Andreas Jung ist nach Bietigheim-Bissingen gekommen, um vor Ort Beweise zu sammeln. Und die werden dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU beim Besuch der Dürr AG auch gleich reihenweise präsentiert. Hier scheint sich dann auch Jungs in der eigenen Partei nicht mehrheitsfähige Überzeugung zu bewahrheiten, dass wirtschaftlicher Erfolg und konsequenter Klimaschutz durchaus in Einklang zu bringen sind. Und dies in einer Branche, die über lange Zeit als Schmuddelkind angesehen wurde: in der industriellen Karosserielackierung.
Beim Aufsprühen mit einer herkömmlichen Sprühpistole gelangten in den Hallen der Autohersteller früher massenweise gesundheitsschädliche Lösungsmittel in die Umwelt – weil diese Geräte lediglich einen Wirkungsgrad von 30 Prozent hatten. Heute sind die Lacke sauberer und die Geräte effizienter. Die von Dürr produzierten Lackierroboter gelten dabei als das Maß aller Dinge. „Im Moment liegen wir bei einem Wirkungsgrad von 80 Prozent, bald werden es 90 Prozent sein“, sagt Jochen Weyrauch, Vorstandsvorsitzender der Dürr AG.
Klares Bekenntnis zum Pariser Klimaziel
Dieser Roboter ist nur ein Beispiel für die Umsetzung einer eigenen Dürr-Klimastrategie, die Herstellung und Betrieb der gesamten Angebotspalette umfasst. Zu dieser gehören auch komplette Lackier- und Trocknungsanlagen. Ziel ist es, die betriebsbedingten Emissionen gegenüber 2019 bis 2030 um mindestens 70 Prozent zu reduzieren. „Wir bekennen uns mit voller Überzeugung zum Pariser 1,5-Grad-Klimaziel der EU“, sagt Jochen Weyrauch.
Auf dem grünen Weg wurden 20 Millionen Euro in die Energieeffizienz des Unternehmens gesteckt. Geld, das unter anderem für eine Photovoltaikanlage verwendet wurde – als Ergänzung zum bezogenen grünen Strom. Und dieser soll so weit und so schnell wie möglich das noch benötigte Gas ersetzen.
„Wir investieren gezielt in erneuerbare Energien, Energieeffizienz und klimafreundliche Produktionstechnik“, sagt Jochen Weyrauch während der Stippvisite von Andreas Jung, der von Dietrich Birk, dem Landesgeschäftsführer im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), begleitet wird. Das zahle sich nicht nur für die Umwelt aus. Nachhaltigkeit werde für die Kunden immer wichtiger, so Weyrauch.
Kritik an den PR-Tricks mit einem Umweltlabel
Auf dem falschen Weg sieht der Dürr-Chef Unternehmen, die im Zuge des Emissionshandels für einen zu hohen CO₂-Ausstoß Ausgleichszahlungen gezielt in Kauf nehmen. Diese Einnahmen sind von den jeweiligen Ländern für Klimaschutzmaßnahmen zu verwenden. Gleichzeitig erhalten Firmen für erkaufte Verschmutzungsrechte Zertifikate, die teilweise als eigene Klimaschutz-Nachweise interpretiert werden. Was damit endet, dass Unternehmen mit zu hohen Emissionen ihre Produkte mit dem Label klimaneutral versehen. Genau wie Konkurrenten, die unter dem festgelegten Wert bleiben und so diesen Handel erst ermöglichen.
„Unsere Richtschnur lautet: investieren statt kompensieren“, sagt Jochen Weyrauch, der den europäischen Handel mit Emissionszertifikaten für richtig hält, ein daraus abgeleitetes Umweltlabel aber als Wettbewerbsverzerrung versteht. Damit scheint die Dürr AG mit ihren 18 500 Beschäftigten aber umgehen zu können zu können. Denn bis zum Jahr 2030 soll der Umsatz von zuletzt 4,3 Milliarden auf sechs Milliarden Euro gesteigert werden – und das mit klimafreundlichen Mitteln.