„Medien im Raum & Network Culture“ beim Stuttgarter Filmwinter David gegen Google und Facebook

Alexander W. Schindler und Jack Wolf haben mit ihrer Protestaktion „In-Camera-Proceedings“  schrittweise den Algorithmus von Google Maps zerlegt – und daraus Landschaftsmodelle geformt. Foto: Filmwinter
Alexander W. Schindler und Jack Wolf haben mit ihrer Protestaktion „In-Camera-Proceedings“ schrittweise den Algorithmus von Google Maps zerlegt – und daraus Landschaftsmodelle geformt. Foto: Filmwinter

Wenn sich der Nutzer wehrt: Die Ausstellung „Medien im Raum & Network Culture“ teilt während des Stuttgarter Filmwinters clever gegen Internetkonzernriesen aus.

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Stuttgart -

Sperrig wirkt sie, die Ausstellung „Medien im Raum & Network Culture“, die im Rahmen des Stuttgarter Filmwinters fast das gesamte Obergeschoss des neuen Stadtmuseums einnimmt. Sperrig, abstrakt und auf den ersten Blick schwer zugänglich – und das, obwohl sie so wütend ist. „Die Künstler machen ihre Standpunkte sehr aggressiv deutlich“, so der Kurator Marcus Kohlbach vom Trägerverein Wand 5. Doch als Zuschauer erkennt man diese Wut erst auf den zweiten Blick.

Ein Teil der Wut richtet sich gegen die Onlineriesen des Silicon Valley: Auf vier Bildschirmen zerlegen Alexander W. Schindler und Jack Wolf mit ihrer Protestaktion „In-Camera-Proceedings“ schrittweise den Algorithmus von Google Maps. Als Wolf für einen Dokumentarfilm vor einiger Zeit Aufnahmen der Google-Drohne benutzen wollte, entdeckte er nämlich, dass er diese weder downloaden noch bearbeiten konnte. Was er online fand, war vielmehr eine Art virtuelles Weltmuseum im Besitz eines Großkonzerns – anfassen verboten: „Google tut zwar, als wäre es ein offenes Netzwerk“, so Wolf, „aber man kann die Daten nur passiv betrachten.“

Um sich den öffentlichen Raum von den Servern des Unternehmens zurückzuholen, drehten die beiden Künstler den Spieß nun um und attackierten den Konzern mit dessen eigener Technologie: eine virtuelle Drohne scannt die dreidimensionale Google-Maps-Erde und übersetzt die Bilder wieder in Modelle, die Schindler und Wolf für jeden zugänglich machen. „Dahinter steht die Frage, wie wir die Gesellschaft gestalten wollen“, meint auch Marcus Kohlbach. „Ist das Netz eine offene Community mit freiem Zugang, oder sollen wir es Privatpersonen wie Facebook und Google überlassen, die auch Eintritt verlangen können?“

Neutralisiertes Emotionsprofil

Zumindest in der Ausstellung scheint die Tendenz klar, denn auch Facebook bekommt Kontra. Die Web-Extension „Go Rando“ von Benjamin Grosser ist eine Attacke auf das Persönlichkeitsscreening des sozialen Netzwerks. Während Zuckerberg und sein Team nämlich jeden Like zu einem Käuferprofil zusammenbasteln, kehrt „Go Rando“ den Prozess um. Wie ein Virenscanner lässt sich das kostenlose Tool im heimeigenen Browser installieren und sorgt nebenbei dafür, dass sich das Facebook-Emotionsprofil neutralisiert.

Wirklich sehen kann man all das in der Ausstellung, die während der Festivaltage jeweils von 17 bis 22 Uhr geöffnet ist, natürlich nicht. Der Grund: Netzkunst ist streng genommen unsichtbar. Denn die Auseinandersetzung mit dem Netzwerk funktioniert nur in sich selbst und macht deshalb das Internet zur Ausstellungsplattform, nicht irgendeine Kunstgalerie. In der Realität müssen deshalb oft Stellvertreter herhalten: Auf kleinen Bildschirmen sind Demovideos der gesellschaftskritischen Kunstwerke zu sehen – mit einem Verweis auf die URL, unter der man sich das tatsächliche Objekt online anschauen kann.

„Wir haben die Ausstellung deshalb bewusst ,Network Culture’ genannt“, ergänzt Kohlbach. Das schließe auch Arbeiten mit ein, die sich mit popkulturellen Phänomenen des Netzes beschäftigen. Zu den sechs Netzkunstwerken kommen so noch fünf breiter angelegte Objekte, zum Beispiel die Installation „Let’s not play“ von Thomas Wagensommer, die das erfolgreiche YouTube-Genre „Let’s play“ weiterdenkt und parodiert. Daneben schafft die Schau immer wieder meditative Zwischenräume: „The Signal“ von Toby Tatum beschäftigt sich auf eine stille, poetische Art mit der Idee des Netzwerks. „Wenn man Dinge verbindet, entsteht etwas Neues. Etwas, was die einzelnen Objekte allein vorher nicht waren“, sagt Tatum. Drei Bildschirme mit Live-Ansichten aus Kanada, Japan und der Tschechischen Republik stellt der britische Künstler dafür in den Raum. In der Mitte jedes Bilds liegt eine virtuelle Skulptur, die auf verschiedene Umweltreize reagiert und so eine neue Gesamtkomposition schafft. „Das ist Kunst, die das Netz zelebriert“, resümiert Kohlbach.




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