Maeckes im Porträt Vom Glück des Experimentierens

Maeckes mag den musikalischen Drahtseilakt: „Ich bin ein großer Fan vom Verlassen der Komfortzone – aber ich hasse es auch.“ Foto: Chimperator/Moritz Keller

„Der Text ist mein Freund, aber die Gitarre ist mein Feind.“ Dennoch hat der Rapper Maeckes, aufgewachsen in Kornwestheim, nun ein Gitarrenalbum aufgenommen. Warum macht er das?

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Diesmal musste er noch länger laufen. Dass Stuttgart sich verändert, merkt Maeckes zuerst an den Metern, die er am Hauptbahnhof zurücklegen muss, um vom Zug zur S-Bahn zu gelangen. Die bringt den Wahlberliner nach Kornwestheim.

 

Hier ist er aufgewachsen, hier ist er der Markus Winter, der seine Mutter besucht, wenn er in der Gegend ist. Kein Kornwestheimer seit Generationen, sondern „ein Reingschmeckter, so reingeschmeckt wie es nur geht“. Seine Eltern kommen aus Österreich, seine ältere Schwester wurde noch in Wien geboren. Als Jugendlicher habe er sich oft gewünscht, in Stuttgart zu wohnen, erzählt der 41-Jährige mit den erstaunlich türkisblauen „Swimmingpoolaugen“ (so heißt auch einer seiner Songs) bei unserem Treffen an einem grauen Wintervormittag in einem Café an der Planie. Damals sind Maeckes die vier S-Bahnhaltestellen schon zu weit weg vom Kessel, vom Schlossplatz, wo er seine Skateboard-Tricks übt, die Flips, die Ollies. „Früher wollte man mehr Großstadt“, doch wenn er jetzt zurückblicke, heute selbst Vater von zwei kleinen Kindern, sei das Aufwachsen an Kornwestheims Feldern „perfekt“ gewesen.

Markus mag Hip-Hop und hört die Musik, die in den 1990er Jahren hier entsteht: In der Stuttgarter Kolchose, von den Massiven Tönen, Freundeskreis, Afrob oder den Krähen. „Das Kopfnicker-Album von den Massiven Tönen und die ersten beiden Freundeskreis-Alben, die waren schon immens wichtig“, erinnert sich Maeckes an seine musikalischen Erweckungsmomente. Klar, jeder kann „Mutterstadt“ mitrappen, die Liebeserklärung der Massiven an Stuttgart. Aber dass dieser Hip-Hop wirklich direkt vor seiner Haustür kreiert wird, wird ihm erst so richtig deutlich, als er selbst tiefer in die Szene eintaucht und seine musikalischen Vorbilder auch persönlich kennenlernt.

„Bartek und ich, wir waren die ‚young guns’, die zu den Großen aufgeschaut haben.“ Bartek, das ist der drei Jahre jüngere Bartek Nikodemski, den Maeckes mit 16 über die Musik kennenlernt. Maeckes freestylt damals auf Jams in Jugendhäusern. „Und da saß immer ein junger Bartek rum, der ganz am Anfang nur zugehört hat, wenn ich stundenlang Käse zusammengefreestyled habe.“

Ein junger Maeckes und ein junger Bartek beim Freestylen. Foto: Chimperator/Maeckes & Plan B

Zusammen werden die zwei mutiger, spielen Theater, gründen das Rap-Duo Maeckes & Plan B und gehen schließlich mit Max Herre auf Tour. Dafür schmeißt Maeckes sein Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. „Ich habe genau einen Tag studiert. Und gleich wieder aufgehört, weil die Herre-Tour angefangen hat.“ Bartek geht als Back-up-Rapper der Vorband mit, aber es braucht noch jemanden, „der Play und Pause drückt.“ Das übernimmt Maeckes. Schließlich performen sie im Vorprogramm ihre eigenen Stücke – und die Leute gehen mit.

Als Orsons füllen sie selbst die Hallen

Über fünf Jahre richten sich Maeckes und Bartek im Hip-Hop ein, nehmen Alben auf, erschließen sich eine Fanbase, 2004 moderieren sie die Stuttgarter Hip-Hop-Open. „Wir hatten uns schon so einen kleinen, zumindest regionalen Buzz erarbeitet.“ 2007 tun sie sich mit Tua (Johannes Bruhns) und Kaas (Lukas Michalczyk) aus Reutlingen zusammen und gründen die Orsons. Plötzlich sind sie nicht mehr das Vorprogramm, sondern füllen selbst die Hallen.

Die Orsons 2020 beim Kulturwasen in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Und dann wird es Maeckes irgendwie zu wohl, der Stuttgarter Kessel fühlt sich zu sicher an. Er kündigt sein WG-Zimmer, packt seine Sachen in ein Auto und zieht nach Wien. „Ich wollte mein Rap-Zeugs so ein bisschen hinter mir lassen.“ An der Donau angekommen erinnert er sich an das halbe Jahr Gitarrenunterricht in der Kornwestheimer Musikschule, das er mit 13 hatte. Mit drei Akkorden und bleischweren Texten spielt er in Wien winzige Konzerte auf kleinen Kabarettbühnen. „Ich singe von Mord und Totschlag und Genoziden, aber die Form ist so schlecht, dass die Leute nicht wissen: Was ist das jetzt? Dürfen wir lachen? Was macht der?“ Als er nach Stuttgart zurückkehrt, nimmt er das Konzept mit, erst in sein WG-Zimmer, dann in Clubs wie die Schräglage, schließlich sogar ins Theaterhaus.

Warum macht man das? Wenn man doch etwas hat, in dem man gut ist, den Hip-Hop nämlich? „Ich mochte die Unsicherheit, die ich und das Publikum hatten. Ich wusste: Der Text ist mein Freund, aber die Gitarre ist mein Feind. Das hat so ein Gefühl von Drahtseilakt erzeugt.“ Maeckes mag das dünne Eis, das kalte Wasser, das musikalische Wagnis, die Überwindung. Auch wenn er sich dazu zwingen muss. „Ich bin ein großer Fan vom Verlassen der Komfortzone – aber ich hasse es auch.“

Mit Feuerwehrhelm an der Gitarre: Maeckes-Konzerte sind eine Gesamtkunstperformance. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

Im April erscheint sein Gitarren-Album, das schlicht und ergreifend auch so heißt. „Ich habe das immer im Schatten von Maeckes & Plan B und dann den Orsons gemacht. Und dann habe ich gedacht: Jetzt ist die Zeit, daraus auch mal ein Album zu machen.“ Richtig gut auf der Gitarre ist Maeckes immer noch nicht, „aber ich kann jetzt ein paar Barré-Akkorde.“ Die Lieder fürs Album hat Maeckes in einer großen musikalischen Versuchsanordnung erarbeitet. „Maeckes & das Experiment“ hieß die Konzertreihe im vergangenen Jahr, bei dem das Publikum dem Sprachkünstler beim Liedermachen half. „Sei dabei, wenn vielleicht ein neues Album entsteht“ lautete die Ankündigung. Mal schrieb Maeckes zusammen mit dem Publikum einen Refrain fertig, mal fehlte noch der Titel. Bei „Dein Name“, dem „Kapitalistischen Liebeslied“, wurde der besungen, der das meiste Geld bot. Verdoppelte jemand das Gebot, brach Maeckes das Lied ab und stimmte es mit dem nächsten Namen erneut an. „Das war echt spannend: Ab wann schleicht sich da die böse Fratze des Kapitalismus ein?“

Er ist einer, der sich viele Gedanken macht über den Zustand der Welt. „1234“ von seinem 2021 veröffentlichten Album „Pool“ thematisiert den Rechtsruck, das, was sich gerade spürbar verschiebt in Deutschland: „Nicht jeder, der sein Land mag und Angst hat, ist ein Rassist / Aber jeder, der sein Land mag und Angst hat und ne Reichsfahne an seiner Wand hat, ist’s“. Maeckes schrieb den Text aus der „Angst oder Sorge heraus, dass die Leute in Zeiten der Krise wieder dahin rennen, wo es populistisch ist.“ Auf seinem Gitarrenalbum wird es einen neuen Song geben, „der diesen Gedanken weiterführt“. Dass derzeit Hunderttausende von Menschen gegen Rechtsextremismus auf die Straße gehen, findet der Musiker „natürlich stark“, „Mut habe ich dadurch aber nur bedingt. Ich sehe es eher als notwendige Grundvoraussetzung, um aus der derzeitigen Lage irgendwie mit erhobenem Haupte wieder rauszukommen. So pessimistisch das auch klingen mag.“

„Vier Freunde, aus denen zufällig die Orsons wurden“

Gerade ist Maeckes viel solo unterwegs, aber die anderen Orsons „sind immer da, auch wenn Maeckes draufsteht“. Die Frage sei ja immer: „Seid Ihr eigentlich noch cool miteinander?“ Die Antwort: „Cool wie eh und je. Wir sind vier Freunde, aus denen zufällig die Orsons wurden.“ Maeckes und Tua leben in Berlin, Bartek und Kaas in Stuttgart, alle widmen sich ihren Soloprojekten, aber der Viererchat zwischen der Hauptstadt und dem Südwesten sei sehr lebendig. „Wir haben sogar ein fertiges Lied samt Video rumliegen, das bisher nur noch nicht den richtigen Zeitpunkt hatte.“

„Der Text ist mein Freund, aber die Gitarre ist mein Feind.“ Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

Maeckes’ Auftritte sind immer eine künstlerische Gesamtperformance, die Musik nur ein Teil davon. Dass ihn das Schauspiel reizt, wusste Maeckes schon, seit er als Jugendlicher in der Ludwigsburger Tanz- und Theaterwerkstatt mit Bartek „Rap-up-Comedy“ machte. In Berlin probiert er erst Regie aus, um schließlich vor der Kamera zu landen. Bei „Soko Stuttgart“ hatte er einen Gastauftritt. In der ZDFneo-Sitcom „Deadlines“, von der es inzwischen drei Staffeln gibt, spielt er Marek, den super verständnisvollen, sensiblen, Wollpullis tragenden Freund der achtsamen Ökonudel Lena (Sarah Bauerett). Erst als er die Rolle hatte, habe er sich überlegt: „Okay, warte mal, jetzt spiele ich da in einer Serie mit. Wie mache ich das denn eigentlich?“ Schließlich habe er sich entschieden, keinen Schauspielunterricht zu nehmen, sondern einfach mal aus dem Bauch raus zu agieren. „Schauspiel macht mir Freude. Angst und Freude: Freudenangst. Angstfreude.“ Neues kaltes Wasser, in das sich hüpfen lässt.

Neues Album und Tour

Gitarrenalbum
Maeckes’ neues Album erscheint am 26. April. Es heißt schlicht und ergreifend „Gitarren Album“. Zwei Singles wurden bereits veröffentlicht: „Liebesbrief von der f.“ und „Lass los“.

Live
Am 3. Mai kommt Maeckes in seine Heimatstadt Kornwestheim und spielt auf der About Pop Pre Session. Im November geht der 41-Jährige auch wieder auf Tour. Rostock macht den Auftakt, am 11. November ist Maeckes in Stuttgart im Wizemann.

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