Auch wegen legendärer Geschichten wie diesen kann Porsche dieser Tage sein 70-jähriges Bestehen als Sportwagenmarke feiern. Einer, der in Stuttgart von Anfang an mit von der Partie war, ist Herbert Linge. Seine Geschichte ist die eines Volksschülers, der es mit Fleiß zu viel bringt – als Techniker, als Rennfahrer, als Film-Double von Steve McQueen oder als Lebensretter von Niki Lauda. Nebenbei macht er das beschauliche Örtchen Weissach im Kreis Böblingen zum reichsten Dorf Deutschlands – auch wenn das der Mann, Typ: bescheidener schwäbischer Schaffer, so niemals für sich reklamieren würde.
Als Herbert Linge in den 1930er Jahren im Heckengäu aufwächst, träumt er wie viele Jungen von Autos und Rennfahrern. Als es darum geht, was er nach der Schule machen sollte, erfährt sein Vater Karl, der in einem Drahtwerk in Zuffenhausen arbeitet, dass die Fahrzeugentwickler von Porsche ihre erste Lehrwerkstatt aufziehen wollen. Der 14-jährige Herbert wird einer der ersten acht Mechaniker-Lehrlinge in der Werkstatt. Er wird Jahrgangsbester – auch motiviert durch den Firmengründer Ferdinand Porsche höchstpersönlich: „Wann immer er eine Delegation durchs Werk führte, machte er einen Abstecher zu uns“, berichtet Linge rückblickend.
Erster Testfahrer nach dem Neustart
Glück hat Linge, weil er für den Kriegsdienst bis zum Schluss zu jung ist – und es bleibt ihm hold. Die Firma Porsche flüchtet 1944 zwar vor den Alliierten nach Österreich, Linge kann sich aber als Mechaniker bei den französischen Streitkräften in Baden-Baden über Wasser halten, bis das Unternehmen nach Stuttgart zurückkehrt.
1949 kommt Ferdinand Porsches Sohn Ferry ins Konstruktionsbüro in der Augustenstraße, im Gepäck die Pläne des im Vorjahr entwickelten (und auch schon in Österreich produzierten) Sportwagens 356. Linge ist einer jener Praktiker, die jeder Ingenieur braucht, um eine Idee umzusetzen. Als junger Maschinenbautechniker diskutiert er mit gestandenen Ingenieuren und Konstrukteuren am Arbeitstisch.
Linge wird Kapo in der Werkstatt – und zum ersten Porsche-Testfahrer nach dem Neustart, weil er zu diesem Zeitpunkt bereits über eine Rennlizenz verfügt. Fortan ist er eine Art Werkfahrer, obwohl er nie offiziell als Werkfahrer angestellt wird. Im Mai 1954 heuert der Profi-Pilot Hans Herrmann Linge als Beifahrer für die legendäre Mille Miglia in Italien an. Dort revolutioniert Linge das Bordbuch. „Davor ging es für die Beifahrer darum, den Weg zu finden“, erzählt er. „Ich habe auch aufgeschrieben, wie die Straße beschaffen ist oder was hinter einer Kuppe liegt.“
Bei einem Bahnübergang zwischen Pescara und Chieti hat er „voll anfahren“ notiert, so dass Herrmann Tempo 160 hält. Dumm nur, dass die Schranke unten ist. „In dem Moment schlägt mir Hans auf den Helm, und wir fahren mit eingezogenen Köpfen unter der Schranke durch“, erzählt Linge. „Wir hörten noch, wie der Zug kam.“ Zum Glück ist der 550 Spyder sehr flach. Das Duo wird Klassensieger und Sechster im Gesamtklassement. Und Linge geht zunächst zurück nach Stuttgart an die Arbeit.
Mit Steve McQueen durch den Wald gebrettert
Als Rennfahrer schafft Herbert Linge 90 Klassensiege und holt vier Weltmeistertitel bei GT- und Sportwagenrennen – neben seinem eigentlichen Job als Chef von 200 Mitarbeitern. 1969 beendet Ferdinand Piëch, damals Leiter der Entwicklung, dieses Doppelberufsleben und stellt Linge vor die Wahl, entweder als Betriebsleiter in Weissach weiterzumachen, wohin seine Abteilung ziehen sollte, oder doch noch Werkfahrer zu werden. Linge, mittlerweile im Schwabenalter, muss nicht überlegen: Er will sich der Ideenschmiede widmen.
Zum Abschluss wird Linges Rennkarriere aber noch zur Filmkarriere. Der Kinostar Steve McQueen – selbst erfolgreicher Amateurrennfahrer – plant zu jener Zeit einen Film über das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Der Veranstalter fordert von McQueen, dass er das ganze Rennen mit einem regelkonformen Auto absolviert. Das lässt die Versicherung des Stars nicht zu. McQueen sucht ein Double, das unter dem Helm im Film nicht zu erkennen sein würde, und stößt auf Linge, der sich auf das neue Porsche-Geschoss 917 versteht.
So fährt Linge 1970 das Rennen mit drei Kameras am Wagen. Weil die Boxen-Stopps wegen der Filmrollenwechsel länger dauern als erlaubt, wird er nicht gewertet – obwohl er Achter wird. Danach macht Linge noch sechs Wochen bei den Dreharbeiten mit. „Steve McQueen war zunächst sehr reserviert“, erinnert er sich. „Aber als er einen dann kannte, war er ein guter Kumpel. In der Mittagspause hat er mich öfter gefragt, ob wir eine Runde mit den Motorrädern drehen. Dann sind wir durch den Wald in der Mitte des Kurses gebrettert.“ Auch wenn „Le Mans“ mit vielen Rennszenen und wenig Handlung kein Kassenknüller wurde: „Es war ein tolles Erlebnis.“
Mehr Sicherheit für die Formel 1
Genauso wie die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1982 – und das hat mit Niki Lauda zu tun. Zwar ziehen die Rennfahrer Brett Lunger und Arturo Merzario den Österreicher nach seinem schweren Unfall auf dem Nürburgring 1976 aus dem brennenden Wrack. Dies gelingt ihnen aber erst, nachdem eine Sicherheitsstaffel die Flammen eingedämmt hat. Diese Staffel der Obersten Nationalen Sportkommission für den Automobilsport (ONS) hatte Linge gegründet. Nachdem in den 60er Jahren viele Fahrer und auch Freunde Linges wie Wolfgang Graf Berghe von Trips und Gerhard Mitter auf Rennstrecken gestorben waren, weil Hilfe zu spät kam, entwickelte Linge ein Rettungskonzept: Fortan musste jede Stelle eines Kurses innerhalb einer Minute von Hilfskräften mit Feuerlöschern und Metallscheren erreichbar sein. Im Leitungsauto sollte ein Arzt sitzen, am Steuer ein Rennfahrer. Linge baut ein solches Fahrzeug auf Basis eines Porsche und überzeugt 1972 neben der ONS auch den Formel-1-Boss Bernie Ecclestone von seinem Konzept.
Herbert Linge hat viel in der Autowelt bewegt. Auch dass das Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach landete, lag an ihm. Die Geschichte erzählt Linge so: 1959 ist Ferry Porsche auf der Suche nach einem Gelände für eine Teststrecke. An einem Freitagabend steht er mit seinem Sekretär, einem Entwicklungsingenieur und Linge, damals Meister der Versuchswerkstatt, auf wertvollem Strohgäuboden bei Münchingen, unweit der A-81-Anschlussstelle Zuffenhausen. Plötzlich sagte Porsche: „Meine Herren, wollen Sie wirklich diese schönen Äcker zubetonieren?‘“ Linge antwortet: „Herr Porsche, wenn Sie noch 20 Minuten weiterfahren können, wüsste ich ein Gelände, wo außer Schlehen und Disteln nichts wächst.“ Die Delegation fährt nach Weissach, der Ort wird Standort des Porsche-Entwicklungszentrums.
1962 war der erste Rundkurs fertig, heute arbeiten mehr als 6000 Porscheaner in der 7500-Einwohner-Gemeinde. Weissach war zeitweise das reichste Dorf Deutschlands. 2006 wurde Herbert Linge zum Ehrenbürger ernannt. Und an diesem Montag wird der Porsche-Pionier 90 Jahre alt.
Veranstaltung: Am Sonntag, 10. Juni, feiert die Firma Porsche ihr 70-jähriges Bestehen auf dem Cannstatter Wasen – von 10 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt. Herbert Linge wird vor Ort sein.