Am 6. September 1943 bricht über den Schülerinnen des Königin-Olga-Stifts eine Welt zusammen. Ein Teil ihrer Schule ist mit einem Knall einfach weg. Eine Bombe durchschlägt den Hauptbau und explodiert im Schulhof. Als die Sirenen heulen, flüchten sich die deutlich überfüllten Klassen in den Keller oder in die Waschküche unter der Hausmeisterwohnung.
„Eine enorme Luftdruckwelle fegte Kinder und Lehrer in eine Ecke des Raums und übersäte uns alle mit Glassplittern. Als die Sirenen Entwarnung gaben, krochen wir nach draußen“, schildert Hermine Mayer-Berdjis diesen Moment, ihr Bericht liegt im Stuttgarter Stadtarchiv. Danach rennen die Kinder heim, Hermine Mayer-Berdjis nach Botnang und die damals 14-jährige Sigrid Krich bis Weilimdorf. Sie erinnere sich mit Schrecken an diesen Tag, schrieb sie vor drei Jahren an unsere Zeitung. Die Schule nutzt den Bombenkrater fortan als Löschteich.
An jenem 6. September werfen US-Bomber erstmals am helllichten Tag ihre tödliche Fracht über Stuttgart ab. Das eigentliche Ziel der Air Force ist das Bosch-Areal in Stuttgart-West. Doch die Stadt liegt unter einer Wolkendecke, und man hat sie zudem mithilfe Hunderter Nebelschleudern in einen künstlichen Dunst gehüllt. Von deutscher Flak und Jagdflugzeugen bedrängt, treffen die aus den „fliegenden Festungen“ fallenden Bomben statt der Bosch-Fabrik Wohnhäuser, Geschäfte, Schulen, außerdem einen Kindergarten in der Reuchlinstraße, die Pauluskirche, das Ludwigspital und die Klavierfabrik Pfeiffer.
Sie wenden ihren Blick ab
Für die Gymnasiastinnen im Königin-Olga-Stift ist der Angriff ein Schock. Wie es den Erwachsenen ergeht, deuten Fotos von diesem Tag an, die der Polizist Gustav Dittus anfertigt, auch sie liegen im Stadtarchiv. In der Breitscheidstraße retten Anwohner, was aus ihrem Haus mit der aufgerissenen Außenwand zu retten ist. In der brennenden Vogelsangstraße schleppen zwei Frauen in aller Eile Bettzeug und anderen Hausrat über die Löschwasserschläuche. In der Rötestraße pressen sich Fußgänger an Schutt räumenden Zwangsarbeitern vorbei über ein schmales Stück Gehweg. Sie wenden ihren Blick ab, als wollten sie nicht sehen, was die Bomben angerichtet haben.
Mehr als 100 Sprengsätze gehen zwischen 10.45 und 11.10 Uhr nieder, sie werden akribisch auf einer Schadenskarte verzeichnet. 107 Menschen sterben, mehr als 250 Gebäude sind zerstört oder schwer beschädigt. Und doch sind von dem Tag nur sehr bedingt die Eindrücke der Bombardierten überliefert, das Leid der Hinterbliebenen oder die existenzielle Angst der Ausgebombten. Mehr Zeugnisse gibt es über die nüchternen Maßnahmen der Stadtverwaltung.
Wein, Schnaps und Drops
Wenige Stunden nach dem Angriff geben vorbereitete Garküchen Kaffee und Würste aus, außerdem sollen „Wein, Schnaps und Drops“ sowie Zehntausende Zigaretten die Nerven beruhigen. Hunderte Geschädigte erhalten Bezugsscheine für Schuhe und Hausrat, noch am Nachmittag rücken Fahrzeugkolonnen aus den Fabriken an, die Möbel bergen und Trümmer wegschaffen.
Wer durch die Bomben obdachlos wurde, kommt in Familienquartieren der NSDAP unter. Das sei „im wesentlichen reibungslos und ohne Anstände“ verlaufen, schildert ein Verwaltungsbericht wenige Tage nach dem Angriff. Die Zahl der „ausgefallenen Wohnungen“ wird ebenso gezählt wie die der ausgegebenen „Ausweise für Fliegergeschädigte“. Selbst der verbrauchte Kraftstoff ist genau dokumentiert. Vielleicht kann das geschäftsmäßige Abarbeiten vorbereiteter Pläne in so einem Moment ja auch ein Stück Halt geben und den von den Bomben traumatisierten Menschen helfen.
„Aus dem Bewusstsein der Bevölkerung ist dieser 6. September schnell verschwunden“, sagt Norbert Prothmann, ein Experte für den Luftschutz in Stuttgart. Er vermutet, dass die wesentlich katastrophaleren Angriffe vom Sommer 1944 die Erinnerungen an das Bombardement ein Jahr zuvor gewissermaßen überschrieben haben. Prothmann recherchierte monatelang zu der Luftattacke – und dem, was danach geschah. „Mich fasziniert, wie dieser Angriff propagandistisch ausgeschlachtet wurde“, sagt er.
Auch das Remstal wird getroffen
Ein ums Leben gekommener niederländischer Kriegsgefangener wird mit vermeintlichen militärischen Ehren bestattet – Bilder davon kriegt die örtliche Bevölkerung nicht zu sehen, sehr wohl aber die anderen Kriegsgefangenen. Das Reichspropaganda-Ministerium verbreitet derweil die Meldung, der Ort Grunbach im Remstal sei „fast völlig zerstört worden“. Tatsächlich werden drei Wohnhäuser teilweise beschädigt, nachdem die Flieger vom zweiten Ziel des Angriffs, den Kugellagerwerken an der Pragstraße, abgedreht und ihre Bomben wahllos im Umland abgeworfen haben. Wesentlich schlimmer sieht es im nahen Beinstein aus, wo 17 Sprengbomben niedergehen und ein Mensch stirbt.
Auch auf amerikanischer Seite dokumentiert ein Fotograf den Angriff: Frank Scherschel vom US-Magazin „Life“. Er ist an Bord eines B-17-Bombers und schildert in einer Reportage die gefährliche Mission. Neun Stunden vergehen vom Start auf einer englischen Fliegerbasis bis zur Notlandung knapp hinter der Küste. „Unsere Bomben sind weg und wir fliegen nach Hause. Dann kommen Kampfflugzeuge aus allen Richtungen“: Dieser Satz ist der einzige, in dem es konkret um die Bomben auf Stuttgart geht. Auch die 45 abgestürzten US-Flugzeuge sind Scherschel keine Erwähnung wert. Dafür erzählt er, wie die Crew nach der Notlandung in ein Pub geht und Käsesandwichs isst.
Unter der Nebeldecke sterben Menschen
„Wie unpersönlich erschien es damals. Und wie erschreckend persönlich, als wir die Stadt 17 Jahre später dann mit einem Stuttgarter Freund vom Birkenkopf aus betrachteten“, zitiert Heinz Bardua einen britischen Soldaten in seinem Standardwerk „Stuttgart im Luftkrieg 1939–1945“. Wo an jenem Montagvormittag im September die Bomben herkommen, ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen, weil die Flugzeuge so hoch fliegen. Auch die Angreifer kriegen ihr eigentliches Ziel nicht zu Gesicht. Sie klinken ihre Fracht über der Nebeldecke aus, darunter sterben die Menschen. Das jüngste Opfer des Angriffs, ein Junge namens Michael Kleinbub aus der Vogelsangstraße, ist erst sechs Monate alt, auch seine Mutter stirbt.
An jenem 6. September 1943 dringt der Krieg ganz unmittelbar in den Alltag der Stuttgarter Bevölkerung ein. Wer kann, verlässt die Stadt. Die Schülerinnen vom Olga-Stift werden wie viele andere aufs Land verschickt. Diejenigen, die noch ein Auto besitzen, haben ihre wichtigsten Dinge stets im Wagen dabei. Wenn die Sirenen heulen, fahren sie „beinahe in Karawanenform“ raus aus der Stadt, wie ein Bericht aus dieser Zeit moniert. Nach dem ersten Tagangriff trauen sich die Bewohner lange nicht aus den Schutzräumen heraus.
„Tag und Nacht mit vereinten Kräften“ steht auf den an jenem Tag abgeworfenen Flugblättern, die weitere Angriffe der Amerikaner und Briten ankündigen. Zwar gilt der 6. September 1943 wegen der hohen eigenen Verluste als Fehlschlag, doch die Angreifer sollten daraus lernen.