Stuttgart - Die neue Normalität in Corona-Zeiten sollte auf zwei Säulen basieren: Die Verbraucher halten Abstand zueinander, und sie tragen Masken, um andere und auch ein wenig sich selbst zu schützen. Dass dafür die Zustimmung bröckelt, zeigt eine detaillierte Umfrage unter den Einzelhändlern im Land. Viele Kunden nervt und stört der Mund- und Nasenschutz, und sie halten den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern nicht mehr ein. Mitarbeiter fühlen sich davon auch gesundheitlich eingeschränkt, viele Händler fordern gar eine Aufhebung der Maskenpflicht, weil sie diese auch für die fehlende Kauflaune mit verantwortlich machen.
Natürlich sind ihre Klagen nachvollziehbar: Selbst Wochen nach der Öffnung können viele ihre Fixkosten nicht decken, weil die Kunden weniger kaufen – auch wegen der Maskenpflicht. Schon jetzt zögern die Verbraucher teurere oder nicht dringende Anschaffungen hinaus, weil viele in Kurzarbeit sind oder gar die Arbeitslosigkeit fürchten. Viele achten beim Einkauf grundsätzlich mehr auf den Preis. Besserung ist nicht in Sicht: Auch in den kommenden Monaten werden weniger potenzielle Kunden in die Innenstädte kommen, weil die Leute öffentliche Verkehrsmittel meiden und weniger in Restaurants, Kinos und Konzerte gehen.
Eine zweite Epidemiewelle wäre für den Handel verheerend
All das ist also wahr, und doch gilt: Steigen mit einer laxen Handhabung der Maskenpflicht oder anderer Schutzmaßnahmen die Infektionsraten wieder an, oder kommt es gar zu einer zweiten Epidemiewelle, ist das für viele Händler das Aus. Denn dann müssen sie die Geschäfte wieder schließen, und diese Verluste werden sie kaum noch ausgleichen können. Indem Händler die Abschaffung der Maskenpflicht fordern, gefährden sie auch ihren eigenen Erfolg. Und die Gesundheit vieler anderer noch dazu.
Die Landesregierung wiederum zeigt sich in offiziellen Statements damit zufrieden, dass die Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt werden. Weil das nicht immer die tatsächliche Lage beschreibt, könnte man auch sagen: Sie scheut die Konfrontation. Auch für sie ist es ein Abwägen zwischen der steigenden Unzufriedenheit der Bürger und möglicher Sanktionen. Wenn sie dabei zu zögerlich bleibt, könnte sie den Moment des Handelns verpassen.