war die Firma am Neckar im Besitz eines österreichischen Unternehmens.

Nach dem Tod von Ferdinand Hanauer, dessen Namen eine kleine Straße im Cannstatter Stadtteil Muckensturm trägt, übernahm sein Sohn Jerry die Leitung des florierenden Unternehmens im Norden der amerikanischen Westküste mit Namen „Pacific Coast Feather Company“. Nick Hanauer, der Enkel des Gründers des Cannstatters Betriebs, gehört derzeit zu den reichsten Amerikanern. Der 1959 geborene Milliardär war zwischenzeitlich auch als Berater beim Internetgiganten Amazon tätig. Der Arbeitsmarktexperte ist außerdem Mitbegründer einer Denkfabrik, der sich in dieser Funktion für eine Umverteilung des Kapitals ausspricht und gleichzeitig vor sozialen Unruhen warnt. Mit seiner Frau Leslie hat er eine Stiftung ins Leben gerufen, die sich für Umweltschutz und Bildungsgerechtigkeit einsetzt.

Diese beeindruckende Familiengeschichte sieht man der verfallenen Fabrik an der Hofener Straße nun wirklich nicht an.

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