Das kühle Herbstwetter macht auch anderen Schulen zu schaffen: „Die ersten Schüler und Lehrer melden sich krank, weil sie den ganzen Tag im Zug hocken“, sagt Felix Winkler, der Geschäftsführende Leiter der gewerblichen und haus- und landwirtschaftlichen Schulen sowie Leiter der Schule für Farbe und Gestaltung in Feuerbach. Denn nicht alle seiner Schützlinge sind so robust wie die angehenden Malermeister, von denen viele auch jetzt im T-Shirt dasäßen.
Kleine Megafone sollen die Stimmbänder der Lehrer entlasten
Die Disziplin beim Masketragen sei gut: „Die Schüler halten sich dran“, so Winkler. „Aber einige Lehrer leiden darunter“, berichtet der Schulleiter. Da man in Corona-Zeiten weniger Gruppenarbeit mache, werde der Unterricht notgedrungen lehrerzentrierter. Doch das lautere, dauernde Reden durch die Maske greife die Stimmbänder der Pädagogen an. Schwerhörige Lehrer hätten zudem Verständnisprobleme. „Aber wir sind da kreativ“, so Winkler, „wir haben einzelne kleine Megafone angeschafft.“
Für ein anderes Problem hat der Schulleiter noch keine Lösung gefunden: Zunehmend meldeten Betriebe von außerhalb ihre Azubis vom Berufsschulunterricht im Risikogebiet Stuttgart ab, um ihre Firma vor dem Virus zu schützen, mal seien es zehn, mal zwei Schüler in einer Klasse, „es ist komplett unkoordiniert“. Denn die Feuerbacher Schule biete Landes- und Bundesfachklassen an. So kämen die angehenden Lacklaboranten zum Blockunterricht aus ganz Deutschland. „Muss eine Schülerin, die aus dem Risikogebiet Berlin ins Risikogebiet Stuttgart kommt, zweimal in Quarantäne?“, so Winkler.
Elternvertreter fordern Maskenpausen für Schüler
Unterdessen beschäftigt auch den Gesamtelternbeirat (GEB) der Stuttgarter Schulen das Klima in den Klassenzimmern. Die Lüfterei werde sehr unterschiedlich gehandhabt, doch bereits mit dem regelmäßigen Lüften kühlten die Klassenräume zu stark ab, bei Dauerlüftung sei es für die Schüler unzumutbar, berichtet die kommissarische GEB-Vorsitzende Manja Reinholdt. Sie fordert, das Dauerlüften zu unterbinden sowie eine Lösung für „Maskenpausen“ für die Schüler. Und sie schlägt CO2-Ampeln vor.
Das Schulverwaltungsamt lehnt eine Beschaffung solcher Ampeln derzeit ab, da sich aus der Anzeige des CO2-Gehalts keine Rückschlüsse auf den Virengehalt der Raumluft ziehen ließen, so Amtschef Andreas Hein. Auch für die vom GEB im Blick auf Bonuscard-Schüler geforderte Finanzierung der Masken sieht Hein seitens der Stadt „aktuell keinen Anlass“. Die seien Alltagsgüter wie Kleiderstücke, mittlerweile zahlreich und billig zu erhalten. Zuständig für die persönliche Schutzausstattung der Lehrer hingegen sei das Land als Dienstherr. Dass die Stadt Wolldecken an frierende Schüler ausgebe, halte er „auch aus hygienischen Gründen nicht für sinnvoll“, so Hein. Dass in vielen Klassenräumen sogenannte Öffnungsbegrenzer nur eine Teilöffnung der Fenster ermöglichen, widerspricht den Empfehlungen des Umweltbundesamtes, entspreche aber den Sicherheitsvorgaben der Unfallkasse Baden-Württemberg – „zum Schutz der Schüler“.
Schulleiterin hat CO2-Ampeln für die Klassenzimmer selbst beschafft
In puncto CO2-Ampeln sind einige Schulen längst selber aktiv geworden. So hat Verena König, die Leiterin des Gottlieb-Daimler-Gymnasiums in Bad Cannstatt, bereits in den Sommerferien welche besorgt, für 27 Euro pro Stück, finanziert aus dem Schulbudget. Es handle sich um einen Luftgütemesser mit Funkuhr, einer Skala von Grün bis Rot und einer Alarmfunktion. „Ob es wichtig ist, die Luftgüte zu messen, kann ich nicht sagen“, so König, „es hilft aber, weil deutlich wird, wie sich die Luft verändert.“
Positive Erfahrungen damit gemacht hat auch eine Lehrerin an einer beruflichen Schule, die so ein Gerät auf eigene Kosten angeschafft hat, allerdings für 120 Euro. Sie nehme es immer mit nach Hause, damit es nicht geklaut werde. „Lüften ist ein Dauerthema“, sagt sie, „das mögen die Schüler nicht.“ Das Gerät habe die Akzeptanz für diese Maßnahme jedoch deutlich erhöht. „Ab 1100 ppm CO2 piept’s, da springen alle Schüler auf, und dann lüften wir“, so die Pädagogin. „Wenn das Klassenzimmer voll ist, muss ich schon nach 15 Minuten lüften.“
Verunsicherung bei Pädagogen und Schülern über künftige Maßnahmen
Bei Felix Winkler sind Luftmessgeräte schon wegen der Lösemittel längst im Einsatz. „Nach einer halben Stunde überschreiten wir die Grenzwerte.“ Er fragt sich wie viele seiner Kollegen, mit welchen Maßnahmen man bei einer weiteren Steigerung der Infektionsrate rechnen müsse. Auch Schüler fragten ihn das ständig. „Ich sag dann, ich weiß es nicht.“