Markus Wasmeier im Interview „Vierter? Das weiß heut’ keine Sau mehr“

Markus Wasmeier seiht Versäumnisse bei den Athleten – und dem DSV Foto: imago//teiner

Die deutschen Skirennläufer fahren bei den Winterspielen 2022 einer Medaille hinterher. Markus Wasmeier hat 1994 in Lillehammer Gold im Super-G und im Riesenslalom gewonnen und sieht in der Nullnummer von Yanqing auch Versäumnisse beim Deutschen Ski-Verband.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Yanqing - Zwar stehen bei Olympia noch zwei Wettbewerbe aus, doch schon jetzt ist die Bilanz der Alpinrennläufer recht mau. Medaillen: null. Markus Wasmeier, Doppel-Olympiasieger 1994, will das nicht überbewerten, doch er sieht Handlungsbedarf im Deutschen Skiverband (DSV).

 

Herr Wasmeier, Linus Straßer wurde im Slalom Siebter – wieder keine Medaille.

Olympia ist kein Wunschkonzert. Da waren mehrere, die Gold wollten und die auch das Potenzial hätten – aber anscheinend ist das nicht so einfach. Ich weiß das ja auch, bei zwei Spielen bin ich als Favorit auch gescheitert, einmal wurde ich Vierter, einmal hab‘ ich im ersten Tor eingefädelt. Ich weiß, dass das alles nicht so einfach ist. Ich hoffe ja immer, dass mich bei den Herren jemand mal als letzter Olympiasieger ablöst – aber jetzt müssen wir noch mal vier Jahre warten.

Lena Dürr und Kira Weidle verpassten hauchdünn eine Medaille.

Sagen wir so: Für ein paar Hundertstel gehört auch Glück dazu, dass du den Gegenwind halt nicht kriegst. Eigentlich muss das Ziel sein, Gold zu gewinnen, Silber und Bronze sind nett, aber du bist halt nicht Olympiasieger. Das muss das oberste Ziel sein, und das kann man nur erreichen, wenn du alles riskierst. Zurückziehen ist keine Lösung.

Heißt das, die Deutschen waren zu wenig angriffslustig?

Das kann man Linus Straßer nicht ankreiden, aber im unteren Teil haben er und viele andere nicht gut ausgesehen. Da waren zu wenig Risiko und Aggressivität. Da sind einige hängen geblieben, nicht nur der Linus.

Eine enttäuschende Bilanz, oder?

Man muss jeden Starter einzeln betrachten. Eigentlich hätten es alle drauf gehabt, aber am Ende fehlt hat das letzte Fitzelchen zum Sieg. Wahrscheinlich hätten sie noch ein bisschen mehr Herz reinlegen müssen. Der Fehler vom Alex Schmid im Riesenslalom, der war halt blöd. Die Abfahrer dagegen, die sind mit den Verhältnissen gar nicht zurecht gekommen, die haben viel zu viel gewollt. Da hat die Mischung zwischen Lockerheit und Wollen nicht gestimmt – da haben sie sich im Weltcup besser verkauft.

Im Super-G haben sich die Männer mit Platz sieben und acht rehabilitiert.

Mei, ich bin bei den Spielen oft Vierter, Fünfter oder Sechster geworden – das weiß heute keine Sau mehr. Das sind ja ganz gute Weltcup-Platzierungen, aber bei Olympia sollte man schon ganz nach oben fahren.

Fehlt ein Multitalent, das in mehreren Disziplinen für Podestplätze gut ist? Jemand der für die Deutschen steht?

Wir haben immer nur einzelne Leute. Bei den Damen im Slalom Lena Dürr und Emma Aicher. Im Riesenslalom ist niemand, die Emma ist noch jung und hat eine Zukunft, aber dann ist es schon vorbei. Und Kira Weidle ist die einzige Läuferin in Abfahrt und Super-G – wenn sie einen Fehler macht, haben wir eine Ausfallquote von 100 Prozent.

Ist die Basis zu klein?

Ja, es ist eine Schande, wenn wir nicht pro Disziplin drei oder vier Starter haben. Das zieht sich auch durch den Weltcup. Dann fährt Kira mal gut, dann ist das top und alles ist gut. Da ist man verwöhnt vielleicht von der WM in Cortina, aber jetzt sind es eben wieder andere Verhältnisse, andere Strecken, andere Umstände und Gegebenheiten.

Das heißt, der DSV hat sich blenden lassen? Hätte man vor Olympia oder sogar generell mehr tun müssen?

Es gehört im DSV viel verändert, da müssten sich manche Leute hinterfragen, wie sie den Job machen. Man hackt immer auf den Aktiven rum, dabei werden ganze Nachwuchsjahrgänge vernichtet. Haarsträubend. Nehmen wir Jahrgang 1994, der bei Olympia jetzt im richtigen Alter ist, da sind Julian Rauchfuß und Alex Schmid in China, der Anton Tremmel hat die Norm nicht geschafft– aber es hat noch zehn von deren Qualität gegeben, die wurden einfach rausgeworfen. Denen wurde zu wenig Vertrauen entgegengebracht. Wenn man jungen Leuten kein Vertrauen schenkt, wird nichts aus ihnen.

Es fallen gute Leute durch den Rost?

Jeder Nachwuchsläufer ist ein eigenes Projekt – der eine kämpft häufiger mit Verletzungen, der andere steckt in einer Entwicklungsphase, die kannst du nicht in einen Topf werfen. Wenn einer nach einer langen Verletzung zurückkommt, und er schafft es wegen eines einzigen Platzes im Europacup nicht, dann wird der rausgeschmissen . . .

. . . und wenn . . .

Moment bitte. Schauen Sie: Der Stefan Luitz, der ist derzeit verletzt – glauben Sie, da war ein Trainer, der sich nach ihm erkundigt hat, wie es ihm geht? Das ist doch keine Art, und das ist das, was mich so furchtbar aufregt. Das hat es alles schon zu meiner Zeit gegeben: Es fehlt die Menschlichkeit.

Wenn Lena Dürr 20 Hundertstel schneller gewesen wäre und Kira Weidle 15, wäre es Gold und Bronze. Es wäre aber scheinheilig, wenn dann alles gut wäre.

Aber so ist es doch, so ist es immer schon. Da müssen wir uns nichts vormachen. Als Maria Höfl-Riesch gefahren ist oder Vicky Rebensburg, da haben deren Erfolge alles andere überstrahlt. So war’s auch bei den Österreichern, als Marcel Hirscher alles gewonnen hat.

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