Markgröninger Schäferlauf zum Unesco-Kulturerbe erklärt „Wir sind im siebten Himmel“

Von Julian Illi 

Die Freude in Markgröningen ist riesig: Der traditionelle Schäferlauf ist ab sofort auf der bundesweiten Liste der Unesco vertreten. In der Stadt hofft man auf größere Bekanntheit und bessere Einnahmen. Fraglich ist, ob der Sprung ins weltweite Register gelingt.

Barfuß über das Stoppelfeld: Auch Schäfer treten in Markgröningen beim Rennen an, nicht nur junge Frauen in Tracht. Foto: factum/Granville
Barfuß über das Stoppelfeld: Auch Schäfer treten in Markgröningen beim Rennen an, nicht nur junge Frauen in Tracht. Foto: factum/Granville

Markgröningen - Die Sektkorken knallen im Markgröninger Rathaus normalerweise im zweiten Stock, im Trauzimmer des Standesamts. Am Mittwoch hat auch Bürgermeister Rudolf Kürner in seiner Amtsstube ein Fläschchen geöffnet. Der Grund: Der Schäferlauf, in Markgröningen Tradition und fünfte Jahreszeit zugleich, wird Unesco-Kulturerbe. Das haben die Kultusminister der Bundesländer und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, entschieden.

Mit Markgröningen werden die Schäferläufe in Bad Urach (Kreis Reutlingen) und Wildberg (Kreis Calw) in die bundesweite Liste des „immateriellen Kulturerbes“, wie das Register offiziell heißt, aufgenommen. Vor rund einem Jahr hatten die drei Kommunen den Antrag dafür gestellt.

Vor einem Jahr wurde der Antrag gestellt

„Wir sind im siebten Himmel“, sagt der Bürgermeister Kürner. Teil der Unesco-Liste zu sein werte den Markgröninger Schäferlauf „immens auf“. Kürner hofft, dass das Fest, zu dem jedes Jahr rund 100 000 Besucher kommen, durch die Auszeichnung noch bekannter wird. Eine direkte finanzielle Unterstützung gibt es durch die Aufnahme gleichwohl nicht. Der parteilose Rathauschef hofft aber, künftig leichter an Fördertöpfe zu kommen.

Verwaltet werden diese unter anderem im Stuttgarter Landwirtschaftsministerium von Peter Hauk (CDU) – und der freut sich mit den Ausgezeichneten: „Wir können alle sehr stolz darauf sein, dass dieses lebendige Kulturgut hier in Baden-Württemberg all die Jahrhunderte gepflegt worden ist und heute sogar als Unesco-Kulturerbe gefeiert werden kann.“

Den Schäferlauf in Markgröningen gibt es in seiner heutigen Form seit dem Jahr 1651, erstmals urkundlich erwähnt wurde er allerdings schon 1443. Er wird immer rund um den Bartholomäustag am 24. August zu Ehren des Schutzpatrons der Schafhirten abgehalten. Die Teilnehmer, junge Schäferinnen und Schäfer, rennen dabei barfuß über einen Stoppelacker, ein abgeerntetes Getreidefeld. Rund um das Rennen gibt es ein mehrtägiges Volksfest. Die Veranstaltung ist laut der Stadt die älteste ihrer Art in Baden-Württemberg.

Ausgezeichnet wird die lange Tradition

Mit der langen Historie begründen die Kultusminister und die deutsche Unesco-Kommission ihre jetzige Entscheidung: Es handle sich um „eine wandlungsfähige Kulturform mit jahrhundertelanger Tradition“. Sie trägt laut den Experten zur Erhaltung des Wissen und Könnens von Schäfern bei „und zeigt dies anschaulich für die Öffentlichkeit“. Dass beim Schäferlauf jedes Jahr viele lokale Gruppen und Vereine mitwirken, speziell beim großen Festumzug durch die Stadt, ist laut Unesco-Experten „sehr positiv hervorzuheben“.

Zusammen mit dem Schäferlauf wurden am Dienstag 17 weitere Feste, Traditionen und Bräuche in die deutsche Unesco-Liste aufgenommen, so zum Beispiel das Drechslerhandwerk oder das Augsburger Hohe Friedensfest. Insgesamt umfasst das Verzeichnis nun 97 Einträge.

Als gewissermaßen nächste Stufe könnte der Schäferlauf in die weltweite Liste der Unesco aufgenommen werden. Dafür rechne man sich aber keine besonderen Chancen aus, sagt der Bürgermeister Rudolf Kürner. Das globale Register des immateriellen Kulturerbes umfasst derzeit rund 500 Punkte. Ganze vier davon stammen aus Deutschland, darunter die Orgelmusik und der Orgelbau sowie die Falknerei. Vor wenigen Tagen schaffte es die Reggae-Musik aus Jamaika auf die Liste.

Abkommen
Mehr als 170 Staaten haben bis heute ein Unesco-Übereinkommen unterzeichnet, in dem sie sich verpflichten, immaterielles Kulturerbe zu erhalten. Dazu zählen zum Beispiel mündlich überlieferte Traditionen, darstellende Künste, Bräuche, Rituale, Feste, traditionelle Handwerkstechniken.

Beitritt
Deutschland ist dem Übereinkommen 2013 beigetreten. Seither bewertet eine Expertenkommission regelmäßig Vorschläge für das Register. Schließlich entscheidet die Kultusministerkonferenz.

Weltkulturerbe
Deutlich länger, bereits seit 1972, gibt es die Welterbekonvention. Darin verpflichten sich derzeit 193 Staaten, dass Stätten, die weltweit einzigartig sind, erhalten werden sollen. Der Unterschied: Es geht um Baudenkmäler, Naturlandschaften oder Stadtensembles. Derzeit umfasst die Liste rund 1000 Einträge, in Deutschland zum Beispiel den Kölner Dom oder die Würzburger Residenz.