Medienkunst beim Stuttgarter Filmwinter Manipulierte Spieler und nützliche Idioten

Von Bernd Haasis 

Was künstliche Intelligenz kann und mit Menschen macht, das loten einige Künstler aus in der Medienkunstausstellung des Stuttgarter Filmwinters in der Galerie Kunstbezirk. Andere wiederum beschäftigen sich mit Manipulation und Erinnerungslücken im Politikbetrieb.

Die stereoskopische Videoarbeit  „They Came Together to Perform Heroic Gestures (in the manner that was meaningful to them)“ von Gordon Winiemko (USA) beobachtet parallel  politischen Protest   und kleine Fluchten in Fantasiewelten bei einer Cosplay-Convention. Foto: Filmwinter 10 Bilder
Die stereoskopische Videoarbeit „They Came Together to Perform Heroic Gestures (in the manner that was meaningful to them)“ von Gordon Winiemko (USA) beobachtet parallel politischen Protest und kleine Fluchten in Fantasiewelten bei einer Cosplay-Convention. Foto: Filmwinter

Stuttgart - „Neoliberalismus ist eine Kunstbewegung“, behauptet die Installation in der Medienkunst-Ausstellung beim Stuttgarter Filmwinter, und der Spieler muss nun binnen weniger Sekunden einen der Knöpfe für „wahr“ oder „falsch“ drücken – zugleich aber darauf achten, ob das Spiel ihn anweist, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen und dann genau das Gegenteil tun. Jede richtige Reaktion gibt einen Punkt – jede falsche einen Minuspunkt. Der Knoten im Kopf wird irgendwann immer größer, die Minuspunkte häufen sich an und irgendwann ist man sich nicht einmal mehr sicher, wie man diese Aussagen einordnen soll: „Faschismus ist eine politische Einstellung, die auf Toleranz basiert.“

„To call a Horse a Deer“ („Ein Pferd als Reh bezeichnen“) heißt die Arbeit von Ip Yuk-Yiu, in der sich die Beugungen und Manipulationen des Fake-News-Zeitalters spiegeln. Der Künstler stammt aus der Metropole Hongkong, deren Bevölkerung seit Monaten für ihre demokratischen Bürger- und Freiheitsrechte auf die Straße geht.

Absurde Erinnerungslücken

Was vom NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages bleibt, zeigt Katharina Kohl in „Erinnerungslücken/Innere Sicherheit“: Sie ist den Aktenberg durchgegangen und hat alles geschwärzt bis auf die Stellen, an denen sich Befragte nicht erinnern können – was auf jeder der über einen Monitor laufenden Seiten mindestens einmal der Fall ist. „Am besten gefällt mir die Formulierung , Das ist mir nicht erinnerlich‘“, sagt Kohl, die zur Ausstellungseröffnung nach Stuttgart gekommen ist. Einzelne Sätze des Vergessens hat sie hörspielartig einsprechen lassen, über dem Monitor zieht eine projizierte Prozession angeketteter Aktenordner vorbei. „Es kam nicht heraus, das ist völlig absurd, und meine Arbeit ist die absurde Antwort darauf.“

Gleich mehrere in der städtischen Galerie Kunstbezirk widmen sich der Frage, wozu künstliche Intelligenz (KI) jetzt schon in der Lage ist, und wohin ihre Entwicklung führen könnte. „KI ist ein großes Wort“, sagt der Filmwinter-Kurator Marcus Kohlbach, „es handelt sich um nichts weiter als um Datenverarbeitung durch Algorithmen – letztlich also eigentlich um nützliche Idioten.“ Karl Heinz Jeron hat für „Cryptic Life Signs from the Multiverse“ einem Algorithmus beigebracht, Musik aus Netzwerken wie Soundcloud und Youtube zu ziehen und daraus eigene, durchaus hörbare Werke zu generieren. „Für uns klingt das Ergebnis zufällig, für den Rechner ist es das nicht, er folgt mathematischen Prinzipien“, sagt Jeron – und das sei auch der Grund für eine gewisse Nähe zu Neuer Musik erklären kann: „Die Serielle Musik zum Beispiel ist ebenfalls mathematisch aufgebaut.“ Genützt werde das aber vor allem im Pop: „Dieter Bohlen ist obsolet“, sagt Jeron.

Kreative Algorithmen

Werden bald alle Pophits von Algorithmen komponiert sein? Auch in Hollywood sollen sie nun zum Einsatz kommen und nach Erfolgswahrscheinlichkeit Stoffe für Drehbücher generieren. Ein treffendes Abbild der schönen neuen Welt haben die Amerikaner Daniela Rossell und Galen Jackson gefunden: „Computer with an Internet Connection“ heißt ihr Werk, und schon in Titel steckt die Botschaft – es ist die Antwort auf Dziga Vertovs wegweisenden experimentellen Dokumentarfilm „Der Mann mit der Kamera“ von 1929. Während im rechten Projektionsfenster zu sehen ist, laufen links in schneller Folge ähnliche Motive durch, die ein Algorithmus beständig aus dem Internet fischt – eine erdrückende Flut beliebiger Bilder tritt an die Stelle des scharfen Fokus von Kameraleuten mit einem Gestaltungswillen.

Um harte Realität und die Flucht daraus geht es Gordon Winiemko (USA) in seiner stereoskopische Videoarbeit „They Came Together to Perform Heroic Gestures (in the manner that was meaningful to them)“: Er beobachtet mit der Kamera eine wütende Masse von Demonstranten gegen Donald Trump und parallel Leute bei einer Cosplay-Convention, die als Iron Man, Elfe oder Freiheitsstatue verkleidet für Kameras posieren – und dabei heldenhafte Ideale verkörpern.

Erstaunliche Verschränkungen bietet die Medienkunst beim Filmwinter in diesem Jahr; und überall schwingt die Warnung mit, noch weniger als früher einem ersten Anschein zu vertrauen.




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