Ludwigsburg „Kaffee und Nutella sind bei uns Luxusgüter“

Anneliese Schneider-Müller vor den Regalen der Ludwigstafel. Foto: factum/Granville
Anneliese Schneider-Müller vor den Regalen der Ludwigstafel. Foto: factum/Granville

Zu den Zielen der Ludwigstafel gehört es, sich selbst überflüssig zu machen. Doch daran glaubt spätestens seit der Finanzkrise im Jahr 2008 niemand mehr. Die neue Geschäftsführerin Anneliese Schneider-Müller hofft auf mehr Engagement von Privatleuten.

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Ludwigsburg - Zu den Zielen der Ludwigstafel gehört es, sich selbst überflüssig zu machen. Doch daran glaubt spätestens seit der Finanzkrise im Jahr 2008 niemand mehr. Da die Lebensmittelmärkte seither weniger spenden, hofft die neue Geschäftsführerin Anneliese Schneider-Müller auf mehr Engagement von Privatleuten.
Hat sich die Zahl der Kunden im vergangenen Jahr erhöht?
Es ist keine Zunahme festzustellen, aber es hat sich herauskristallisiert, dass sich die Zahl der von Altersarmut Betroffenen erhöht hat. Bundesweit gibt es einen Anstieg von 12 auf 17 Prozent. Das spüren wir inzwischen auch hier.

Handelt es sich um Alleinlebende, die auf ihre karge Rente angewiesen sind?
Ja, das sind Einzelpersonen, die mit ihrer Rente nicht klar kommen. Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und denen das Geld jetzt nicht reicht. Und das wird sicherlich noch zunehmen. Das ist zurzeit auch unsere große Sorge.

Dient der Gang zum Tafelladen nur der Beschaffung von Lebensmitteln?
Es gibt auch viele, die kommen jeden Tag. Die kaufen dann vielleicht etwas für 20 oder 30 Cent ein. Für sie ist das hier wichtig, um Kontakte zu knüpfen und etwas aus ihrem sozialen Umfeld herauszukommen. Die Menschen können eben nicht in eine Kneipe gehen und Freunde treffen. Das gibt ihr Budget nicht her.

Viele sind Alleinerziehende mit Kindern?
Wir machen da keine Erhebungen, aber wir kriegen das in Gesprächen mit. Wenn eine Frau erzählt, ich habe mich von meinem Mann getrennt und der zahlt nicht oder der kann nicht zahlen, weil er arbeitslos ist. Manche sind da aber nicht so offen, die schämen sich.

Wie gehen die Ehrenamtlichen damit um?
Es ist viel Verständnis da für die schwierigen Situationen und deshalb erzählen manche schon, wenn sie gefragt werden, wie es ihnen geht. Wir haben zum Beispiel kurz vor Weihnachten den tragischen Fall einer relativ jungen Familie gehabt. Die hatten schon acht Kinder im Alter von einem halben Jahr bis elf Jahre und dann ist der Mann plötzlich gestorben. Wir haben sofort versucht, die Not etwas zu lindern. Und wir haben mit Geschenkaktionen über Kindergärten, Nachbarn und Firmen eine Art Erste Hilfe geleistet.

Die Familie war Ihnen bekannt?
Ja, die kamen schon sehr lange her. Da war die Solidarität von Seiten der Nachbarschaft und vom Tafelladen sehr groß. Aber es ist natürlich äußerst schwierig für die Betreffenden. Zumal es eine Familie trifft, die ohnehin schon Schwierigkeiten hatte.

Wer hierher kommt, muss etwas bezahlen, die Lebensmittel sind nicht umsonst.
Das ist ein symbolischer Preis und das soll auch so bleiben.

Kann man das in Prozenten ausdrücken?
Wir nennen ungern Zahlen und es ist auch unterschiedlich. Manchmal sind es fünf Prozent des Preises, manchmal auch 20 Prozent – wenn es Luxusgüter sind. Wir haben jetzt ganz viel aus dem Weihnachtsgeschäft. Da können wir nicht sagen, wir nehmen 20 Prozent. Da sind die Leute ja auch mal froh, wenn sie en gros Süßigkeiten für die Kinder mitnehmen können.

Was sind denn Luxusgüter?
Kaffee. Der ist sehr rar, denn da bekommen wir keine großen Mengen. Auch bei anderen haltbaren Lebensmitteln können wir schon mal auf 20 Prozent gehen.

Warum müssen die Kunden zahlen?
Wir wollen, dass der Wert anerkannt wird. Außerdem ist es so, dass sich die Menschen nicht auf die Tafeln verlassen können – und auch nicht sollen. Wir wissen nicht, wie lang wir genügend Lebensmittel bekommen, um die Tafel hier aufrecht zu erhalten.

Bekommen Sie zu wenig Spenden?
Wir haben auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise gemerkt, dass die Lebensmittel knapper geworden sind. Die Marktleiter haben härter kalkuliert. Es gibt in den Lebensmittelmärkten seither mehr Stände mit Waren zum halben Preis. Das sind Waren, die früher wir bekommen haben.

Hat sich die Situation seit 2008/2009 für Sie nicht wieder entspannt?
Das ist seither im Großen und Ganzen so geblieben. Wir haben nur jetzt mehr Ware, weil die Weihnachtskalkulation bei den Märkten immer höher ist. Aber das ist nur eine temporäre Angelegenheit.

Wie wollen Sie da gegensteuern?
Wir sind zurzeit dabei, andere Personenkreise anzusprechen. Wir hoffen auf Leute, die zum Beispiel bevor sie in Urlaub fahren, uns etwas überlassen. Es geht um Dinge wie Nudeln, Reis, Zucker Kaffee, Konserven.

Bekommen Sie regelmäßig private Spenden?
Ja, wir haben Spender, die sagen, wir möchten kein Geld geben, sondern Lebensmittel spenden. Das ist eine tolle Sache. Dann gibt es vielleicht auch mal ein Müsli oder ein Nutella für die Kinder.

Bekommen das die Kinder sonst nicht?
Nein, Nutella kommen normalerweise nicht vor, das ist ein Luxusgut.

Aber reicht es denn aus, wenn sich die Märkte weiterhin so zurückhalten?
Was heißt ausreichen, wir sind ja kein Vollversorger. Wir können nur einen Teil abdecken. Was wir bekommen, verteilen wir. Mehr können wir nicht tun. Es wäre natürlich schön, wenn wir mehr haltbare und Kühlschrankware übers Jahr verteilt hätten, aber was sollen wir machen?

Was haben Sie immer im Regal?
Wir haben in der Regel Obst und Gemüse hier. Nicht in ausreichendem, aber in gutem Maße – wenn es kein strenger Winter ist. Und wir haben Brot, süße Stückle und andere Backwaren. Alles andere gibt es bei uns aber nur temporär.

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