Mannheimer Multikultur-Projekt Das Nationaltheater ist ein Stück Äthiopien

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„Das Ziel dieses Projektes ist es, eine Diskussion anzuregen“, sagt Possmann. „Es geht darum, darüber nachzudenken, was Kultur sein kann - außer den Dingen, die für teures Geld in Museen aufbewahrt werden. Was macht eine Stadt wie Mannheim aus?“ Der Vergleich mit der Unesco funktioniert dabei natürlich nur bedingt. Während die Sonderorganisation der Vereinten Nationen den Titel „Weltkulturerbe“ nur an die besten und herausragendsten Zeugnisse der Menschheits- und Naturgeschichte vergibt, geht es in Mannheim vor allem um die subjektive Wahrnehmung der Bürger. Wie sonst ließe sich erklären, dass das Nationaltheater Mannheim seit 2017 ausgerechnet den Titel „offizielles Erbe der Äthiopischen Kultur“ trägt? Melaku Gizaw, verantwortlich für den Vorschlag, erklärt: „Immer wenn wir das Nationaltheater Mannheim erblicken, erinnern wir uns an das Äthiopische Nationaltheater in Addis Abeba. Von außen sehen die Gebäude sich so ähnlich, als wären sie vom gleichen Architekten erbaut.“

Eine Frage des Respekts

Andere Fälle sind offensichtlicher. Stellvertretend für das Erbe der türkischen Kultur in Mannheim steht die Yavuz Sultan Selim Moschee, gelegen zwischen der christlichen Liebfrauenkirche und einer Synagoge. „Wir zeigen der Welt, dass Menschen verschiedener Religionen einander mit Respekt begegnen und Raum für Andersgläubige schaffen können“, sagt Talat Kamran, der als türkischstämmiger Bürger zur mit Abstand größten migrantischen Gruppe in Mannheim zählt.

Die stetig wachsende Liste der ausgezeichneten Kulturgüter wird der Öffentlichkeit noch bis Juni in einer Ausstellung in den Räumen von „Zeitraumexit“ und auf geführten Touren durch Mannheim präsentiert. Wer auf diese Art und Weise durch die deutsche Stadt am Rhein spaziert, der erkennt: Das Fremde ist hier schon lange nicht mehr fremd. Erst die Vielfalt, der Austausch und die Vermischung der so unterschiedlichen Menschen und Kulturen, die hier gemeinsam leben, verleihen der Stadt ihre größte Qualität: Lebendigkeit.

„Wer sind wir? Und wer wollen wir sein?“ fragte der Bundesinnenminister unlängst in seinem umstrittenen Zehn-Punkte-Katalog. Vielleicht hätte er einen Blick nach Mannheim werfen sollen. Wer in Deutschland im Jahr 2017 in respektvollem Umgang mit seinen Mitbürgern leben will, der muss mit viel Kreativität und Energie gegen die Entwicklung von Parallelgesellschaften kämpfen. Das funktioniert nur gemeinsam. Man muss sich dafür zur Begrüßung aber nicht unbedingt die Hand geben.

Ausstellung bis 4. Juni im Kulturhaus Zeitraumexit; Stadtführungen am 20. und 27. Mai sowie am 3. Juni. Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier.



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